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Nur noch kurz die Welt retten

Gebrauchstauglichkeit: In Leipzig trafen sich IT-Designer im Dienste des Guten

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Am Donnerstag fand in Leipzig der World Usability Day statt. Tim Bendzko lieferte schon vor einiger Zeit den perfekten Soundtrack für diese Gute-Laune-Veranstaltung, bei der die Anwesenden Einblicke in die Bedienbarkeitsforschung gaben und bekamen. kreuzer-Redakteur Tobias Prüwer war dort.

»Wer, wenn nicht wir, können das umsetzen? Wir müssen die ethische Debatte integrieren in den Designprozess.« Ruhig, aber bestimmt, hämmert der Mann auf der Bühne seine Mantras ins Headset. Das Publikum nickt. Fast alle im Raum heben den Arm, als sie gefragt werden, wer als Usability Engineer arbeitet. Für die Jobbeschreibung braucht hier niemand die Übersetzung »Designer für Gebrauchstauglichkeit«. Dann wieder kollektiv zustimmendes Nicken. »Wir müssen alle überzeugen, nicht nur ständig Features rauszuhauen, sondern auch ethisch zu agieren.« Es wirkt, als liefere Tim Bendzko den säuselnden Soundtrack für diese Gute-Laune-Veranstaltung namens World Usability Day (WUD). »Nur noch kurz die Welt retten.«

Der Kupfersaal am frühen Donnerstag. Am Pult auf der großen Bühne löst ein Apple-Laptop den nächsten ab. Strahler malen grüne, mäandernde Spiralen an die Decke, was wie das Muster eines Bildschirmschoners wirkt. Die Mauern dämpfen den Handy-Empfang gen Null ab, WLAN wurde nicht extra installiert. Die Aufmerksamkeit soll offensichtlich auf die Bühne gerichtet sein. Natürlich werden gratis Fritz Cola und Viva con Aqua ausgeschenkt, die gehören schließlich auch zu den Guten. Locker soll die Atmosphäre im hippen Veranstaltungsort, der sonst vorrangig der Comedy dient, sein. Statt Olaf Schuberts gedanklichen Randgängen sind hier an diesem Tag Menschen zu hören, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen – ehrlich, zumindest ein bisschen.

Der Nutzer kennt die Lösung

Eintritt, Speis und Trank sind natürlich gratis, die ausrichtende Firma IT Sonix und die Sponsoren halten sich angenehm zurück. Der Inhalt soll im Vordergrund stehen; auch wenn mal hohler Businesstalk zu hören ist. Zum Beispiel, wenn ungeachtet der auf Gewinnmaximierung fokussierenden Finanzierungsmethoden im Kapitalismus ein Redner fordert, Firmen sollten langfristig und nachhaltig planen. Das wird sicher nur im Einzelfall gelingen, kann nicht die Weltformel sein, ohne das Bestehende zu ändern. So wird als positives Beispiel mehrfach Ecosia zitiert, ein Suchmaschinenanbieter, der zur Kompensation von CO2-Ausstoß Bäume pflanzt.

»Entwürfe für die Zukunft, die wir wollen«: Kleiner war das Motto der Veranstaltung nicht zu haben. Es geht um die Einbeziehung der Nutzererfahrung in die Entwicklung von Softwarelösungen. Weltweit wird dieser Tag begangen, in Leipzig nun zum dritten Mal. Vorträge und Workshops sind verschiedenen Facetten der Bedienbarkeitsforschung gewidmet. »Software für alle« nennt der Verantwortliche Christoph Specht die Arbeit von Informationswissenschaftlern, Psychologen und Marktforschern zusammenfassende Devise. Denn viele Disziplinen machen sich gemeinsam daran, die Bedienbarkeit von Programmen zu erhöhen. Als Beispiel für die Chancen verweist er auf Krankenhäuser, wo mangelnde Gebrauchstauglichkeit an den Geräten in der Vergangenheit zu einer nicht unerheblichen Todesrate geführt habe. »Fragen stellen gehört zum Kern unserer Arbeit«, sagt Specht. »Hätte man vor 150 Jahren die Leute auf dem Land gefragt, was sie brauchten, dann hätten sie gesagt: ‚größere Pferdekutschen, um mehr Waren zu transportieren.‘ Daraus hätten wir dann die Idee des Autos herausschälen müssen. Denn der Nutzer kennt die Lösung.«

