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In Deckung: Schlagzeilen

Cunst & Crempel: Die Comic-Kolumne von Tobias Prüwer

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Keine Meldung Wert? Schnieke Comics zum die Nase-rein-Stecken

»Stand by Me« trifft »Krieg der Welten«: So beschreiben der Autor Brian K. Vaughan und der Zeichner Cliff Chiang ihrer neue Comic-Serie. Man kann nicht widersprechen, höchstens die »BMX-Bande« noch hinzufügen, die auf »Aliens« trifft – und alles ist in »E.T.«-Optik gehalten und mit »Akte X«-Spuk gewürzt. Nun gibt es fette News über die Zeitungsausträgerinnen: der finale Band ist draußen. Kein Cliffhanger muss mehr erduldet werden. Jetzt gilt nur noch Spoileralarm.

»Paper Girls« handelt von einem zwölfjährigen Mädchen. Sie teilt am Halloween-Abend 1988 in einem Vorort mit dem Fahrrad Zeitungen aus. Von Monsterclown-Verschnitten wird sie belästigt, da kommt ihr ein Mädchentrio zu Hilfe, das ebenfalls Zeitungen zustellt. Bald teilen die Vier mehr aus als zusammengerollte Schlagzeilen. Denn eine extraterrestrische Kraft macht sich auf der Erde breit, die weit fieser ist, als alle Highschool-Bullys zusammen. Das Abenteuer für Tifanny, Mac & Co. beginnt – Zeitreisen, extraterrestrische Gegner und Verbündete sowie interstellare Achterbahnfahrten warten in den Fortsetzungen auf das Power-Quartett.

Die Serie ist ein wahnwitziges Horror-Mystery-Abenteuer starker Mädchen, überzeugend in Erzählrasanz, Witz und Ton-in-Ton-Zeichnungen, bei denen zunächst Violett die Grundfarbe bildet, später sind auch monochromatisches Mint oder Blau solche Basisfarben. Die Zeichnungen sind poppig, knallen, die Geschichte ist hübsch gebaut, überraschend und abgefahren. Dass dieser ausgezeichnete Comic gleich zwei Eisner Awards einheimste überrascht nicht.

Mit dem sechsten Band schließt sich nun der Kreis um die Schlagzeilen machenden Frauen. Das Rätsel um ihre unheimlichen Zeitsprünge – gar nicht so unähnlich den Abrafaxen – sind sie auf die Spur gekommen. Doch dann werden sie versprengt in Zeit und Raum und müssen sich einem alten Gegner stellen und ihr größtes Abenteuer meistern. Also, alle in Deckung: Hier kommen die »Paper Girls«!

Road-Trip

Ebenfalls starke junge Frauen sind in »West, West Texas« unterwegs. Der Comic ist schon deshalb eine Meldung wert, weil er die nächste Tat von Tillie Walden ist. Mit dem autobiografischen Werk »Pirouetten« zog sie zurecht alle Aufmerksamkeit auf sich. Und auch der jetzige Nachschlag hat es in sich. Bea und Lou sind buchstäblich unterwegs, denn der Band ist eine Reise im Auto, eine Fahrt zu einer Stadt, die nicht existiert. Dafür kommen sie, soviel darf verraten werden, bei sich selbst an – zumindest ein Stück weit. Im Gegensatz zum sparsam kolorierten »Pirouetten« strotz dieser Comic nur so vor Farbe. Herrliche Landschaften und ihre Strahlkraft erfüllen die Seiten und umrahmen das gezeichnete Kammerspiel. Denn vieles findet tatsächlich im Auto statt oder in Dialogen. Diese Reduktion in der Erzählung bei gleichzeitiger grafischer Explosion machen den Band besonders.

Memento mori

Über den Tod spricht man nicht gern. Berichtet wird nur vom dramatischen Sterben. Dass wir alle gehen müssen und vorher noch viele Verluste hinnehmen müssen, ist meistens ein unangenehmes, ja: peinliches Thema. In »Gevatter« geht es um nichts anderes. Wieder arbeitet der Leipziger Comickünstler Schwarwel sehr autobiografisch. In insgesamt sechs Heften – drei liegen bisher vor – setzt er sich mit dem Unausweichlichen, dem ultimativen Verlassenwerden und dem eigenen Scheitern auseinander, damit irgendwie adäquat damit umzugehen. Im Zentrum steht ein kleiner Junge namens Tim in den DDR-Siebzigern. Er erlebt den Tod eines Haustiers, die Oma ist irgendwann nicht mehr. Diese Erinnerungen und Zeitsprünge sind in einen Rahmen eingebettet, die den erwachsenen Tim zeigen, der ebenfalls in einer Situation ist, in der er mit den letzten Dingen ringt. Manchmal muten die klaren Schwarz-weiß-Zeichnungen lustig an, dämpfen aber nur leicht das harte Thema, in dem auch Stationen wie Alkoholmissbrauch und Depressionen nicht ausgespart werden. Eine harte Geschichte, die aber erzählt werden muss.

Tiefen-Druck

Ein Krimi sechs Meilen unter dem Meer: Auf der Forschungsstation »Dept.H« ist ein herausragender Wissenschaftler ermordet worden. Auch von Sabotageakten ist das Tiefseelabor nicht verschon worden. Wer ist der Täter? Das soll Mia herausfinden, die dorthin geschickt wird. Das fällt ihr nicht nur deswegen schwer, weil der Ermordete ihr Vater war. Sie kennt auch große Teile der beteiligten Crew – unter der sich auch ihr Bruder befindet. Das macht ihr Tun nicht nur zur Detektivarbeit, sondern Flashbacks aus der Vergangenheit konfrontieren sie immer wieder mit Persönlichem. Matt und Sharlene Kindt haben eine dichte Geschichte geschaffen, die neben dem Mörderraten auch mit paranormalen Phänomenen angereichert ist. Was treibt da unten im Meer noch so sein (Un-)Wesen? In Aquarellfarben gehalten, ist der Comic auch optisch ein Genuss. Neben kleinen Erzählpanels beeindrucken großflächige Grafiken, ist auch Pracht für die wunderschöne Welt der Tiefsee. Leider ist vom stellenweise surrealen Comic noch immer nicht der zweite Band erschienen, so dass man sich weiter gedulden muss auf eine Fortsetzung. Das ist die schlechte Nachricht.

> Brian K. Vaughan u. Cliff Chiang: »Paper Girls 6«. Cross Cult: Ludwigsburg 2019. 128 S., 22 €.
> Tillie Walden: »West, West Texas«. Reprodukt: Berlin 2019. 320 S., 29 €.
> Schwarwel: »Gevatter« Glücklicher Montag: Leipzig 2019. Hefte 1 »Verleugnung«, 2 »Zorn« und 3 »Verhandlung«. à 34 S., à 3,90 €.
> Matt u. Sharlene Kindt: »Dept.H – Unter Druck«. Hinstorff: Rostock 2018. 176 S., 20 €.

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