Startseite / Kultur / »Manchmal flowt es eben einfach«

»Manchmal flowt es eben einfach«

Die Gaddafi Gals über Formen der Organisation, der Kunst und des Wohnens in Berlin

Größeres Bild

Unter den klingenden noms de guerre Slimgirl Fat, Blaqstar (die unter dem Namen Ebow Welle im Deutschrap macht) und Walter P99 Arkestra machen die Gaddafi Gals Pop, wie man ihn so nicht aus Deutschland kennt. Die teilweise auf Walters Leipziger Zeiten zurückgehenden Beats sind düster-verschwommen, der Gesang R’n’B-mäßig cool, die Thematiken Fila, Sex und Spritztouren im Mitsubishi.

 

kreuzer: Gaddafi Gals, seid ihr intern eine Demokratie?

NALAN: Würden wir so sagen.
EBOW: Auf jeden Fall. Bei uns gibt es keine Hierarchie, dadurch, dass wir uns als Crew und nicht als Band verstehen, ist jede Meinung gleich gewichtet.

kreuzer: Die Leute, gerade in Leipzig, gründen heutzutage generell viel mehr »Crews« und »Kollektive« als »Bands«. Wo ist da für euch der Unterschied?

WALTER: Eine Band hat dieses klassische organisatorische Format, in das wir uns nicht einreihen wollten.
EBOW: Nalan hat das letztens schön erklärt: Wir lassen uns dadurch viele Optionen offen, es gibt nicht den klassischen Leadsänger oder die Leadsängerin. Wir haben auch alle unsere Soloprojekte und die schneiden sich nicht mit Gadaffi Gals, eben weil wir uns als Kollektiv verstehen. Das ist der Unterschied, vor allem auch, weil man mehr macht, als einfach nur Musik zu produzieren.
NALAN: Mit verschiedenen Institutionen wie Theater oder der Kunstszene.
WALTER: Ich war in Leipzig aber auch schon in verschiedenen Kollektiven. Darfst du alles nicht so ernst nehmen, glaube ich. Kleiner Diss.

kreuzer: Was geht denn bei euch im Bereich Theater und Kunst?

EBOW: Ich habe am Berliner Ensemble mit Walther an einem Stück mitgewirkt und etwas dafür komponiert, solche Sachen. Man kommt in Projekte rein und schaut, wie man da mitarbeiten kann.
NALAN: Eine Ausstellung haben wir auch gemacht.
WALTER: Die »GG World« war im Oktober 2018 in München, eine Gaddafi-Gals-World, die wir in einer Galerie gebaut haben.
NALAN: Das war ein imaginärer Fanshop mit unseren eigenen Artikeln. Wir haben die Wände in der EP-Farbe gestrichen und uns gefragt »Wie platziert man eine Marke?«

kreuzer: Gutes Stichwort. In Relation zu euren Youtube-Klicks bekommt ihr ziemlich viel Presseaufmerksamkeit. Wie kommt das?

NALAN: Das erste Material haben wir bei einem Indielabel aus Wien veröffentlicht, die haben wiederum ihr eigenes Netzwerk, das hat geholfen. Deren Promo, das war der zündende Moment.
WALTER: Ich glaube das liegt daran, dass wir eben nicht nur im klassischen Musikmarkt stattfinden, dass wir auch keine Band sind (lacht). Nee, natürlich auch weil uns Markenbildung künstlerisch interessiert, weil wir das verarbeiten und ironisieren.
NALAN: Man kann die Frage nicht komplett beanworten, weil wir auch nicht komplett wissen, was alles eine Rolle spielt: Algorithmen, der richtige Sound im richtigen Moment. Wir haben das alles Lo-Fi-Do-it-yourself im Wohnzimmer gemacht, Ebows Label hat davon Wind bekommen. Manchmal flowt es eben einfach.

kreuzer: Statt euch ein Label zu suchen, habt ihr euer eigenes gegründet. Wieso?

EBOW: Wenn man sich die Musikindustrie heute anschaut, fragt man sich: Wo macht es Sinn, ein Label zu haben, was tut das für dich? Viele Dinge, die ein Label früher gemacht hat, kann man heute selbst machen. Beziehungsweise sind die Beträge, die Labels heute in Künstler stecken, andere als früher. Brauche ich einen Vertrieb, ein Label, eine Bookingagentur? Das kann man sich wie Bausteine zusammenstellen, bei uns war ganz klar, dass wir kein Label brauchen. Ein Label bündelt das alles, aber das kann man heute alles selbst machen.

kreuzer: In Berlin scheint gerade in Sachen Gentrifizierung und sozialer Konflikt was los zu sein. Wie erlebt ihr das?

WALTER: Ich lebe derzeit in einer Wohnung ohne Heizung, Nalan auch, wir haben beide keine Heizung. Man erlebt das hautnah, könnte man sagen. Die Entwicklung kennt man ja auch aus Leipzig, wo es sogar noch ein bisschen schneller ging. Man wird ein bisschen überrannt davon.
NALAN: Man geht da gerade mit und setzt sich dementsprechend auch ein, man nimmt es wahr. Ist auf jeden Fall eine spannende Zeit, ich bin gespannt, was noch so kommt.

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 11/19.

> Gaddafi Gals, 5.11., 20 Uhr, Institut für Zukunft

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare