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Vom Ursprung der Sprachen

Neue Erkenntnisse: Leipziger Forscher erkunden die Entstehung von Sprachen und Kommunikation

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Wissenschaftler von Max-Planck-Institut und Uni Leipzig sind in einer Studie der Frage nachgegangen, wie Sprachen entstehen. Dazu arbeiteten sie mit Vorschulkindern und machten erstaunliche Entdeckungen.

Manuel Bohn arbeitet am Zentrum für frühkindliche Entwicklung, das zur Uni Leipzig gehört. Gemeinsam mit seinem Kollegen Gregor Kachel entwickelte er im letzten Jahr eine Studie, um die Anfänge menschlicher Kommunikation zu erforschen. »Unsere Ausgangsfrage war, was passiert, wenn zwei Menschen sich gegenüberstehen die keine gemeinsame Sprache haben. Schaffen sie es sich verständlich zu machen? Und wie wird aus spontaner Kommunikation eine strukturierte Sprache?«, erzählt Bohn. Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass Kinder bei der Entstehung von Kommunikation eine entscheidende Rolle spielen. Entsprechend entwarf das Leipziger Forschungsteam eine Versuchsanordnung für Probanden zwischen drei und acht Jahren.

Der Versuchsaufbau

Die Idee für ihren Versuch kam den Akademikern während eines Telefongesprächs mit einem amerikanischen Kollegen, bei dem der Ton ausfiel. Daraus entwickelten sie folgende Versuchsanordnung: sie setzten zwei Kinder in getrennte Räume. Dann stellten sie per Skype eine Verbindung zwischen den jungen Probanden her, allerdings ohne Ton. Aufgabe der Kinder war es ihrem Gegenüber Gegenstände zu erklären.
»Die 6-Jährigen hatten keine Probleme auf die Idee zu kommen, dass man Gesten verwenden könnte als der Ton weg blieb. Auch das Erfinden neuer Gesten fiel ihnen leicht«, erinnert sich Bohn. Die Vierjährigen brauchten häufig einen Anstoß, um Gesten zu erfinden. »Für die 3-Jährigen war der Tipp Gesten zu verwenden nicht genug, man musste ihnen jede Geste vormachen, dann konnten sie sie nachmachen, neue Gesten haben sie jedoch nur selten selbst erfunden«, sagt Bohn.

Komplexe Aufgaben

Im Verlauf des Experiments gaben die Wissenschaftler den Kindern immer abstraktere Aufgaben. So sollten diese ihrem Gegenüber ein weißes Blatt Papier, also quasi »nichts«, erklären. Besonders zwei Mädchen entwickelten dabei eine Herangehensweise, die für die Studie äußerst aufschlussreich war. »Die Senderin versuchte zunächst allerhand verschiedene Gesten. Ihre Partnerin gab ihr jedoch zu verstehen, dass sie nicht wusste, was gemeint war. Plötzlich zog unsere Senderin ihr farbiges T-Shirt zur Seite und zeigte auf einen weißen Punkt auf dem T-Shirt. Da hatten die beiden einen echten Durchbruch: »Natürlich! Weiß! Wie das weiße Papier!« Als die Rollen getauscht wurden, hatte die Empfängerin zwar keinen weißen Fleck auf ihrem T-Shirt, allerdings wählte sie die gleiche Herangehensweise: Sie zog ihr T-Shirt zur Seite und zeigte darauf. Sofort wusste ihre Partnerin, was gemeint war. Die beiden hatten innerhalb von kürzester Zeit ein Zeichen für die Darstellung eines abstrakten Sachverhalts etabliert«, erklärt Bohn.

Sprachmodel

Im Dezember 2019 veröffentlichte das Leipziger Team seine Studie. Die Resonanz war von Beginn an gut. Schließlich konnten die Forscher nachweisen, dass Kinder schon innerhalb einer halben Stunde damit beginnen, eigene Formen der Kommunikation zu entwickeln. Für die Entwicklung von Sprachen scheint demnach folgendes Modell plausibel: Zunächst werden Personen, Dinge oder Handlungen durch Zeichen dargestellt, die diesen Dingen ähneln. Dabei ahmen die Gesprächspartner auch einander nach. Sie verwenden dieselben Zeichen für dieselben Dinge. Dadurch gewinnen die Zeichen an Bedeutung. Mit der Zeit, wird die Beziehung zwischen Zeichen und Ding dann immer abstrakter. Am Ende entstehen sogar grammatikalische Strukturen.

Vieles bleibt jedoch weiter ungewiss. »Wir arbeiten jetzt konkret an einem Projekt in dem wir untersuchen, wie viel gemeinsame Interaktion nötig ist, um neu erschaffene Gesten zu verstehen. Also, sind die Gesten die die Kinder verwendet haben auch für jemanden verständlich der nicht Teil der kommunikativen Interaktion war«, sagt Bohn. Neben den Erkenntnissen über die Entstehung neuer Sprachen hat den Wissenschaftler vor allem die Diversität der Lösungen überrascht, die die Kinder für ein und dieselbe Aufgabe gefunden haben. »Das hat mich ein bisschen an die Sprachenvielfalt auf der Welt erinnert: Es gibt keine »guten« oder »schlechten« Sprachen, Hauptsache, man kann sich verständigen«, sagt Bohn.

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