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Schwein gehabt

Es hätte auch schlimmer kommen können

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13 ärgerliche Dinge, die dann doch nicht ganz so schlimm wurden: Ein optimistischer Rückblick auf das Jahr 2019.

Das Wahljahr führte nicht ganz in den braunen Untergang

Leipzig zählt zu den gefährlichsten Städten Deutschlands«, ließ sich dieses Jahr an prominenter Stelle im Kommunalwahlprogramm der AfD nachlesen. Und: »Falsche Toleranz hat politische und religiöse Gewalt in Leipzig gedeihen lassen.« Mit ihrer typischen Mischung aus Hetze und dem nachgeschobenen Versprechen von Sicherheit und Ordnung wollten die Rechten 2019 die Aufteilung der Sitze im Stadtrat ändern. Ihr Ziel: die rot-rot-grüne Mehrheit zu durchbrechen. Für viele der hiesigen Bürger ein Albtraumszenario. Vor der Abstimmung tauchten plötzlich überall Sticker und Plakate auf. Die Botschaft darauf war simpel: Linke Mehrheit halten. Dass das geklappt hat, ist im Nachhinein vor allem den Erfolgen der Grünen zu verdanken. Deren Vision für Leipzig ist freilich eine völlig andere als die der AfD. Die Straßen wollen sie fahrradfreundlicher machen, die kulturelle Vielfalt möchten sie stärken. Aus Sicht der Partei und ihrer Chefin, der Leipzigerin Christin Melcher, ist die Buchmessestadt Vorbild für ein anderes Sachsen. Ihr Slogan bei Auftritten lautete: »Mut statt Angst«. Die Furcht vor einem Rechtsruck war auch bei den Landtagswahlen eines der großen Themen. Dass es den gegeben hat, lässt sich nicht bestreiten. Gleichzeitig wird es den Volksparteien wohl wieder gelingen, eine Regierung zu stellen. Die AfD wird weiter in der Opposition arbeiten müssen. Und Leipzig? Bleibt stabil. Kein einziges Direktmandat gab es hier für die Rechten. Dafür konnten die Grünen sich gleich über zwei freuen. Und damit einen historischen Erfolg feiern. Christin Melcher und Claudia Maicher werden in Dresden für eine Stadt antreten, die auch in diesem politisch langen und oft zähen Jahr nicht gekippt ist. »Das ist ein Hoffnungsschimmer für Sachsen«, twitterte Melcher nach Auszählung der Stimmen. JOSEF BRAUN

Auf Leipzigs Straßen ist keine »Anarchie« ausgebrochen

Erinnert sich noch irgendjemand, wie zu Jahresbeginn der Weltuntergang auf Leipzigs Straßen drohte? Grund dafür: Radfahrer sollten an ausgewählten Kreuzungen auch bei rotem Ampellicht rechts abbiegen dürfen. Ein entsprechender Pilotversuch der Bundesanstalt für Straßenwesen sorgte im Januar
bundesweit für Schlagzeilen, 3.600 Leser der LVZ erklärten die Idee in einer Umfrage für »Quatsch« und in sozialen Medien wurde ausführlich spekuliert, wie viele Verletzte die Neuregelung zur Folge haben werde:
»Anarchie auf den Straßen« und »noch mehr Chaos und Unfälle« wurden befürchtet. Abgesehen davon, dass zusätzliche Regelungen und Beschilderungen nur schwerlich mit »Anarchie« in Einklang zu bringen sind, wird vermutlich niemand in Leipzig bemerkt haben, dass sich überhaupt irgendetwas geändert hat. Ganz heimlich montierte die Stadt gute drei Monate nach der ersten Ankündigung des Verkehrsexperiments die neuen Zusatzschilder an zwei Kreuzungen in der Südvorstadt, an denen sich vormals grüne Pfeile für alle Verkehrsteilnehmer fanden. Am dritten Versuchsort, der Einmündung einer rund 100 Meter langen Nebenstraße, mussten Radler erst seit der Renovierung der Wurzner Straße überhaupt auf eine Ampel achten – bevor sie nach rechts auf den neu angelegten Radstreifen abbiegen können. Auch wenn die Neuerung niemandem aufgefallen sein dürfte, kann Leipzig jetzt von sich behaupten, ein wenig mehr wie Paris zu sein. In der französischen Hauptstadt sind schon seit 2015 alle geeigneten Ampeln mit grünen Pfeilen für Radfahrer ausgestattet. Zugegeben: Chaos herrscht dort durchaus – aber in Paris gibt es ja auch E-Roller. AIKO KEMPEN

