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Love and Lemons

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal hilft kreuzer-Autor Thomas Böhme aus und guckt sich Ian McEwans neuen Roman »Maschinen wie ich« genauer an.

Wir schreiben das Jahr 1982: Die Briten sind traumatisiert; die einstige Weltmacht hat gerade schmählich den Falkland-Krieg gegen das faschistisch regierte Argentinien verloren und Margret Thatcher muss ihrem Labour-Konkurrenten weichen, der kurz darauf einem Attentat erliegt. Die Beatles haben sich nach zwölf Jahren wiedervereint, um ihr neues Album mit dem Titel »Love and Lemons« vorzustellen. Doch das sind nur einige der irritierenden Sensationen in Ian McEwans neuem Roman »Maschinen wie ich«.

Wichtiger für die Geschichte um die »Menschwerdung der Maschinen« ist das Fortleben des Pioniers der Computertechnik, Alan Turing, dessen Genie eine um 40 Jahre vorauseilende Technikentwicklung in den Bereich des Denkbaren rückt. Turing, wir erinnern uns, trug mit seiner Enigma-Dechiffriermaschine entscheidend zum Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg bei, und nahm sich nach Bekanntwerden seiner Homosexualität und der ihm aufgezwungenen Kastration 1954 das Leben. Bei McEwan bleibt ihm diese Demütigung erspart, stattdessen wird er zum geistigen Vater einer Androidengeneration, die als Adam und Eva in Serie geht.

Virtuelle Archive, bizarre Vergangenheit

Charlie Friend, eher ein Durchschnittstyp, der sich ein bisschen mit Elektronik und Anthropologie beschäftigt, aber mit Börsenspekulationen seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht bestreitet, hat so einen »Adam« erworben und mit seiner Hausnachbarin, der Studentin Miranda, dessen »Charakter« je zur Hälfte programmiert. Fast wie bei einem gemeinsamen Kind, finden sie. Adam scheint echte Gefühle zu entwickeln, hat Träume und schreibt Tausende von Haikus, konkurriert gar mit Charlie um Mirandas Liebe und kennt dank seines unbegrenzten Zugangs zu den virtuellen Archiven auch deren bizarre Vergangenheit.

Eine reale und eine nur behauptete Vergewaltigung spielen darin eine unheilvolle Rolle. Er zwingt Miranda und Charlie, sich unter allen Umständen an die geltenden Gesetze zu halten, selbst wenn dadurch weit größeres Leid heraufbeschworen wird. Sein gespeicherter Moralkodex kennt weder Notlügen noch das Abwägen des kleineren Übels. Nachdem er den Abschaltmodus außer Kraft gesetzt hat, schafft Adam immer neue Tatsachen, durch die Charlie und Miranda in eine moralische Zwickmühle geraten. Nicht nur ihre Beziehung, auch die beabsichtigte Adoption eines kleinen Jungen aus zerrütteten Verhältnissen droht zu scheitern. Charlie muss eine Entscheidung herbeiführen, die ihn die Liebe Mirandas oder die Achtung seines Idols Alan Turing, wenn nicht gar beides, kosten wird.

Houellebecq ohne kulturpessimistisches Dauerlamento 

Ian McEwan, mittlerweile 70-jährig und sicher derzeit Englands bedeutendster Autor, gelingt es in diesem Roman, ethische Konflikte, wie sie die Vervollkommnung »Künstlicher Intelligenz« aufbrechen lassen, in einer hochspannenden Mischung aus Liebesgeschichte, Justizdrama und retrospektiver Science-Fiction durchzuspielen. Wie sonst nur der Franzose Michel Houellebecq wagt sich McEwan an die heikelsten und kontrovers diskutierten Themen unser Zeit, allerdings ohne in dessen kulturpessimistisches Dauerlamento einzustimmen.

> Ian McEwan: Maschinen wie ich. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes

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