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Editorial 11/19

Das neue Heft ist da!

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An dieser Stelle veröffentlichen wir das Editorial der November-Ausgabe des kreuzer. Chefredakteur Andreas Raabe erzählt eine Anekdote, die nicht mehr in unsere Titelgeschichte über die Spinnerei gepasst hat, verrät Tricks aus der Schreiberschule für Journalistenlehrlinge und gibt Lebensweisheiten von Oma Klausing zum Besten.

Als die Leipziger Baumwollspinnerei Ende April 2005 das erste Mal zum großen Rundgang rief, da war es um Leipzig geschehen. Geschichten von Sammlern in Learjets, Bildern für Hundertausende Dollar, jungen Malerstars in New York, Rio, Tokio kursierten, die New York Times berichtete. Das Ganze verband sich mit der etablierten Subkultur im Süden der Stadt und die Story vom Leipzig-Hype war geboren. Ausgangspunkt: Spinnerei. Ich schreibe das hier mal auf, nur, falls es jemand vergessen hat. Denn inzwischen sind fast 15 Jahre vergangen. Leipzig hat einen ganz erstaunlichen Wandel durchgemacht, der noch lange nicht an seinem Ende ist – aber auf die Zielgerade einzubiegen scheint: der gelingenden kommerziellen Verwertung urbaner Coolness. Wir haben all dies zum Anlass genommen, die Geschichte des Industriegeländes im Westen der Stadt Revue passieren zu lassen und nachzuschauen, wie es heute dort aussieht. kreuzer-Autor Clemens Haug hat ein paar Monate recherchiert, seinen umfangreichen und spannenden Bericht lesen Sie in unserer Titelgeschichte ab Seite 14.

Schließlich hatte Haug so viel Material zusammen, dass es alles gar nicht hineinpasste in seinen Text über die Baumwollspinnerei. Darum erzählt Daniel Schörnig, Konzeptkünstler und seit 1998 mit Wohnatelier auf der Spinnerei, hier eine Anekdote zum Nutzungskonzept der Spinnerei und zu einem Hinweis auf ihr Erfolgsgeheimnis. Daniel Schörnig: »Westwerk, Tapetenwerk und Co.: Es gab andere, die sich am großen Vorbild orientiert haben. Man sieht auch – Stichwort Konsumfiliale –, wie schnell Leute da vom rechten Weg abkommen. Die Spinnerei geht da klüger vor und holt Akteure rein, die kulturell sind, aber auch profitabel. Architekten und Ingenieure und so weiter. Aber dann sind sie auch pragmatisch genug, ein Callcenter reinzusetzen. Das bringt eine stabile Mieteinnahme rein, wirkt aber auch ein bisschen außerirdisch da auf dem Gelände. Callcenter gelten ja als eine der unteren Etagen prekärer Arbeitsverhältnisse. Das ist schon ein eigentümlicher Widerspruch: das High-End-Business der Galerien und das Low-End der armen Tröpfe, die zum Mindestlohn telefonieren müssen. Die Leute sieht man andauernd, weil sie ständig Schichtwechsel haben. Dort brennt das Licht Tag und Nacht. Nachts ist das so hell erleuchtet, dass es oben bei mir im Atelier nicht mehr richtig dunkel wird. Aber man hat auch andere Erlebnisse: Ich verkaufe immer mal wieder einen alten Sessel bei Ebay. Dann hatte ich mich mal durch die Hotline telefoniert: Wenn Sie XY wissen wollen, drücken Sie die Eins und so weiter. Nach sechs oder acht Minuten hatte ich endlich jemanden am Hörer und fragte, ja, wie ist denn das? Da guckte sich der meine Daten an und sagte: Ach, Sie sind ja auch hier auf der Baumwollspinnerei. Der saß also wirklich im Gebäude gegenüber. In dem Callcenter gibt es auch eine EbayBrigade. Wir hätten uns zuwinken können.«

And now for something completely different. Es gibt einen Trick aus der Schreiberschule für Journalistenlehrlinge und der geht so: Wenn dir kein guter Textanfang einfällt, beginne mit einer möglichst allgemeingültigen Wahrheit, die irgendwie passt. Zum Beispiel so: »Es gibt Momente im Leben, da blickt man zurück und stellt fest: Unglaublich, wie schnell der Mensch lernt.« Das wirkt dann oft ein wenig hölzern und schon beim zweiten Hinschauen irgendwie verwelkt. Im Fortgeschrittenenkurs lernt man, dass so eine allgemeingültige Wahrheit nur funktioniert, wenn sie echt ist, authentisch – und nicht nur ausgedacht. Dann erzeugt sie einen Hall im Kopf der Lesenden, der monatelang anhält. Das wars auch schon.

Am Ende zählt nur eins: Durchhalten und anständig bleiben. Oder wie Oma Klausing zu sagen pflegt: Scheint der Himmel manchmal trübe, immer hoch die alte Rübe.

In diesem Sinne: Prost!
ANDREAS RAABE

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