Leipzig wurde nicht von einer E-Roller-Welle überrollert

Es gibt kaum etwas Würdeloseres, als auf einem E-Roller zu fahren. Stumm und still steht man da auf dem Brett, einem Präsentierteller des Spotts, mitten auf der Straße. Schon nach wenigen Metern wird der Rollerist das Bedürfnis haben, sich mit Sonnenbrille und Schirmmütze zu verkleiden, um möglichst unerkannt seinen Weg der Schande zu absolvieren. Doch er ist zu rentnerhaftiger Untätigkeit verdammt, bei infantilem Erscheinungsbild, bis zum Sturz über ein winziges Kieselsteinchen. Ganz anders beispielsweise das Fahrrad, auf dem die Ritterin der Pedale elegant beschleunigend, kraftvoll auf und ab schwingend, sich in die Kurve werfend, fluchend, ein- oder gar freihändig es mit dem Automobil locker aufnehmen kann – und dies auch tut. Leipzig ist vom E-Rollerwesen bisher weitgehend verschont geblieben. Zu verdanken ist dies der Abteilung Straßenverwaltung, die sich Zeit lässt mit der Genehmigung von E-Roller-Verleihern. Aus gutem Grund: In Metropolen rund um den Globus haben sich diese zum Schrecken der Städte entwickelt. Und noch nicht einmal umweltfreundlich sind sie, denn überall umherliegende Roller müssen per Diesel-Transporter wieder eingesammelt werden. ANDREAS RAABE

Das Sozialkaufhaus muss doch nicht schließen

Monatelang stand die Zukunft des Leipziger Sozialkaufhauses »Möbelfundus No 1« auf der Kippe. Händeringend suchten die Betreiber des Geschäftes nach einem neuen Standort. Schließlich stand fest, dass die derzeitigen Räumlichkeiten in der Zschocherschen Straße nicht länger zur Verfügung stehen. Dort erhalten seit Jahren sozial schwache Menschen die nötigsten Einrichtungsgegenstände, Kleidung und andere Gebrauchtwaren. Angemessene Preise oder die Mitnahme auf Bezugsschein des Sozialamtes ermöglichen Bedürftigen, die eigene Wohnung menschenwürdig einzurichten. Die angebotenen Produkte stammen aus privaten Spenden. Bei Bedarf werden Möbel sogar von zu Hause abgeholt und ausgebessert. Nach etwa einem halben Jahr des Suchens findet der »Möbelfundus No 1« nun endlich eine neue Heimat in der Engertstraße 10–12. Damit kann der Laden sogar an seinem bisherigen Standort Plagwitz bleiben. Nach dem Umzug läuft dann ab Januar 2020 in der neuen Adresse der Verkauf von Einrichtungsgegenständen an bedürftige Menschen weiter. JOHANNES HILDEBRANDT

