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Schreiben für alle

Regisseurin und Drehbuchautorin Doris Dörrie lädt zum Schreiben ein

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal nimmt Literaturredakteurin Micklitz eine Einladung zum Schreiben von Doris Dörrie an.

Als Filmemacherin Doris Dörrie am 31. Oktober 2016 bei der Veranstaltungsreihe Leipziger Poetikvorlesung zu Gast ist, sind die Erwartungen hoch: Von nun an werden auch Künstlerinnen und Künstler anderer Bereiche eingeladen über ihr Werk zu sprechen – um den Blick auf die Literatur durch ihre Arbeitsweisen zu bereichern.

Die Regisseurin und Drehbuchautorin schreibt seit den Achtziger Jahren immer wieder Erzählungen, Kinderbücher und Romane. In diesem Jahr ist auch ihr neuestes Buch im Diogenes Verlag erschienen, welches sich gewissermaßen als Verschriftlichung und Erweiterung ihrer Poetikvorlesung aus Leipzig liest.

»Leben Schreiben Atmen« lautet der Titel, der schon anklingen lässt, dass es sich hier nicht um einen Schreibratgeber a la »wie schreibe ich einen Bestseller« handelt – wobei angemerkt sei, dass sie mit dem hier besprochenen Buch einen solchen geschrieben hat. Vielmehr liest sich die heilige Dreifaltigkeit des Schriftstellerklischees heraus, das »gar nicht anders kann«, als jeden Tag zum Füllfederhalter zu greifen und das Leben zu beschreiben, an dem er vor sich hin leidet.

Doch trotz dieser Assoziationen umschifft Dörrie klug, anregend und unterhaltsam diese beiden klischierten Extreme des Schreibratgebers – wenn auch das Gefühlige, Romantisierende von Zeit zu Zeit geschrammt wird: »Sie [die Erinnerungen] versetzen uns gleichzeitig in die Vergangenheit und Gegenwart unserer Existenz, mit all ihrer Schönheit uns ihrem Schrecken.«
Im Wesentlichen funktioniert Dörries Einladung folgendermaßen: Sie schreibt kurze, frei assoziierte Geschichten, die sich aus ihren Erinnerungen speisen, und stellt am Ende jeder Story Leitfragen und Ideen zusammen für jene, die gern ins Schreiben kommen wollen. Die Themen reichen von »Schreib über deinen Schwarm.« bis »Schreib über deine Haut. Über Pickel. Deine Hautfarbe. Deinen Rassismus.« Das man es sich nicht unnötig schwer machen muss beim Schreiben heißt nicht, dass es leicht ist.

Doch wer sich davon Lehrbuchwissen erhofft, sei gleich gewarnt.

Dörrie schreibt hier nicht für andere, sondern ausschließlich für sich selbst: »Wer bist du, wenn dir keiner zuschaut?« Schreiben, ganz unakademisch, frei von Ego und Intellekt. Dörrie »will gar nicht besonders toll, inspiriert oder originell sein, sondern die eigene Schatzkiste öffnen, Erinnerungen herausholen« Das erklärt sich auch aus den immer wieder erwähnten Schreibgründen. Warum sollen wir schreiben? »Die genaue Beschreibung der Einzigartigkeit jedes Einzelnen von uns bewahrt uns vor der Vorstellung, dass die Dinge klar und einfach sind.« Dass sich manche »Berufsschreiber« von Dörries Vorlesung enttäuscht zeigten, mag wohl daran liegen, dass sich ihre Leidenschaft für das Erzählen nicht an der Professionalität desselben bemisst, sondern seine Rechtfertigung allein darüber erhält, dass der Mensch eben den Wunsch verspürt, sein Leben zu verschriftlichen. Damit ist schon alles gesagt, das Erzählen darf beginnen, »ohne Ehrgeiz, ohne Ziel.« Und Kitsch kann hinterher immer noch gestrichen werden, oder auch nicht.

Doris Dörrie: Leben Schreiben Atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Zürich: Diogenes 2019. 271 S., 18 €

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