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Die Freiheit riecht nach Gurke

»Das Verko(r)kste Krippenspiel«: Die Ankunft des Heilands in schrägen Schlaglichtern

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Das diesjährige »Verko(r)kste Krippenspiel« widmet sich Frieden und Freiheit. In gewohnter Weise verbindet das Knalltheater dabei absurde Ideen und brachiale Komik mit solidem Handwerk.

Zu Weihnachten das Krippenspiel zu besuchen, ist so ähnlich wie sich einen Film über die Titanic anschauen: Die Geschichte steht bis ins Detail fest, den Text kann jeder Zuschauer mitsprechen und eigentlich geht man nur für den eigenen Nachwuchs hin. Mit seiner alljährlichen Variation schafft es das Knalltheater, diesem Ritual neue Bedeutungsschichten zu entlocken, und somit auch, dem Besuch des Krippenspiels überhaupt einen Sinn zu verleihen.

Philipp Nerlich, Anne Rab, Markus Reichenbach und Larsen Sechert erzählen in Rückblenden die durchaus bizarre Geschichte vom Ritter Jens und von Frieden und Freiheit. Sie bedienen sich dabei am Baukasten der Theatermittel und zeigen versetztes Sprechen an der Rampe, archaische Masken, Pantomime, Improvisation, Gesichtsgummi und die karikative Wirkung von Slow Motion. Apropos Kasten: Zu den alljährlich bejohlten Running Gags gehört die klassische Pantomime-Nummer »Der Mann im Kasten«. Schon im Präludium, einer Art Persiflage ernsthafter Probenarbeit vor dem eigentlichen Spiel, zeigen die vier mit Hilfe des Rotkäppchen-Stoffs ganz praktisch, wie sich durch Wiederholung ein Verfremdungseffekt einstellt.

Knapp am Trash vorbei

Mit viel Fantasie und Genauigkeit – nach einem leicht staksigen Anfang – spielen die vier mit starkem körperlichen Einsatz knapp am Trash vorbei und auf hohem Niveau, nicht zuletzt dann, wenn sich witzetechnisch eher eine der unteren Schubladen der Kommode öffnet. Das ist gerne albern bis überdreht, lehrt aber: Beherrschung des Theaterhandwerks ist es, wenn ein Huhn in der Lage ist, Verlassenheit zu symbolisieren. Die präzise Mimik funktioniert auch in der Übertreibung, wenn ein veränderter Gesichtsausdruck eine ganze Szene in ein anderes Licht zu tauchen vermag.

Dieses Krippenspiel sprüht vor Ideen. Neben Albernheiten wie dem heiligen Geist, der im gelben Küken-Regenmantel über die Bühne flattert, ist Raum für vielfältige Anspielungen, Pathos wie Bedeutungsvolles und natürlich tiefe Gedanken, die Anlass geben, über neu erlangte Kalenderweisheiten zu sinnieren: Dass, wer Freiheit will, auch Eier braucht zum Beispiel, oder dass die Friedenspfeife besser versteckt ist als das Kriegsbeil. Oder so ähnlich.

Wandlungsfähig, brachial, überzeugend

Für die Wortverrenkungen und Dada-Elemente (»wabbelige Frömmigkeit«) gibt die angejahrte Bibelsprache ebenso Anlass wie der technokratische Anspracheduktus des Pfarrers vor der Gemeinde, der in atemberaubender Nähe zum Verlautbarungsdeutsch der DDR-Führung steht (»Ich bitte Sie inständig, das Klatschen bei diesem Gottesdienst zu unterbleiben«) und bisweilen durchaus die Rede eines Bundespräsidenten verzieren könnte.

Entsprechend rollt Erich Honecker in der Sackkarre auf die Bühne und fistelt was von Chile, eine absurde Semantik sieht »Hürden auf dem Felde« und »die drei Weizen« bringen »Minze und Möhre« vorbei. Nicht zwingend gebraucht hätte es allerdings die beiden Videosequenzen. Mag sein, dass hier eine Theatermode aufgenommen wurde; ob die Filme jedoch auf eine Metaebene zielen, wird nicht ganz klar. Davon abgesehen zeigt sich das Knalltheater-Krippenspiel als mit minimalen Mitteln wandlungsfähig, brachial und gleichzeitig überzeugend. Verdientermaßen gibt es mehrfach Szenenapplaus – das erste Mal bereits nach dem revuehaften musikalischen Einlauf.

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