Die KNV-Pleite führte nicht zum Zusammenbruch

Nachdem im März 2019 der Großbuchhändler KNV Insolvenz angemeldet hatte, musste der Verlag Voland & Quist rechnen. Als die Zahlen auf dem Tisch liegen, ist das Entsetzen im Team rund um Verleger Sebastian Wolter groß: 65.000 Euro offene Rechnungen. Eine Summe, die knapp drei Jahresgehältern entspricht, so heißt es auf der Website des Verlags. Da wundert es nicht, dass man bei Voland & Quist nach dem ersten Schock auch mal ans Aufhören gedacht hat. So resümiert Leif Greinus am 10. März auf der Verlagswebsite: »Wie sollen wir diese Lücke schließen? Müssen wir gar selbst Insolvenz anmelden? Und dann, nach Überraschung, Wut und Ratlosigkeit: zaghafte Resignation. Vielleicht wäre es klug, einfach hinzuschmeißen – immerhin, es war eine gute Zeit: 15 Jahre Voland & Quist.« Wie Voland & Quist ging es vielen Verlagen in diesem Frühjahr. Die Angst machte sich breit, die Zahlungsausfälle nicht ausgleichen zu können, vielleicht selbst Insolvenz anmelden zu müssen – dunkle Aussichten für die Leipziger Verlagslandschaft. Doch Voland & Quist haben sich etwas einfallen lassen. Mit den Leipziger Autoren Julius Fischer und André Herrmann sowie dem Berliner Marc-Uwe Kling veranstaltete der Verlag eine Solidaritäts-Lesung in der Jungen Garde in Dresden. Dank der mehr als 3.300 Besucherinnen können Voland & Quist weitermachen: »Nach Abzug aller Kosten freuen wir uns über reichlich 30.000 Euro Überschuss, das ist immerhin die Hälfte unseres Verlustes. Nervlich entbehrlich, aber mit blauem Auge davongekommen und wieder viel, viel gelernt«, heißt es im Nachgang online. LINN PENELOPE MICKLITZ

Das Jahrtausendfeld ist nicht zubetoniert

Ballspielen verboten. Skaten verboten. Tanzen verboten. Nimmt man es genau, sind die Verbote, die das Jahrtausendfeld umweben, ganz schön vielseitig und ziemlich unspaßig. 2018 war ein illegal errichtetes Beachvolleyballfeld Stein des Anstoßes für jede Menge justiziablen Ärger. Zwei Jahre zuvor hatten Unbekannte auf dem Feld einige Skatemodule aufgestellt und einen Teil der Brachfläche kurzerhand – und auch nur für kurze Zeit – zum Skatepark erklärt. Am Osterwochenende 2019 lösten Polizei und Ordnungs-
amt eine illegale Techno-Party auf dem Areal auf. Man merkt: Eigentlich kann man auf dem Jahrtausendfeld ziemlich viel Spaß haben. Und deshalb gibt es heute Freude darüber, dass das Areal noch immer brach liegt. Leider geht der Spaß aber in den meisten Fällen der Rubin 45 GmbH, einer Tochter der Stadtbau AG, gegen den Strich und findet deshalb recht schnell ein Ende. Rubin 45 ist Besitzerin des Jahrtausendfelds und hat eigentlich Pläne. Auf der Website heißt es, das Areal solle in den nächsten Jahren zu einem Schulcampus entwickelt werden. Status: in Entwicklung. Die Leipziger Stadtbau AG teilte auf kreuzer-Nachfrage Genaueres mit: Auf der drei Hektar großen Fläche soll ein fünfzügiges Gymnasium samt Drei-Feld-Sporthalle entstehen. Dazu laufe aktuell eine europaweite Ausschreibung. Mit konkreten Ergebnissen dazu sei ab Mitte nächsten Jahres zu rechnen, so die AG. Um das Jahrtausendfeld herum hat sich in den vergangenen zwölf Monaten bereits einiges verändert. Auf der Westseite des Feldes entstanden riesige Gebäudekomplexe, deren Bau es verlangte, dass auch das Jahrtausendfeld für Baustellenfahrzeuge geöffnet werden musste. Wie sich die Brache weiterentwickelt, ist unklar. Damit das Feld trotz des ganzen Heckmecks ein Kulturquartier bleibt, kümmert sich der »Jahr1000Feld Freundeskreis« um Bepflanzung und Pflege – von der Rubin45 GmbH ist das nicht verboten. NADJA NEQQACHE

