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Würste, schenkt Würste

Leipzig ist schuld, dass aller Welt am Heiligabend die Ohren bluten

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Alle Welt wurde via Leipzig mit akustischer Verschmutzung überzogen. Und auch in Sachen Weihnachtsmärkte war Leipzig eine Vorreiterin.

Und am Ende bekam jedes Kind eine kleine Leberwurst.« – Hielten wir es mit der Leipziger Geschenktradition früherer Generationen, wäre es ganz einfach. Die mit Darmdingern Bedachten würden Mienen wie eingeschnappte Leberwürste aufziehen; aber das gäbe sich. Immerhin lebten sie noch.

Im Gegensatz zu Markgraf Dietzmann, der 1307 während des Weihnachtsgebets den Dolchtod erlitt, als er mental seinen Wunschzettel ausfüllte. In der Thomaskirche kniete er andächtig, das Christkind um die verdiente Leberwurst bittend, als der Meuchelmörder von hinten nahte. Den schleichenden Tod durch Überanstrengung beim Budenbummeln beschrieb bereits im 19. Jahrhundert ein – mit 40 Versen nicht minder überforderndes – Xmas-Gedicht. Beste Stelle, ernsthaft: »Kindersch, kooft Kämme, ’s komm lausige Zeiten.« Wobei früher nicht alles besser war: Einst mussten die Thomaner zur Weihnachtszeit als Straßensänger – à la »sing or treat«? – von Haus zu Haus ziehend ihr Schulgeld erträllern. Jenes Ohrensausen, welches das permanente Gerede vom Klein-Paris hinterlässt, verdanken wir der Weihnacht 1701. Hunderte Öllaternen illuminierten die Innenstadt. Die Ära der Straßenbeleuchtung begann und der Leipziger wagte mondäne Vergleiche.

Seliger Bedarf

Belegt ist der Weihnachtsmarkt seit 1458 und damit ist er nach dem Dresdner der zweitälteste Deutschlands. Verkauft wurden damals weder Weihnachtsbaumkugeln noch Lametta und Schnitzereien, sondern Produkte, die beim Überwintern halfen – wie Leberwürste. Denn Weihnachten schließt unmittelbar an die Zeit des Schlachtens und Fleischproduzierens an und das längste Stück Winter liegt noch vor den Städtern, die auf eigene Tierhaltung kaum zählen konnten. Allmählich etablierten sich auch andere Produkte als Waren des seligen Bedarfs, zogen Spielzeug, Tischlerwaren, Bekleidung in die Buden und konkurrierten mit Nahrung, Süßigkeiten und Steingut – immerhin wollten alle auf ihren grünen Zweig kommen. Dass der als »Lutherbaum« veräppelte Tannenschmuck nicht Feuer fängt und der Spruch »Advent, Advent / Der Christbaum brennt!« wahr wird, verdankt die Welt dem Nadelmacher-Meister Anton Clemens Theodor Keitel. Der gebürtige Leipziger erfand den sicheren Kerzenhalter, gründete 1875 in Pegau eine entsprechende Fabrik – und war ein gemachter Mann.

Masse und Matsch

Der Tradition folgend, soll man sich – ohne Leberwurst – unter klimatischer und sozialer Kälte durch die von Glühweinrülpsern verpestete Innenstadt schieben. Ob der bösartig eingefrorenen Gesichter und Graden unter Null will man gar nicht glauben, dass Weihnachten von einem Sonnengottkult herrührt. Gut, das ist eine Weile her und fand am Nil statt. (Warum lässt eigentlich das Ägyptische Museum diesen wichtigen Punkt aus?) Masse und Matsch: Die Götter müssen verrückt sein, den boshaften Blödsinn unters Volk gebracht zu haben.

Alle Welt wurde via Leipzig mit akustischer Verschmutzung überzogen. Hier nahm der anschwellende »WO«-Gesang – also Bachs »Weihnachtsoratorium« – seinen Anfang. Das gern hemmungslos heruntergeleierte »Stille Nacht, heilige Nacht« punktete erstmals in der Messestadt auf seinem markerschütternden Siegeszug. Und ja, auch »O Tannenbaum« wurde hier zum Weihnachtslied: Ein Lehrer – wer sonst wäre so mitleidslos? – dichtete eine Weise zum ewig grünenden Weihnachtslied um. Seitdem sucht es den Planeten heim.

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 12/19. 

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