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»Mir fehlt die Solidarität der Journalisten«

Exiljournalismus: Gamze Kafar und Can Dündar über Ankommen und Neuanfangen in Deutschland

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Am 9. Dezember lud das European Centre for Press & Media Freedom in Leipzig zur Podiumsdiskussion mit den türkischen Journalist*innen Gamze Kafar und Can Dündar ein. Wir haben mit ihnen über Pressefreiheit und Exil-Journalismus gesprochen.

kreuzer: Herr Dündar, weil Sie über türkische Waffenlieferungen an die Terrormiliz »Islamischer Staat« berichtet hatten, wurden Sie in der Türkei zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt. Man warf Ihnen »Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen« vor. Sie haben das Land verlassen und in Berlin die Nachrichtenplattform »Özgürüz« (türkisch: Wir sind frei) gegründet. Sind Sie jetzt frei?
CAN DÜNDAR: Nein. Wahrscheinlich werden wir nirgends frei sein können, bevor unser Land frei ist.

kreuzer: Warum sind Sie nicht frei? 
DÜNDAR: In Deutschland gibt es eine große türkische Community und eine enorme Unterstützung für Erdoğan. Dieselbe Bedrohungslage gilt daher auch hier. Außerdem hängt Freiheit auch davon ab, ob man hierzulande journalistisch arbeiten kann. Berichterstattung über die Türkei ist sehr schwierig. Wir haben Hürden, an Nachrichtenquellen heranzukommen, Mitarbeiter vor Ort zu finden, und von hier aus können wir uns auch kaum für sie einsetzen, wenn etwas passieren sollte. Wir haben Familie und Freunde in der Türkei. Wir können hier nicht frei sein, solange sie dort nicht frei sind oder unseretwegen bedroht werden.

kreuzer: Wie schätzen Sie die Lage der Pressefreiheit in Deutschland im Vergleich zur Türkei ein?
DÜNDAR: Hier gibt es weder inhaftierte Journalisten noch feste Zensurmechanismen. Das soll nicht heißen, dass hier keine Probleme bestehen. Es gibt Themen, bei denen deutsche Journalisten zwei Mal überlegen, wenn es um Political Correctness oder die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands geht.

kreuzer: Was meinen Sie damit?
DÜNDAR: Wenn ich deutsche Zeitungen lese, kann ich spüren, dass deutsche Journalisten zweimal überlegen, wenn sie beispielsweise über Juden oder Israel schreiben. Da besteht ein historisches Feingefühl.

kreuzer: Frau Kafar, Sie leben seit einem Jahr in Deutschland, davor haben Sie in Syrien und im Irak als Journalistin gearbeitet. Wie war die Erfahrung in Afrîn?
KAFAR: Ich war dort für das Exil-Medium »Artı TV« mit Sitz in Köln tätig. Wir waren jeden Tag teilweise mehrfach in Kontakt. Das größte Problem in Afrîn war, dass sich die traditionelle Presse kaum dafür interessiert hat, was dort wirklich geschah. Wir waren eine Handvoll Reporter vor Ort, überwiegend aus alternativen, linken Medien. Zivile Tote oder die Tatsache, dass die regimenahe Presse der Türkei von Menschen vor Ort durch Erpressungen Statements geholt hat, wurden bewiesen. Diese Informationen in die Welt zu senden war schwierig, weil Afrîn die Welt schlicht nicht interessierte.

kreuzer: Was führte Sie nach Deutschland?
KAFAR: 2017 interviewte ich in Raqqa vier Frauen des IS, drei Türkinnen und eine Französin. Kurz danach gab es eine Wohnungsdurchsuchung bei meiner Familie in der Türkei. Meine Familie wurde unter Druck gesetzt, ihnen wurde gesagt, ich sei eine Terroristin. Sie wurden gefragt, wo ich mich aufhielt, und wurden informiert, dass es einen Haftbefehl für mich gebe. Es war für mich nicht mehr möglich, in die Türkei zurückzukehren. Zurzeit wohne ich in Leipzig als Stipendiatin des European Centre for Press & Media Freedom.

kreuzer: Als Journalistin arbeiten Sie hier nur selten. Warum?
KAFAR: Ich fühle mich isoliert. Vor allem fehlt mir die Solidarität der Journalisten. Vielleicht sollten Journalisten der Türkei, die hier im Exil sind, zusammenkommen, zusammen arbeiten. Allerdings sind es deutsche Journalisten oder deutsche Journalismusverbände, die Räume dafür zur Verfügung stellen müssten. Exil-Journalismus wäre sonst nicht denkbar.

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