Leipzigs Frauenhandballklubist nicht untergegangen

Anfang 2017 war es nicht mehr zu verheimlichen: Dem einst ruhmreichen Leipziger Frauenhandballclub (HCL) liefen die Spielerinnen davon. Die finanzielle Lage schien desaströs – auch wenn die Vereinsleitung das immer wieder leugnete. Über die angespannte Lage konnten selbst Auftritte von Ralph Hasenhüttl und Ralf Rangnick bei Sponsorentreffen nicht hinwegtäuschen. Nicht mal ein halbes Jahr später war die Insolvenz offiziell. Wenige Monate zuvor hatte der Manager noch laut von der Champions League geträumt. Jetzt ging es zur Saison 2017/18 in die Dritte Liga (Ost). Hier begann der Verein, der einst als Aushängeschild des Leipziger Sports galt, mit einer völlig neuen Mannschaft und neuen Verantwortlichen. Es wurde nicht mehr in der Arena gespielt, sondern in der Turnhalle Brüderstraße. Der Neustart gelang und die Mannschaft schloss die erste Saison auf dem 7. Platz ab. Die folgende Spielzeit verlief noch erfolgreicher. Unbesiegt konnte
am Saisonende der Aufstieg in die 2. Bundesliga gefeiert werden. Dort weht ein anderer Wind – wie zu Beginn der Saison beim Derby gegen Halle-Neustadt zu sehen war. Die Halle bebte und die junge Mannschaft verlor gegen den Aufstiegskandidaten mit 32 zu 41. Jetzt kämpft das Team um einen soliden Platz im Mittelfeld. Erlebte der HCL solch einen Abstieg zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte, so können lokale Frauenfußballmannschaften davon einige Lieder singen. Der einstige Bundesligist FFV musste vor vier Jahren in die Regionalliga absteigen. RB begann mit Mädchenfußball und übernahm das Landesleistungszentrum. Ehemalige FFV-Spielerinnen gründeten 2017 einen eigenen Fußballclub – den FC Phoenix Leipzig. Sie begannen in der Landesklasse und spielen heute in der Regionalliga – wie auch RB und Eintracht Leipzig-Süd. Drei Frauenmannschaften aus Leipzig in der vierten Liga gab es noch nie. RB will sich weiter professionalisieren und hat seit der Saison Eintrittsgelder eingeführt. Fünf Euro stellen fast schon Erstliga-Niveau dar. Dorthin soll es für die Mannschaft baldigst gehen. Denn auch hier gilt: Geld schießt Tore. BRITT SCHLEHAHN

Das große Kneipensterben ist ausgeblieben

Das große Kneipensterben wird sich nicht vermeiden lassen« – »Zu viel Bürokratie« – »Keiner will den Job mehr machen« – »Es fehlen Köche« … Sätze wie diese drohen in regelmäßigen Abständen das Ende der Ausgehkultur an. Sicher schrillen die Alarmglocken, wenn Lokale wie Café Waldi oder La Locanda schließen, aber der Wandel ist in dieser Branche von jeher Programm. Zum einen, weil manche Konzepte gar nicht dauerhaft angelegt sind, zum anderen aber auch, weil das Konsumverhalten der Gäste sich stetig ändert. Nicht hinter jeder Schließung steckt die große Pleite. Manche Wirte wollen nach zehn Jahren in diesem aufreibenden Job auch mal etwas anderes machen. Und jene, die nur noch Mittelmaß liefern, nehmen in Kauf, dass ihre Klientel weiterzieht. Die Zahl von rund 2.000 Gastro-Betrieben in Leipzig, vom Imbiss bis zum Gourmet-Restaurant, hält sich relativ konstant, weil oft ein neues Lokal eröffnet, wo ein anderes dichtmacht. Dabei ist die Szene 2019 wieder deutlich internationaler geworden. So manche Gaststätte zieht einfach um oder wechselt den Besitzer und eröffnet nach einer Renovierung neu, was man unter anderem auf der Karli, Beispiel Volkshaus, immer wieder beobachten kann. Auch das Bio-Restaurant Macis, dessen Schließung 2018 so manchen regelrecht »erschütterte«, tauchte im Frühjahr wieder auf wie Phönix aus der Asche, umgebaut und schöner denn je. Ins oben erwähnte Ristorante La Locanda in Gohlis zog Campana ein. Derlei Entwicklungen beleben die Szenerie ebenso wie die Neueröffnungen des Restaurants Frieda oder der Dankbar. Absolut positiv ist zu vermelden, dass so manche verstaubte Gartenkantine zum Hotspot im Kiez wird und die Potenziale der Kleingärtner ringsum nutzt. Jüngstes Beispiel ist De la Noix, eine Taverne im Kleingartenverein Germanus, in der junge Köche frisch ans Werk gehen. Die Gastro-Szene ist und bleibt spannend. Wer also will, dass seine Lieblingskneipe auch 2020 noch am Start ist und der Wirt den Mitarbeitern faire Löhne zahlen kann, sollte einfach nur immer hingehen! PETRA MEWES

