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Wie das Kunstfeld mit dem Herbst
 1989 umgeht

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30 Jahre nach dem Herbst 89 zeigt die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ende der DDR und der Nachwendezeit nur einen Teil der Geschichte. Sozial-dokumentarische Arbeiten sind in Ausstellungen anlässlich des Jubiläums nicht vertreten.

Ein Mädchen im Minnie-Mouse-Pullover sitzt vor einem Heizkörper, darüber eine Gardine mit langen Fransen. Das Kind zeigt mit angeödetem Blick den Mittelfinger gen Betrachter. Das Still stammt aus der Arbeit »Triangular Stories« von Henrike Naumann. Geboren 1984 in Zwickau, studierte sie Bühnen- und Kostümbild an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste sowie Szenografie an der Filmuniversität Babelsberg. Die Arbeit ist eine Installation mit zwei Videos und darum herum Möbeln vom Set der Videoproduktion, denn die Filme entstanden mit Schauspielern. Sie erzählen aus zwei sehr unterschiedlichen Welten der neunziger Jahre: Die Reichskriegsflagge und das Video mit Jugendlichen, die das Leben der NSU-Mitglieder abbilden könnten, und die Klubwelt im Westen. Die Arbeit wurde 2015 vom Freistaat angekauft und ist jetzt in der Sammlung Kunstfonds daheim. In der Ausstellung mit dem Titel »Nach meiner Kenntnis ist das sofort …, unverzüglich« – dem legendären Zitat von Günther Schabowski am 9. November zur Reisefreiheit der DDR-Bürger – zeigen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zum 30. Jahrestag des Mauerfalls die Arbeit von Naumann neben einer Gemäldeschaukel von Via Lewandowsky und einer Dokumentation von Mario Pfeifer.

Lewandowsky, geboren 1963 in Dresden, studierte Mitte der achtziger Jahre an der Dresdner Kunsthochschule und war Mitglied der Künstlergruppe Autoperforationskünstler. Sie arbeitete jenseits der Leinwand als Performer und folgte einem erweiterten Kunstbegriff. Die Bilder von Lewandowsky tragen die Titel »Gefrorene Glieder brechen leicht« (1988) und »Gruß« (1989). Die Leinwände schwanken aufgrund der Schaukelvorrichtung, die mit Steinen aus der Frauenkirchenruine bestückt ist. Das Bild von 1988 zeigt, wie sich zwei Körper aus einem Oberkörper herauszwängen. Der Arm zum Gruß ein Jahr später wirkt wie eine überdimensionale Ritterrüstung. Zwang und Unfreiheit lassen sich damit assoziieren. Den künstlerischen Zeugnissen, die sich nicht in Überschwang und Freude zu 30 Jahre Mauerfall lesen lassen, steht die neunstündige Dokumentation von Mario Pfeifer aus dem Jahr 2016 zur Seite. Sie trägt den sperrigen Titel »Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen/Deutschland«. Pfeifer, geboren 1981 in Dresden, studiert in Leipzig, zeigt Interviews, die von den Erlebnissen im Herbst 1989 bis heute erzählen. 

Die Neue Sächsische Galerie in Chemnitz wendet sich speziell den Kunstschaffenden zu, die im Herbst 1989 schon über 30 Jahre alt waren, und so lautet der Titel auch »Wende mittendrin«. Wie wirkte sich der gesellschaftliche Umbruch auf die künstlerische Arbeit aus? Was passiert, wenn die gewohnten Rahmenbedingungen wegfallen? In der DDR wurden genau so viele Menschen zum Studium an den drei Kunsthochschulen zugelassen, dass alle von ihrer künstlerischen Arbeit leben konnten. Anschließend wurden die Absolventen in den unterschiedlichen Bezirken ohne Kunsthochschule angesiedelt – oder siedelten sich selbst an –, um mittels öffentlicher Aufträge ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die vier ausgewählten Kunstschaffenden präsentieren nun die unterschiedlichen Entwicklungen nach 1989: Erika Stürmer-Alex war zur Wende 51 Jahre alt, Helfried Strauss, geboren 1943, arbeitete von 1993 bis 2008 als Fotografie-Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Wolfgang Smy wurde 1952 in Dresden geboren, wo er auch Malerei studierte, und Wolfgang Henne, 1949 in Leipzig geboren, studierte sowohl in Leipzig als auch an der Akademie der Künste in Berlin. 

Viel unkonkreter gibt sich die Ausstellung »Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst«. Hierbei sind von mehr als 100 Kunstschaffenden über 300 Arbeiten zu sehen, um das Gefühl und die Bilder zum Umbruch einzufangen. Die Mehrzahl der Kunstwerke sind Gemälde und auch die Skulpturen und die wenigen Fotoarbeiten vermitteln einen konservativen Kunstgeschmack in der DDR. Diesen hatten durchaus viele Kunstfunktionäre – aber selbst in den offiziellen Kunstausstellungen der DDR ging es munterer und multimedialer zu als in der dritten Etage des Museumsbaues. Darüber hinaus fehlt ein entscheidender Aspekt: Im Willen, Kunstgeschichte als Individualgeschichte zu schreiben, wie es das Kuratorentrio Paul Kaiser, Christoph Tannert und Alfred Weidinger formulierte, erfährt der Betrachter nirgends, wo und wann die Arbeiten um 1989 zu sehen waren, wenn sie denn die Vorbestimmung der Wende erahnen lassen. 

Auffallend ist im Hinblick auf das Jubiläum, dass sozial-dokumentarische Arbeiten in den Ausstellungen fehlen. Dazu gehören Fotoserien und Videos, die Anfang der neunziger Jahre entstanden und für den Osten wichtige Themen – wie Arbeitslosigkeit und Rechte – zeigten. Das ist eine besondere Schwachstelle vor allem im Hinblick auf die aktuelle gesellschaftliche Situation. 

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