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Angestaubt

Die Leipziger Späti-Kultur droht auszusterben. Warum ist das so?

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Spätabends oder am Sonntag mal eben ein kühles Bier holen – Was eigentlich so einfach sein könnte, wird in Leipzig immer schwieriger. Nur noch wenige Spätis haben länger geöffnet als reguläre Supermärkte. Schuld daran ist ein Landesgesetz. Doch es lässt einen gewissen Spielraum offen.

Zwei Männer stehen vor einem verschlossenen Laden irgendwo im Leipziger Stadtgebiet. Der Jüngere der beiden, ein schlaksiger Typ in seinen späten Zwanzigern, lehnt im Türrahmen, die gefalteten Hände hinter dem Rücken versteckt. Der Ältere, ein rundlicher Mann mit starker Gestik, steht in der Mitte des Gehwegs. Er dreht seinen Kopf von links nach rechts und wieder zurück, hält Ausschau.

Es ist Sonntag, später Nachmittag. Dass die beiden Männer hier stehen, ist kein Zufall. Vielmehr ist es eine Verkaufsstrategie. Sobald potentielle Kunden den Gehweg entlang schlendern, lächelt sie der Jüngere freundlich an. Einige der Vorbeilaufenden kennen das System schon. Sie nicken dann zurück. Der Jüngere schaut sich kurz um, vergewissert sich nochmal bei seinem Kollegen und wenn auch dieser nickt, schließt er die Tür auf. Schnell rein und dann noch schneller die Tür von innen wieder zumachen. Drinnen bleibt das Licht aus, nur die drei Kühlschränke leuchten ein wenig.

Keine Drogen, sondern ne Limo

Wer jetzt denkt, hier ginge es um zwielichtige Drogen- oder Waffengeschäfte, irrt gewaltig. Die beiden Männer betreiben einen Späti, der Sonntagnachmittag ein paar Getränke verkauft. Doch auch das ist in Leipzig nicht ganz legal.

Grund dafür ist das Sächsische Ladenöffnungsgesetz von 2010. Darin steht, wann Verkaufsstellen in Sachsen öffnen dürfen: von Montag bis Samstag, jeweils von 6 bis 22 Uhr. Davon ausgenommen sind lediglich Verkaufsstellen, für die es eine explizit im Gesetz verankerte Sonderregelung gibt; wie etwa Tankstellen, Bistros oder Bahnhofsläden. Spätverkäufe kennt das Sächsische Ladenöffnungsgesetz nicht, somit gibt es für diese auch keine Sonderregelungen.

Im Vergleich zu Berlin oder Köln ist die Leipziger Spätilandschaft zwar karg, trotzdem gibt es einige Läden, die außerhalb der gesetzlich geregelten Öffnungszeiten verkaufen. Wie das sein kann? Die Gründe dafür sind vielfältig.

Gesetze lassen sich teilweise umgehen

Eine bedeutende Rolle spielt das Ordnungsamt. Es hat die Aufgabe, zu kontrollieren, ob sich die verschiedenen Verkaufsstellen (in diesem Fall Spätis) an die gesetzlich vorgeschriebenen Öffnungszeiten halten. Vor ein paar Jahren hieß es aus den Reihen des Ordnungsamtes noch, dass die Beamten erst aktiv werden, wenn es Beschwerden, etwa von Anwohnern oder konkurrierenden Supermärkten, gibt. Anlasslose Kontrollen gebe es nicht. Mittlerweile scheint das Ordnungsamt diesen Kurs verlassen zu haben. In einigen Vierteln von Leipzig kam es in letzter Zeit zu einer Flut an Klagedrohungen und daraus resultierenden Anpassungen der Öffnungszeiten der Spätis, wie Recherchen des kreuzer ergeben haben.

Ein weiterer Grund aus dem es in Leipzig immer noch Läden gibt, die auch außerhalb der vorgeschriebenen Zeiten öffnen, sind Grauzonen, die es erlauben, die gesetzlichen Regelungen zu umgehen. Etwa, indem man den Späti zu einer Verkaufsstelle mit Sonderregelung umwidmen lässt.
So ist es beispielsweise relativ einfach, aus einem Späti eine so genannte E-Tankstelle zu machen. Alles, was es dafür braucht, sind ein paar Außensteckdosen und etwas bürokratisches Geschick der Besitzenden. Da Tankstellen laut Ladenöffnungsgesetz rund um die Uhr geöffnet haben dürfen, können Spätis, die als E-Tankstelle eingetragen sind, frei über ihre Öffnungszeiten entscheiden. Diesen Weg haben unter anderem die »Ahoi«-Spätis gewählt.

Mehrheit der Stadtratsfraktionen fordert kommunale Handhabe

Weitere Möglichkeiten sind die Umwidmung zu einem Imbiss wie etwa beim »Kiezkontor« in der Zweinaundorfer Straße, zu einer Videothek, oder zu einer Gastronomie mit Einzelhandel wie beim »Schwarzmarkt« in der Georg-Schwarz-Straße. Für jede dieser Formen muss eine Vielzahl an gesetzlichen Auflagen erfüllt werden. Einige davon sind ziemlich kurios, so müssen einige Produkte am Abend durch eine Jalousie versteckt werden. Diese Umwidmungen bringen erheblichen bürokratischen Aufwand mit sich, der für viele Läden kaum, oder gar nicht umsetzbar ist.

Nun ist es so, dass Spätverkäufe ihr Hauptgeschäft am späten Abend oder an Feiertagen machen – genau dann, wenn sie eigentlich geschlossen bleiben müssten. Solange das Gesetz darauf nicht reagiert, wird sich neben einer erbitterten Suche nach immer neuen Grauzonen auch das Spätisterben nicht verhindern lassen. Eine Anpassung des Sächsischen Ladenöffnungsgesetzes scheint dringend notwendig, um dem großstädtischen Lebensstil gerecht zu werden. Das sehen nicht nur Spätibesitzer so, sondern mit Ausnahme der AfD auch alle Leipziger Stadtratsfraktionen. Auf Nachfrage des kreuzer fordern vor allem Linke, Grüne und SPD Möglichkeiten des kommunalen Eingriffs in das angestaubte Landesgesetz.

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