Es gibt sie noch, die Spätis

Vor mehr als drei Jahren änderte sich etwas in Leipzig: Das Ordnungsamt kontrollierte plötzlich sehr intensiv, ob sich die Spätis an Sachsens Ladenöffnungszeitengesetz hielten. Es erlaubt den Verkauf von Montag bis Sonnabend von 6 bis 22 Uhr. »Das Offenhalten von Verkaufsstellen außerhalb der Ladenschlusszeiten ist in Sachsen und damit auch in Leipzig stets widerrechtlich«, erklärte Helga Kästner 2017 auf kreuzer-Anfrage. Sie ist die heutige Leiterin der Leipziger Sicherheitsbehörde. Die Spätis verkauften bekanntermaßen nach 22 Uhr und auch an Sonntagen. Darum mahnte sie das Ordnungsamt ab und verhängte schmerzhafte Bußgelder. Es ist nicht geklärt, weshalb die Behörden auf einmal kontrollierten – was sie viele Jahre lang kaum bis gar nicht taten. Zu Beginn gaben sie noch an, nur auf Beschwerden zu reagieren. Ob von konkurrierenden Geschäften oder Anwohnern, die sich am nächtlichen Treiben störten, lässt sich nur vermuten. Später prüfte das Amt auch ohne Beschwerden. Als die Spätis ihre Zeiten anpassten, an Sonntagen und nach 22 Uhr nichts mehr verkauften, kamen Bedenken auf. Können sich die Spätis ohne ihre lukrativsten Zeiten halten? Bedeutet das Ende der Späti-Kultur auch das Ende von Leipzig? Doch so weit ist es nicht gekommen. Wer nachts oder sonntags in Leipzig unterwegs ist, weiß, dass es Geschäfte gibt, die geöffnet haben – auch nach 22 Uhr. Das liegt nicht daran, dass das Gesetz geändert wurde oder die Behörden weniger kontrollieren. Wie ein Betreiber versichert, sehen die Beamten immer wieder nach seinem Geschäft. Aber Spätis fallen nicht unbedingt unter das Ladenöffnungszeitengesetz des Freistaats. Sie sind mehr als Verkaufsstellen. Die Läden bedeuten Lifestyle und soziale Nähe im urbanen Leben, ein Gespräch mit der Betreiberin und ein einfaches Bier auf der Straße. Zudem können Spätis, je nach Angebot, beispielsweise als gastronomischer Betrieb eingeordnet werden. Dann sind sie nicht an die Ladenschlusszeiten gebunden. Späti-Betreiberinnen sind einfallsreich. Und so bleibt trotz erschwerter Bedingungen die Späti-Kultur in Leipzig vorerst erhalten. DAVID MUSCHENICH

Pödelwitz wird doch nichtweggebaggert (höchstwahrscheinlich)

