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»Die Erfahrung von Entlegenheit wird seltener«

Dirk Weckwert, Geschäftsführer der Reisefibel, über Reisen und das Reisegeschäft

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Ist die Reisefibel eigentlich ein Buchladen mit Reisebüro oder doch eher ein Reisebüro mit Buchladen? Geschäftsführer Dirk Weckwert erklärt es. Außerdem spricht er über den ungebrochenen Bann von Reisevorträgen und den unschätzbaren Vorteil von Faltbooten.

kreuzer: Wie ist die Reisefibel entstanden?
DIRK WECKWERT: Meine Frau und ich sind diplomierte Ökonomen und außerdem reisebegeistert. 1994 ergab sich die Chance, in Leipzig einen Buchladen für Reiseliteratur zu übernehmen. Danach bauten wir zunächst das Sortiment an Karten und Reiseführern weiter aus. Sie bilden bis heute einen Schwerpunkt.

kreuzer: Daher auch der Name Reisefibel?
WECKWERT: Genau. Es blieb aber nicht lange bei diesem Sortiment allein. Als Nächstes starteten wir die Vortragsreihe »Welt im Sucher«. In 25 Jahren hatten wir 600 Veranstaltungen mit jeweils bis zu 500 Zuschauern. Danach entstand das Reisebüro: 1995 musste man noch in ein Geschäft gehen, um einen Flug zu buchen, und darauf baute meine Frau 1995 das Reisebüro auf – wie alles begann auch dieses Segment klein und nach dem Prinzip Learning by doing. Das Reisebüro ist auf Kultur- und Aktivreisen spezialisiert: Das macht viel Spaß, weil es auch eine Auseinandersetzung mit dem Zielgebiet bedeutet. Seit gut einem Jahrzehnt handeln wir außerdem online mit einer Outdoormarke. Dazu kamen wir ebenfalls eher zufällig. Diese Branche wiederum funktioniert ganz anders als unsere restlichen Standbeine. Seit Mai 2008 arbeiten wir bei den Vorträgen mit Reinhold Messner zusammen. Da kam uns die bis dahin gesammelte Erfahrung aus dem Eventmanagement zugute, denn diese Vorträge sind viel größer als die, die wir bis dahin veranstaltet hatten.

kreuzer: Außerdem verkaufen Sie noch Kajaks und Faltboote.
WECKWERT: Ich bin der wohl größte Fan von Faltkajaks, denn sie gewähren die Freiheit der Streckenplanung. Mit ihnen lassen sich auch eher abseitige Ziele erreichen, man muss nicht auf die Vollendung eines Durchstichs warten wie im Leipziger Neuseenland und kann wie in der Mecklenburger Seenplatte die unterschiedlichsten Gewässer befahren – das Boot ist im Rucksack immer dabei.

kreuzer: Wie groß ist denn die Reisefibel?
WECKWERT: Inklusive der 450-Euro-Kräfte sind wir zu zehnt.

kreuzer: Müssen Sie aus beruflichen Gründen viel reisen?
WECKWERT: Meine Frau und ich haben viele Reisen getrennt gemacht, also nicht nur in Familie. Jeder von uns verreist bestimmt drei bis vier Mal im Jahr.

kreuzer: Kaufen die Leipziger anders ein als vor einem Vierteljahrhundert? Spiegelt sich darin auch eine Veränderung des Reiseverhaltens allgemein?
WECKWERT: Der Trend geht dahin, mehrfach im Jahr zu verreisen, auch verstärkt innerhalb der Bundesrepublik oder Europas und gerne mit dem Zelt oder dem Wohnmobil. Darin mag sich ein gestiegenes Unsicherheitsgefühl bezüglich anderer Erdteile spiegeln, das ich persönlich nicht nachvollziehbar finde. Es führt dazu, dass durch die gestiegene Mobilität innerhalb Europas die Hotspots in den Ferien überlaufen sind. Das macht es schwer, Nischen zu empfehlen oder Geheimtipps zu geben, denn die Erfahrung von Entlegenheit wird selten. Gleichzeitig sind Spezialkarten zum Wandern, Radfahren oder Wasserwandern stärker gefragt.

kreuzer: Haben sich in den letzten 25 Jahren auch die Reisevorträge verändert? Die heißen ja inzwischen Live-Reportage oder Multivisionsshow.
WECKWERT: Manchmal hören wir die überraschte Frage: »Kommen da denn immer noch Leute hin?« Tatsächlich verlieren die Vorträge nicht an Reiz. Der entsteht einerseits durch das große stehende Bild, das sich guten Fotografen verdankt, oder durch gute Storys, wie wir sie von Leuten wie Rüdiger Nehberg erwarten können. Filme und O-Töne lassen sich mit heutiger Technik viel leichter in den Vortrag integrieren. Dadurch entsteht der Reportagecharakter.

kreuzer: Wenn es mal nicht Feuerland, der Regenwald oder die Extrem-Klettertour sein sollen: Wohin machen Sie gerne einen Ausflug?
WECKWERT: Ich habe ja schon von meiner Leidenschaft fürs Packraften gesprochen: nicht auf Kanäle angewiesen sein und stundenlang keinen Menschen sehen. Das lässt sich zum Beispiel gut im Gebiet der Mecklenburgischen Seenplatte erleben, nur hundert Kilometer nördlich von Berlin. Ich mag aber auch Surfen auf dem Cospudener See, da lässt sich schnell und problemlos unter der Woche ein bisschen Urlaubsfeeling herstellen. Und im Auwald gibt es natürlich ebenfalls Erholung.

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