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Missmut

Das Schauspiel erforscht das sächsische Montanwesen – Versuch #1 schlug fehl

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Das Stück »Gold & Coal« ist der erste Teil der Auseinandersetzung mit dem sächsischen Montanwesen und feiert am Freitag in der Residenz Premiere. Theater-Redakteur Tobias Prüwer hat vorab einen Blick darauf geworfen.

Schwitzende Körper im kargen Stirnlampenlicht. Künstliche Arme stemmen sich als Werkzeuge ins Gestein. Wie Bohrer treiben sie die verlängerten Fäuste hinein, werden dann zu Schaufeln. Gesten der Bergarbeiter fördert diese starke Szene von »Wismut« zutage, das sich am Schauspiel dem DDR-Uranabbau widmet. »Nuclear Choir« nennen die Artists-in-Residence Jule Flierl und Mars Dietz ihre Tanz-Performance. Allein das überzeugende lebendige Bild der bohrend-schaufelnden Bergarbeiter bleibt die einzige Kollektivleistung im 90-minütigen Irrlichtern.

Die Wismut AG lieferte seit den vierziger Jahren Uran in die Sowjetunion. Abgebaut wurde es in Ostthüringen und im sächsischen Erzgebirge. Das ist ein spannendes Feld, um es künstlerisch zu beackern, zumal der versprochene dokumentarische Ansatz nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Material klingt. Aus der Gegenwart sollte ein Blick in die Vergangenheit unter Tage und eine utopische Zukunft geworfen werden.

Atomare Sitzordnung: Aus den wie ein Strahlenwarnzeichen angeordneten Zuschauerreihen blickt das zu drei aufeinander bezogenen Dreiecken gruppierte Publikum auf eine Leerstelle im Zentrum. Hier beginnen drei Performer ein leises und undeutliches Sprechen. Es klingt nach Dada, dann bewegen sich die futuristisch Gekleideten langsam in Posen zwischen Standwaage und Maschinenzucken. Aus dem Off kommen Klänge wie in einer Tropfsteinhöhle, zunächst schafft diese Art ionisierende Einfühlung Spannung und Hoffnung auf eine kommende Entladung. Doch stellt sich ein retardierender Moment ein. Die Performer kriechen unter die Sitzreihen, lesen schwer verständliche Textfragmente. Lichter werden angeknipst, ein Bewegungschor mit Stirnlampen beginnt seine Reise durchs Dunkel. Leider agieren sie nicht wirklich als Chor in ihren Bewegungen, sondern sind als Polonaise ohne Anfassen unterwegs, als Glühwürmchen im Gänsemarsch. Kontextualisiert, in Bezug gesetzt, wird nichts. Das wilde Assoziieren findet keinen Anknüpfungspunkt. Völlig dunkel wird dann auch der Saal.

»Wismut« ist der erste Teil einer Auseinandersetzung mit dem sächsischen Montanwesen. Mögen die Teams von »Gold & Coal« und »Brennende Erde« mehr Erhellung ins Stollendunkel bringen.

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 11/19.

> »Gold & Coal«: 22.11. (Premiere), 23./24.11., 19 Uhr, Residenz

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