Allgemeine Überraschung am 3. Oktober, als die zukünftigen sächsischen Koalitionspartner CDU, SPD und Grüne ihr gemeinsames Sondierungsergebnis vorlegten. So steht dort doch tatsächlich unter dem Punkt »Klimaschutz und Energie«: »Die Parteien möchten den Ort Pödelwitz erhalten und die Inanspruchnahme der Ortslage vermeiden.« Die verbliebenen Einwohner der Initiative »Pro Pödelwitz« sind erleichtert. Und die Kohlegegner, die noch im August vor Ort ein einwöchiges Klimacamp durchführten, freuen sich mit. Ende gut, alles gut, wenige hundert Meter vor der Abbruchkante des Tagebaus »Vereinigtes Schleenhain«? Leider lehrt die Historie weggebaggerter Dörfer rund um Leipzig, dass ein Versprechen der Regierenden, den Ort erhalten zu wollen, noch lange keine Garantie darstellt. Ein Beispiel dafür ist Heuersdorf, das 2010 endgültig von der Landkarte getilgt wurde. 1993 versprach die damalige sächsische CDU-Regierung, der Ort könne erhalten bleiben. Ein Jahr später war diese Zusage wieder hinfällig. Zwar wehrten sich die Einwohner vehement gegen ihre Umsiedlung, doch schließlich beschloss der Landtag nach jahrelangen Querelen 2004 das »Heuersdorf-Gesetz«. Es ermöglichte die Zwangsenteignung der Menschen und enthielt ebenfalls den Passus, dass Pödelwitz als »Schutzgut« erhalten bleiben solle. Das hielt die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) kurz darauf aber nicht davon ab, erste Schritte einzuleiten, um die Abbaggerung des Dorfes durchzusetzen. Trotzdem: Im Gegensatz zu den Neunzigern regiert die CDU nicht mehr allein, sondern hat insbesondere mit den Grünen einen Partner, der über faule Kompromisse beim Kohleausstieg vermutlich nicht mit sich reden lassen wird. Pödelwitz ist also wirklich gerettet, zumindest höchstwahrscheinlich. JOHANNES HILDEBRANDT

Die Gusswerke Leipzig müssen doch nicht schließen

Es handelte sich um einen der populärsten Industriestreiks der jüngeren sächsischen Geschichte. Monatelang wurde das Leipziger Werk des Autozulieferers Neue Halberg Guss bestreikt. Eigentümer und Belegschaft stritten sich um Ausrichtung und Strategie des Unternehmens. Das Leipziger Werk war in Gefahr, geschlossen zu werden. Dem voraus ging eine Auseinandersetzung zwischen der Prevent-Gruppe der bosnisch-deutschen Familie Hastor, in deren Besitz sich der Hersteller von Antriebswellen und Motorblöcken damals befand, sowie dem Automobilkonzern VW. Delegationen anderer IG-Metall-Betriebe aus dem gesamten Bundesgebiet und anderen Branchen, Politikerinnen, außerparlamentarische linke Initiativen, Wissenschaftlerinnen und ehemalige Leiharbeiter solidarisierten sich. Sogar ganze Schulklassen kamen zu Besuch in die Merseburger Straße. Das Anliegen der Belegschaft wurde von großen Teilen der Stadtgesellschaft unterstützt. Das zeigte, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Osten nicht streikt, weil er schon froh ist, wenn er überhaupt Arbeit hat. Im November letzten Jahres wurde die Neue Halberg Guss dann von einer Investorengruppe übernommen, firmiert seitdem unter »Gusswerke Leipzig«. Aber der lange Streit zwischen Prevent und VW kostete Aufträge. Im Frühjahr 2019 musste der Betrieb Kurzarbeit anmelden. Im September beantragte die Schwestergesellschaft in Saarbrücken Insolvenz. Angst verbreitete sich, dass ein Insolvenzverfahren im fernen Saarbrücken die Autonomie des Leipziger Werkes untergraben und am Ende letztlich doch das Ende des Unternehmens bedeuten könnte. Mittlerweile ist das Leipziger Amtsgericht jedoch dem Antrag der IG Metall, des Betriebsrats sowie der Leipziger Geschäftsführung gefolgt und hat für die Gießerei ein eigenes Insolvenzverfahren eröffnet. Was sich zunächst negativ anhört, hilft nach Gewerkschafts- und Betriebsratsaussagen dabei, den Betrieb neu zu ordnen und zukunftsfähig aufzustellen. EDGAR LOPEZ

