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»Mich interessiert das Wirkliche«

Vom Internationalen Forum des Jungen Films der Berlinale zum Dok Leipzig: Christoph Terhechte über Ursprünge und Visionen

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Nach Stationen in Paris, bei den Festivals in Berlin und Marrakesch kam Christoph Terhechte nach Leipzig. Im 
Gepäck die Filmleidenschaft, die ihn seit der Kindheit prägte. Seit Januar ist der Filmjournalist nun Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Dokfilmwoche. Wir treffen ihn eine Woche nach Dienstantritt, den Kopf voller Eindrücke und Gespräche.

kreuzer: Wo hat Ihre Filmleidenschaft ihren Ursprung?
Christoph Terhechte: Ich komme aus einem Kaff in Westfalen bei Münster. Dort habe ich damals schon alles geguckt, was ich gucken wollte. Bud-Spencer- und Terence-Hill-Filme hauptsächlich. Als ich ein bisschen älter war, bin ich jeden Abend nach Münster getrampt und hab mir das Programm in den Kinos dort angeguckt. Ich kann nicht sagen, was mich infiziert hat, außer dass ich mit elf »Blow Up« von Antonioni gesehen hab. Der hat mich ziemlich erwischt. Ich hab dann in Hamburg Politik und Journalistik studiert, weil ich geglaubt habe, ich werde Journalist und verändere die Welt. Ich bin aber auch dort recht schnell damit konfrontiert worden, dass ich das Kino interessanter fand als die Uni.

kreuzer: Sie sind kurz nach der Wende nach Berlin gekommen. Wie haben Sie die Stadt erlebt?
Terhechte: Durch meine damalige Lebensgefährtin, deren Wurzeln in Ost-Berlin liegen, war ich viel im Ostteil der Stadt unterwegs, bevor ich im Herbst 1990 nach Berlin zog. Da war sehr schnell ein Gefühl von Desillusion zu spüren, über das, was zu erwarten war. Das hat meinen Blick auf diese neue gesamtberlinerische Stadt geprägt.

kreuzer: Nach Berlin hat es Sie zum Filmfestival nach Marrakesch gezogen. Wo lag der Reiz für diesen Schritt?
Terhechte: In Marrakesch bot sich die Möglichkeit, ein Festival, das als reine Bling-Bling-Veranstaltung verschrien war, zum echten Festival zu machen, das sich interessiert für die lokale afrikanische und arabische Filmszene. Wir haben
mit Volksschulen auf dem Lande gearbeitet und ich habe geheult, als ich sah, wie toll das ist, wenn 700 Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Kino sitzen und einen Film auf der Leinwand sehen. Beim zweiten Festivaljahr gab
es dann aber so viel Widerstand, dass ich keine Lust mehr hatte.

kreuzer: Wie ist Ihre Beziehung zum Dokumentarfilm?
Terhechte: Das Forum der Berlinale ist eines der wenigen Festivals, die Dokumentar- und Spielfilm immer vermischt haben, ohne es speziell zu labeln. Wir waren immer interessiert an den Rändern beider Formen, am Wirklichen. Das ist
für mich das Kriterium: dass es einen Bezug gibt zu Lebenswirklichkeiten. Ich glaube nicht an den reinen Dokumentarfilm. Schon die Entscheidung, wo man die Kamera hinstellt oder wann man den Ort des Geschehens betritt, ist eine künstlerische. Trotzdem habe ich nicht vor, aus Dok Leipzig ein Spielfilmfestival zu machen. (lacht)

kreuzer: Was würden Sie gerne ändern?
Terhechte: Ich denke, wenn ich mir den Namen des Festivals anschaue, dass der lange Animationsfilm etwas unterbelichtet ist. Da würde ich auf jeden Fall gerne mehr tun. Mir ist aufgefallen, dass es in den letzten Jahren im Wettbewerb keinen einzigen Animationsfilm gab. Zumal ich 2019 ganz fantastische Animationsfilme gesehen habe, die originell, neuartig und sehr divers waren. Überhaupt ist es so, dass in den vergangenen Jahren ja immer mehr Filme aufgetaucht sind, wo sich Dokumentarfilmer der Animation bedient haben, sei es, um Sachen darzustellen, die man aus ethischen Gründen nicht filmen kann oder für die es kein Material gibt. Ich möchte, dass insbesondere der lange Animationsfilm eine stärkere Rolle spielt.

kreuzer: Wie nähern Sie sich der langen Geschichte des Festivals?
Terhechte: Mit dem Forum bin ich schon einmal in einer Situation gewesen, wo ich ein bedeutendes, traditionsreiches Festival von den Vorgängern übernehmen und neu denken musste. Und ich habe in Leipzig vor, was ich auch damals gemacht habe, also konsolidieren, statt das Festival von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Ich schätze sehr, was vorhanden ist. Ich wusste schon immer von der legendären Bedeutung des historischen Festivals. Davon kriegt man heute noch viel mit. Zuletzt beim Festival in Marrakesch, wo wir viel mit afrikanischen und arabischen Filmemachern zusammenarbeiten. Dort hat das Festival von Leipzig einen irrwitzigen Ruf. Vor allem für jene, die aus sozialistischen Ländern kommen, ist Leipzig ein Ehrfurcht einflößender Begriff. Das Dok war über lange Zeit einer der wenigen Orte, wo sich politische Filmemacher, die heute legendär sind, trafen. Gerade der internationale Austausch ist etwas, was
bis heute bei vielen Filmemachern den Ruf des Festivals untermauert.

kreuzer: Wo sehen Sie die Stärken des Festivals für seine Besucher?
Terhechte: Ich glaube, der große Vorteil, den Leipzig gegenüber anderen Festivals dieser Größenordnung bietet, ist, dass es ziemlich cool ist und auch ziemlich intim. Man kann hier Begegnungen machen, sich hinsetzen und sich auch mal einen Moment Gedanken darüber machen, was man eigentlich hier tut. Das ist anders als auf einem Festival, wo das Gerenne groß ist. Das ist ein guter Grund für viele Leute, wiederzukommen.

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