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Die Widersprüchliche

Die Geschichte der Spinnerei ist ein Symbol für Leipzigs Stadtentwicklung

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Schön, berühmt und voll vermietet: Die Verwandlung der Leipziger Baumwollspinnerei zum Zentrum von Kunst und Kreativwirtschaft ist eine tolle Erfolgsgeschichte, darauf können sich alle einigen. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten schon, hinter den Kulissen schwelen Konflikte.

Stefan Stößel war schon an dem Punkt, wo er dachte: »Nichts wie weg hier.« Aber dann blieb er doch. Da sind ja die Schönheit des Raumes und seine vielen Sachen hier: Ein rund 100 Quadratmeter großes Atelier mit zwei riesigen gusseisernen Kastenfenstern, mit Lager, Büro und kleiner Küche. Überall stehen und hängen Arbeiten, liegen Bücher und Materialien in Regalen und Schränken. Als er 1994 sein Atelier in der Spinnerei bezog, betrug die Miete pro Quadratmeter 2,75 Mark. Der Raum war improvisiert, Strom und Nebenkosten wurden mit Abschlägen beglichen, Zähler gab es keine. Seit der Sanierung ist das alles anders. Was er inzwischen bezahlt, mag er nicht veröffentlichen, nur: Seine persönliche Schmerzgrenze habe er schon vor Jahren überschritten.

Ein x-beliebiger Sonnabend im Mai 2019, kurz vor 11 Uhr mittags. Es regnet, auf dem unebenen Pflaster haben sich Pfützen gebildet. Vor der Halle 10 der Spinnerei warten Touristen auf die erste Führung des Tages. Als eine junge Studentin der Kunstgeschichte kurz da-rauf die Tür zum Archiv Massiv, einer Art Empfangshalle für das Spinnerei-Gelände, aufschließt, strömen fast 30 Gäste zur Kasse. Einige Eltern sind dabei, die ihre erwachsenen Kinder in deren Studentenstadt Leipzig besuchen. Aber es gibt auch Besucher aus dem Ruhrgebiet, deren spezielles Interesse alter Industriekultur gilt. Sie sind nur für die Spinnerei nach Leipzig gekommen. Ein älteres Paar aus Franken ist zum ersten Mal in der Stadt und folgte seinem Reiseführer. Dort ist die Spinnerei eine Top-Sehenswürdigkeit. Die Gruppe wird durch die Höfe und Hallen geführt, besucht eine Galerie und das Luru-Kino, später noch eine Kunsthandwerkerin in ihrer Porzellanwerkstatt. Als die Touristen kurz vor zwölf zum Ausgangspunkt zurückkehren, warten dort bereits die nächsten 40 Besucher auf eine Führung.

Vom Lost-Place zum Touristenmagnet, von der leeren Garn- zur vollen Kunstfabrik. Einige sind von dieser 
Verwandlung manchmal überfordert. »Ich möchte kurz rüber ins Café und einen Kaffee trinken und denke darüber nach, ob ich mich umziehen muss«, sagt Daniel Schörnig. »Weil da stehen drei Reisebusse, aus denen Leute mit Fotoapparaten und Rollatoren aussteigen. Und man weiß, man betritt eine Öffentlichkeit, wie es sie kaum irgendwo gibt in der restlichen Umgebung.« Als der Künstler 1998 sein Wohnatelier bezog war die Spinnerei genau wie der ganze Leipziger Westen noch verlassen. War es damals schon klar, dass es anders werden würde?

Die Leipziger Baumwollspinnerei war mal eine der größten Fabriken ihrer Art in Europa. Die Gebäude haben besonders dicke Wände und Dächer mit Korkdämmung, Erde und Schnittlauch darauf. Im Inneren konnten so sommers wie winters konstant 23 Grad Celsius gehalten werden. Bei dieser Temperatur läuft das Garn am besten. Die Spinnerei beschäftigte Tausende Arbeiterinnen, produzierte Millionen Meter Garn jedes Jahr und war der Stolz ihrer Aktionäre, allen voran die Allgemeine Deutschen Creditanstalt ADCA, die damals größte Leipziger Bank.