Quotenlos

Auf der Konferenz gehört Englisch zum guten Ton, natürlich duzt man sich. Rund 200 Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet füllen den Raum – selbstverständlich stammt die Mehrheit aus den östlichen Ländern. Leger ist der Dresscode. Kapuzenpullis, Tattoos und Baseballkappen fallen unter den wenigen Anzugträgern kaum auf. Hier geht es nicht um Äußerlichkeiten. Die hier Anwesenden, das Gros bewegt sich im Alter zwischen Mitte Zwanzig bis Ende Dreißig, sind die Kreativen im Technologiebereich und zeigen das selbstbewusst. Viele Frauen sind darunter – eine Quote braucht es nicht. Alle angesprochenen Gesprächsteilnehmer loben den WUD. Einige sind schon das dritte Mal in Leipzig dabei. Bereitwillig geben sie Auskunft, ihren vollen Namen wollen sie jedoch nicht veröffentlicht wissen.

Jens ist Projektleiter und schätzt die Perspektiven, die hier auf die Arbeitswelt gegeben werden. »Hier habe ich Zeit, mich mit spannenden Themen zu beschäftigen.« Das Label der Weltrettung sieht er kritischer als andere. »Das ist schon eine Chimäre, dass wir hier alle die Guten sind. Aber klar, wenn genügend Leute sich ethisch einsetzen, dann kann das schon einen Unterschied machen.« Die Vorträge sind von unterschiedlicher Qualität, auch wenn sie eine ähnliche Stoßrichtung verfolgen. Es geht um Arbeitsmethoden wie freie Projektsteuerung, Diversity im Team oder, wie Algorithmen die Dienstpläne in Pflegeheimen so steuern können, dass sie den individuellen Bedürfnissen der Pflegekräfte entsprechen. Hier zeigt sich der tiefgreifende Einfluss von Maschinenintelligenz auf das persönliche Leben. Die Bedienbarkeitsforschung versucht, aus Mitarbeitersicht eine faire und transparente Stundenverteilung. Solche Beispiele sind direkte Einblicke in die Arbeit der Gebrauchsgestalter und interessant. Man spürt das Ringen der Designer mit den Ingenieuren. Wird es thematische grundsätzlicher, klingen die Vorträge unterkomplexer, mehr nach bloß gutem Willen als lösungsorientiert

Elegant geworben

Für Zyniker ist dieser WUD nichts. Und natürlich kann man über hier vertretene reformistische Ansätze den Kopf schütteln – oder sich freuen, dass in dem Bereich doch recht viele Leute ein immerhin nicht zynisches Menschenbild vertreten. »Wer, wenn nicht wir, lasst uns den ethischen Ansatz in der Wirtschaft implementieren!« Nicht ungeschickt packt der Redner seine Zuhörer beim Gewissen. Er spricht über einen sozialen Ansatz, man müsse sich fragen, was Einzelentwicklungen mit Gesellschaften machen? »Ich kann euch vielleicht jetzt nicht von meiner Idee überzeugen. Aber ich habe sie euch in den Kopf gepflanzt. Irgendwann werdet an den heutigen Tag und die Idee zurückdenken. Und überlegen, ob ich nicht doch Recht hatte.« Der Redner ist vom Verein Mein Grundeinkommen. Das Wort hat er mit keiner Silbe erwähnt – es prangt aber in Form seiner Email-Adresse die ganze Zeit auf der Bühne. Eleganter konnte er keine Werbung für das bedingungslose Grundeinkommen machen.

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