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Sozial und ökologisch sinnvoll

Eine eigene S-Bahnhaltestelle für das neue Industriegebiet in Seehausen – ein Kommentar

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Schön und gut, dass die Beiersdorf AG nach Leipzig kommt und dabei rund 200 neue Arbeitsplätze im Gepäck hat. Blöd nur, dass bei der Planung eine S-Bahnhaltestelle vergessen wurde, die eigentlich unabdingbar wäre, findet kreuzer-Redakteur Edgar Lopez.

Hurra! Die Beiersdorf AG kommt nach Leipzig und will sich im Industriegebiet Seehausen II ansiedeln. 2022 will der Hamburger Konsumgüterhersteller auf dem dortigen Gelände eine neue Produktionsstätte 
für Kosmetik und Körperpflegeprodukte eröffnen. Das Unternehmen verspricht, zunächst 200 neue Jobs zu schaffen. Die Anlage soll aber wachsen und in den Folgejahren Hunderte weitere Arbeitsplätze bieten.

Im Stadtrat wurden Mitte Oktober die Weichen für den infrastrukturellen Ausbau des Areals gestellt. Was eigentlich ein Grund zur Freude sein sollte, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als unausgereifte Planung. Denn eine S-Bahnhaltestelle für den Industriestandort wurde offensichtlich nicht berücksichtigt. Auf deren Notwendigkeit hatte der Ökolöwe bereits hingewiesen, bevor die Stadt die Beiersdorf-Ansiedlung verkündete. Dass die Nichteinplanung dieses S-Bahnhalts sich womöglich als eine große Torheit entpuppen könnte, zeigt das Beispiel Radefeld. Dort befinden sich Standorte von Porsche, DHL und weiteren Firmen, die von Arbeitnehmern ohne PKW nur erschwert erreicht werden können. Mittlerweile steigt auch dort die Notwendigkeit eines S-Bahnhalts, der bei den ursprünglichen Planungen nicht mit bedacht wurde.

kreuzer-Redakteur Edgar Lopez.

Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen: Die angrenzenden Areale, die noch nicht als Gewerbefläche ausgewiesen wurden, sind dazu geeignet, solche zu werden, sobald der Nutzungsdruck steigt. Aber die Verkehrsströme von morgen werden bereits heute festgelegt. Südlich von Leipzig fallen die Arbeitsplätze in der Kohle perspektivisch weg. Im Norden kommen neue Arbeitsplätze hinzu. Klimagerecht ist es, diese beiden Gebiete gleich unkompliziert über die S-Bahn aneinander anzubinden. So könnten die Strukturfördermittel aus dem Kohleausstieg sinnvoll genutzt werden, anstatt sie in irgendwelchen Fantasieprojekten im Lausitzer Sand versickern zu lassen. Das ist einfach praktizierter Strukturwandel. DHL hat es mit dem Verteilerzentrum im Norden richtig gemacht: Standort direkt am S-Bahnhalt Schkeuditz. Die eingeführten Jobtickets werden sehr stark genutzt.

Vor allem für die Sozialdemokraten wäre das eine gute Aufgabe. Ihren Pressemitteilungen folgend, dürften sie sich über die Beiersdorf-Ansiedlung ganz besonders gefreut haben. Und noch sitzen sie an 
der Stadtspitze und im sächsischen Wirtschaftsministerium auf den Positionen, die erlauben, diese Aufgabe zur Chefsache zu erklären.

Wer die Ortschaften und Stadtteile im Norden in Zukunft also nicht mit noch mehr zusätzlichem Individualverkehr belasten, sondern auch Nutzern und Nutzerinnen potenziell prekärer Jobs ein entlastendes Angebot machen will; wer ökologisch sinnvoll und sozial verträglich handeln will – dem bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich für einen S-Bahnhalt in Seehausen einzusetzen.

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 12/19.

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