Nach dem Krieg wurden die Privateigentümer enteignet und die Spinnerei in einen Volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt. So existierte sie bis zum Ende der DDR fort. Ihre Verwandlung in eine Kunstfabrik danach war zunächst eher ein Zufall. Dass sie dadurch aber eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt mit internationaler Bekanntheit geworden ist, daran haben ihre neuen Eigentümer kräftig mitgewirkt. Wie jede Erfolgsgeschichte hat auch diese Ängste und Neid ausgelöst und Kritiker hervorgebracht. Und dass sich die öffentliche Hand in den vergangenen Jahren durchaus großzügig mit Fördergeld an der Sanierung der Immobilie beteiligt hat, obwohl der Eigentümer ein privatwirtschaftliches Unternehmen ist, die MIB AG, wirft manche Frage auf. Letztendlich aber produzierte der Erfolg der Spinnerei eine ganze Reihe von Gewinnern in Leipzig. Wie hat sie das geschafft?

Die mit dem Michelin-Männchen

In den ersten Jahren nach der Wende werden die DDR-Betriebe Leipzigs reihenweise geschlossen. Ihre Maschinen sind veraltet, ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu D-Mark-Preisen nicht mehr konkurrenzfähig. Zehntausende Menschen werden arbeitslos. Regina Lenk, vormals technische Direktorin des VEB Baumwollspinnerei, verwaltet die riesige Immobilie für die Treuhand. Rund 100.000 Quadratmeter messen alle Flächen zusammen, auf einem Großteil davon ist die Produktion bereits abgewickelt. 1993 entscheidet sich Rolf-Michael Kühne zum Kauf der Fabrik. Der Kölner hat bereits einige Ostbetriebe für wenig Geld erworben und versucht mit ihren Resten Geld zu verdienen. In Teilen der Spinnerei lässt er Cord fertigen für den französischen Reifenhersteller Michelin, den mit dem Michelin-Männchen. Überall sonst verschwinden 
Arbeit und Arbeiter aus den Gebäuden.

Regina Lenk versteht früh, dass die Flächen schneller verfallen, wenn sie von niemandem genutzt werden. Überall in Lindenau und Plagwitz werden frühere Betriebe durch Einbruch und Vandalismus zerstört. Aber erst als Kühne die Fabrik übernimmt, darf sie Flächen einzeln vermieten. Über ihren späteren Ehemann lernt die Verwalterin Peter Bux kennen. Bux, ein junger Künstler von der Frankfurter Städelschule, kommt 1994 zu einem Austausch mit der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Die HGB hat sich aber nicht um Räume gekümmert. Die Spinnerei sei dann der Plan B gewesen, erzählt der Kunstrestaurator heute. Zusammen mit Manfred Mühlhaupt zieht er in die frühere Fabrik ein. Der Rest ist Mundpropaganda.

Auf Bux und Mühlhaupt folgen Peter Kraußkopf und Neo Rauch, dann Stefan Stößel, Christiane Baumgärtner, Michael Kriegel, Oliver Kossack, Sandro Porcu, Käseberg und weitere. Die Liste der Menschen, die die Spinnerei in einen Ort der Kunst verwandelt haben, ist lang.

Arbeiterinnen im Jahr 1909: Die Leipziger Baumwollspinnerei war einst der größte Betrieb seiner Art in Kontinentaleuropa

Stefan Stößel erinnert sich, dass bei seiner Ankunft in einigen Gebäuden noch Industrieproduktion stattfand. »Bis zur Wende waren hier Tausende Frauen als Arbeiterinnen beschäftigt. Im Treppenhaus sind wir uns noch begegnet, wenn wir morgens kamen. Manchmal war das ein merkwürdiges Gefühl. Krisengewinner ist nicht der richtige Ausdruck dafür, aber irgendwie haben wir ja profitiert von dem…

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