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Die Quadratur des Kreises

Im Stadtrat zeigt sich das gewachsene Unvermögen im Umgang mit der »Runden Ecke«

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Die AfD fragt im Stadtrat nach den Geschehnissen im Museum in der »Runden Ecke« und niemand will sich vor ihren Karren spannen lassen. Warum musste es so weit kommen?

Die Erinnerung an die Ereignisse im Herbst 1989 ist eine Verpflichtung der Stadt Leipzig, die den 9. Oktober seit 2009 als städtischen Gedenktag feiert. Im Museum in der »Runden Ecke« wird das ganze Jahr über an die Stasi erinnert. Die dortige Ausstellung stammt aus dem Jahr 1990 und wirkt wie ein Museum im Museum. Seit zehn Jahren ist die Ausstellung »Leip-zig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution« zu sehen. Ursprünglich war sie als Sonderausstellung zum 20. Jahrestag der Herbstereignisse von 1989 gedacht und sollte längst auf Drängen von Politik und Verwaltung überarbeitet und an einem neuen Ort gezeigt werden. Passiert ist nichts. Der kreuzer berichtete im Juni ausführlich über die zahlreichen Probleme hinsichtlich der personellen und wissenschaftlichen Situation in der Gedenkstätte und deren Trägerverein – dem Bürgerkomitee.

Anfang September fragte nun die AfD-Fraktion im Stadtrat, wie die Stadt und im Speziellen das Kulturamt mit den offensichtlichen Problemen umgeht – von angegrauten Ausstellungen bis zur Rolle des Direktors, Tobias Hollitzer. Warum interessiert sich die AfD plötzlich für die Gedenkstätte? Bereits im Wahlkampf versuchte die AfD die Wende als Wahlstütze zu benutzen. Im April hatte sich das Bürgerkomitee vehement gegen die Verwendung und den Missbrauch von 1989 gewandt und gegen die Wahl von linken und rechten Populisten aufgerufen.

Die Anfrage kann als Retourkutsche interpretiert werden, um Einfluss auf die Geschichtsschreibung zu nehmen. Die Diskussion im Stadtrat zeigt das seit Jahren gewachsene Unvermögen im Umgang mit der »Runden Ecke« und den Unwillen des Parlamentes, sich die eigenen Fehler parteiübergreifend einzugestehen. 

In der Debatte vertrat Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke die Meinung, dass es schon »ernsthafte Gespräche« gegeben habe und die Ausstellung trotz aller Probleme »sehr gut« ankomme. Woraus sich
diese Erkenntnis speist, wurde nicht genannt. Vehement wollte Jennicke sich und auch nicht die Stadt instrumentalisieren lassen, um Vereinsarbeit zu beeinflussen. 

Oberbürgermeister Jung möchte jetzt auch kein »Klein-Klein« in der Debatte und erkennt stattdessen »Schwung in einer neuen Gedenk-, Erinnerungs- und Demokratiekultur« im Hinblick auf das neue Forum Matthäikirchhof. Zeitzeugen von 1989 schütteln nur den Kopf bei dem Gedanken, dass Akteure wie Tobias Hollitzer bei diesem Projekt aktiv sein sollen. Jetzt muss für eine zeitgemäße Ausstellung und Vermittlung gestritten werden. Die Stadt sollte sich an ihre Beschlüsse der letzten Jahre erinnern und sich nicht erpressen lassen – von welcher Seite auch immer.  

Um Schwung entstehen zu lassen und den offensichtlich überforderten Trägerverein zu entlasten, wäre eine Stiftung nicht schlecht. In ihr fänden Vertreter der Stadt, des Landes, des Vereins, Wissenschaftler und Zeitzeugen Platz und agierten gemeinsam und transparent. 

Der 30. Jahrestag bietet einen guten Anlass, um Veränderungen vorzunehmen. Im nächsten Jahr feiert die Dauerausstellung 30. Geburtstag, und dazu wäre ihr ein neues Gesicht durchaus zu wünschen. 

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