Die Freie Szene hatte ein fettes Jahr

Dass 2019 eine fette Runde für die Freie Szene werden würde, war vor einem Jahr nicht abzusehen. Zwar forderte sie vom Stadtrat ein Aufstocken des Etats. Zugleich standen aber mit der Finanzierung soziokultureller Orte wie Theatrium und Geyserhaus eben auch Stätten der Freien Szene auf dem Spiel – von ihrer anderen Bedeutung ganz abgesehen. Dass diese De-facto-Kürzung gekippt wurde bei zeitgleichem Plus von 3,6 Millionen im Kulturbeutel, ist eine mehr als gute Nachricht. Mit dieser Millionenentscheidung im Januar erwirkte der Stadtrat einen Anstieg der Fördermittel um satte 61 Prozent. Das ist eine deutliche Anerkennung der Leistung der Kulturszene im Sinne des freien Geistes. Dass die Szene in einer Kampagne selbst nicht mit Kultur an sich, sondern mit Stadtmarketing und Standortlogik argumentierte, lassen wir hier mal unter den Tisch fallen. Es bleibt ein Erfolg. Mit dem ebenfalls 2019 fertiggestellten Theaterhaus in der Spinnerei – Lofft und Leipziger Tanztheater residieren seit Frühjahr hier – verfügt die Szene noch über einen attraktiven Ort mehr in der Stadtlandschaft. Nur ein halbes Jahr hat sich die Bauverzögerung hingezogen, was fast lässlich ist für solch ein Unterfangen. 2019 sollte sich die Szene also dick im Kalender ankreuzen. Denn so schnell kommt solch ein fettes Jahr nicht wieder. TOBIAS PRÜWER

Es ist nicht ganz unerträglich, in Leipzig zu wohnen

Verdrängung? Pah, in Leipzig kann man doch supergünstig wohnen – wenn der Mietvertrag 15 Jahre alt und der Vermieter nett ist. Aber im Ernst: Relativ gesehen geht es vielen hier ganz gut, solange sie nicht vom Amt abhängig sind. Man muss halt öfter die Augen offen halten, um das Gute noch zu finden. Zum Beispiel gute Trinkorte. Denn ja, man muss sie mehr suchen als früher, die Orte, wo das (Kneipen-)Bier noch zwei Euro kostet. Aber es gibt sie, und das nicht nur im Connewitzer Bermudadreieck. Kleine Umwege führen in noch immer unentdecktes, menschenleeres Grün. Im beginnenden Winter ist auch der Verkehr auf manchen Fahrradwegen übersichtlich und diese sind wieder befahrbar.Letztens erst hat der Herr Chefredakteur sogar das ungeheure Glück gehabt, bei Pfeifers Eisdiele nicht anstehen zu müssen! All die Leute, die dort sonst immer sind, waren einfach nicht da und das Erdbeer-Pfefferminz-Eis gabs … ruckzuck. Auch Zoro
und Conne Island, die soziokulturellen und instandbesetzten Orte, gibt es noch, trotz allem politischen Druck. Waffenverbotszone und Kontrollbereiche schränken nur ein bisschen die Bewegungsfreiheit ein, andernorts betrifft das ganze Stadtteile. Außerdem, hey: Bayern schiebt mehr Geflüchtete ab – und in Leipzig wehren sich die Menschen massiv dagegen. Deshalb: Die Stadt ist insgesamt Antifa-mäßig ziemlich stabil. Trotz Nazisachsen behauptet sich diese Insel der Glückseligen (oder des vorigen Tages). Der Überfall auf Connewitz hat gezeigt, dass die Nazis letztlich keinen Stich sehen. Sicher, die meisten Verfahren gegen die Angreifer haben einen harmlosen Ausgang genommen, nur einige hat es strafrechtlich derber erwischt. Und, hat es irgendeinen Menschen hier in seiner antifaschistischen Haltung geschwächt? Nö. Siehste! Das mag pragmatisch klingen. Aber schaut man sich um: Wo, wenn nicht hier soll und will man leben? Leipzig ist noch ein place to be and let it be. Frei nach »Faust«: Hier ist man Mensch, hier darf mans sein. Trotz alledem! TOBIAS PRÜWER

PS: Herr Gemkow ist noch nicht Oberbürgermeister – gegen ihn kann man Jung fast sympathisch finden.

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