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»Betriebswirtschaft fickt Utopie«

Leipzig is not amused: Die alternative Musiklandschaft sieht für die Zukunft eher schwarz

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Auch wenn der gern gezogene Vergleich Leipzig und Berlin an vielen Stellen hinkt: Erstere Stadt macht letzterer auf jeden Fall Konkurrenz, wenn es um Verdrängungsprozesse geht. Dass die alternative Musikszene in Leipzig unter Druck steht, ist schon seit Längerem mit bloßem Auge daran zu erkennen, dass renommierte Spielstätten verschwinden.

Normalerweise gehört eine frisch montierte Glastür nicht zu den Dingen, über die sich die Gemüter erhitzen. Eine einschlägige Leipziger Underground-Spielstätte hat eine solche kürzlich am Eingang installiert bekommen, allerdings nicht aus ästhetischen Erwägungen oder um am Eingang mehr Durchblick zu haben. Der Club befindet sich in einem größeren Gebäude, mit der Tür werden Brandschutzauflagen erfüllt.

Befragt man Stammgäste des Clubs zur neuen Tür, hört man häufig etwas in der Art von »sauhässlich« oder »furchtbar«, meist mit einem latent mürrischen bis resignierten Unterton, der verrät, dass das eigentliche Problem kein ästhetisches ist. Anlass zum Murren gibt hier mehr, dass das Betreiben des Vermieters für die Tür verantwortlich ist, die so gar nicht zum Dekor des Clubs passt. Vielen geht es um die Frage, wie frei der Freiraum eigentlich noch ist und wie lange die Do-It-Yourself-Prinzipien noch gelten können.

Dass die alternative Musikszene in Leipzig unter Druck steht, ist schon seit Längerem mit bloßem Auge daran zu erkennen, dass renommierte Spielstätten verschwinden. Vor einem Jahr hat der kreuzer an dieser Stelle das Hinwegsterben des So & So bedauert, nachdem die CG-Gruppe, damaliger Eigentümer des Geländes hinterm Hauptbahnhof, den Club unsanft aus der dortigen Bausubstanz verdrängte (um das Areal dann an einen österreichischen Investor weiterzuverticken). Neue Räumlichkeiten hat die Crew des So & So bislang nicht auftun können.

Im Kleinen ist es eine objektiv potthässliche Glastür, im Großen schlicht eine Entwicklung, die man als schleichenden Kulturverlust verstehen muss. »Clubs sind als Freiräume Katalysatoren einer gesellschaftlichen Entwicklung, bedingen Stadtentwicklungsprozesse und haben auch in Leipzig eine nicht zu unterschätzende wirtschaftliche Bedeutung«, schreibt der Grünen-Stadtrat Jürgen Kasek in einem Gastbeitrag für das Online-Magazin Frohfroh mit dem programmatischen Titel »Am Anfang war die Nacht – warum die Clubkultur Leipzig erst groß gemacht hat«. Dennoch hat die Bundestagsfraktion der Grünen jüngst treffend feststellen müssen, dass Clubs, sei es für Live- oder für elektronische Tanzmusik, in Deutschland in Sachen Rechtsschutz auf einer Stufe mit Bordellen und Spielotheken stehen. Im Vergleich lässt die Leipziger Stadtpolitik dieses Thema besonders kalt, und damit auch die Heidenarbeit bis zur Selbstausbeutung, welche alternative Akteurinnen und Akteure im Bereich Musikveranstaltungen an den Tag legen. In Köln oder Berlin wird zumindest auf politischer Ebene darüber gesprochen, dass es womöglich ein Problem gibt.

Und auch wenn der gern gezogene Vergleich Leipzig und Berlin an vielen Stellen hinkt: Erstere Stadt macht letzterer auf jeden Fall Konkurrenz, wenn es um Verdrängungsprozesse geht. In Berlin ist man, was das angeht, natürlich weiter, hier dafür schneller. »Es gibt zu wenig gute Locations, die Mucke unterstützen, die nicht primär Geld einbringt – Clubs für um die 250 Leute, das gibts nicht mehr. Ich würde sagen, dass sich das in den letzten zehn Jahren entwickelt hat«, sagt ein seit den neunziger Jahren aktiver Leipziger DJ, der ungenannt bleiben möchte. »Betriebswirtschaft fickt die Utopie. In fünf Jahren ist hier das passiert, was in Berlin in zwölf passiert ist. Zudem ist alles teurer geworden, die Gehälter sind aber nicht gestiegen.« Er klagt des Weiteren über einen Club, der die Gage für einen Auftritt im Mai im November zahlt, sowie generell über einen erlebten Mangel an Wertschätzung: »Wir tragen seit 20 Jahren zur Szene bei, und dann schickt mich an der Tür vom IfZ einer weg, der seit zwei Jahren hier wohnt.«

Die Gründergeneration, die, um im Sinne Kaseks zu sprechen, Leipzig subkulturell den roten Teppich für den Boom ausgerollt hat, ist desillusioniert. Auf den Punkt gebracht, sind sich viele unsicher, ob sie hier in Zukunft noch gerne Musik machen und leben werden. Da hilft wiederum ein Blick nach Berlin, um zu erkennen, dass in dieser Frage sozialer Sprengstoff steckt. Bald ist Bürgermeisterwahl. Alle, die in Zukunft amtieren möchten, sollten sich schon jetzt laut Gedanken über das Problem machen.

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