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Feuertaufe in der Arena

Der Schauspieljugendclub probt den Generationskonflikt – ein Besuch

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Am Freitag feiert »Morning« im Schauspielhaus Premiere. Der kreuzer hat vorab bei den Proben des Schauspieljugendclubs einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

»Wollen wir reinspringen?« Die zwei Spielerinnen wollen, sie folgen der Regisseursanweisung. Das Mädchen in goldenen Turnschuhen spielt kraftvoll hüpfend Himmel und Hölle, bis es von seiner genervten Mutter gestoppt wird. Ein Dialog entspinnt sich, zunächst in Fetzen. »Pass bloß auf bei den ganzen Perversen.« Lachen. »Mama, glaubst du, ich bin blöd?« »Ich knall dir gleich eine.« »Nein!« »Leg es nicht darauf an.« Und aus.

Es ist erst die zweite Probe von »Morning«, der kreuzer darf dabei sein, wie im schwarzen Skelett der ehemaligen Skala an ersten Szenen gefeilt wird. Nach einem reinen Textdurchgang wird Stück für Stück durchgespielt, werden szenische Elemente erprobt und bei Gefallen eingebaut. »Am Anfang ist man sehr unsicher«, sagt Charlotte Hovenbitzer, »weiß nicht, wo man seinen Arm hintun soll. Als ich die offene Bühne gesehen habe, dachte ich: ›Oh Gott, oh Gott.‹« Hovenbitzer – selbst 17 – spielt die 17-jährige Stephanie, die im Zentrum des Stücks »Morning« steht. »Das ist eine ganz schön abgefuckte Person«, sagt Hovenbitzer. »Man weiß nicht genau, was ihr passiert ist. Aber ihre Taten sind ganz schön krass.«

Um den Grundkonflikt mit ihrer Mutter geht es auf der Probe, wo zu erleben ist, wie das Textgerüst Fleisch gewinnt. Mutter und Tochter schreien erst, dann nähern sie sich an. »Wir sind ganz am Anfang, macht nicht gleich auf so psychologisch«, mahnt der Regisseur. »Nähe erzeugt immer gleich einen Effekt.«

Die Mutter spielt Sophie Lutz, eine professionelle Schauspielerin. Das ist der Clou des Jugendclubs »Sorry, eh!«: Seit drei Jahren werden Ensemblemitglieder und Laiendarsteller für eine gemeinsame Produktion zusammengeführt. »Wir wollen wissen, was passiert, wenn sie sich auf Augenhöhe begegnen«, sagt Clubleiter und Regisseur Yves Hinrichs. Die Laien spielten so aus dem Bauch heraus, wie es sich die Professionellen durch ihre Ausbildung etwas abtrainiert hätten, aber gern wieder können würden. Dazu wurde das Stück von Simon Stephens extra modifiziert, damit nicht nur Jugendliche zusammenkommen, sondern auch ein Generationskonflikt wirksam zutage tritt.

»Das fühlt sich höchst spannend an«, sagt Schauspielerin Sophie Lutz. »Wir haben uns gut eingelassen, sind zu zweit auf uns gestellt.« Ein bisschen habe sich das wie zurück auf der Schauspielschule angefühlt. Dass Hovenbitzer Laie ist, findet sie nicht komisch: »Die Frage ›Wo hast du studiert?‹ spielt sowieso keine Rolle.«

»Gucken, ob die Typen einen verfolgen«, wirft die Souffleuse eine Regieidee ein, als die Spots ringsum wieder angehen. Charlotte Hovenbitzer rennt um den Podest, der im Bühnenraum steht. Blickt in alle Richtungen, dreht sich, denn sie muss von allen Seiten zu sein, es ist eine Arenasituation. »Das ist gar nicht so leicht, nackt ohne Requisiten dazustehen, nur Text«, sagt Lutz. »Aber der ist sehr gut.«

»Zu Beginn müsst ihr den Raum aufmachen«, verlangt der Regisseur. »Was meinst du?«, fragt Hovenbitzer. »Wie ein Kalendertürchen. Nutz den Raum, schaff eine andere Situation.« »Aha.« Charlotte Hovenbitzer steht nicht das erste Mal auf der Bühne, hat schon im Ost-Passage Theater und der Villa Kaos gespielt. Ins Theater sei sie schon als Kind gegangen, mit 14 sei ihr das dann peinlich gewesen, weil ihr Vater Schauspieler ist. »Never Ever Disconnected« vom Schauspiel-Club habe sie dann wieder vom Theater überzeugt – und sie wollte plötzlich auch auf der Bühne stehen. Schauspielerin ist heute auch ihr Berufswunsch. Ihr Vater war nicht sehr begeistert, weiß er doch um das Prekäre des Jobs. Jetzt aber unterstützt er sie beim Proben fürs Vorsprechen – sie möchte nach dem Abi in diesem Jahr auf die Schauspielschule.

Zuvor muss Hovenbitzer aber noch das Raum-Aufmachen meistern. Sie balanciert am Bühnenrand, schenkt der Mutter wilde Blicke, während sie die Arena umrundet, dreht sich in alle Richtungen um. Der Regisseur lobt, man sei schon ein Stück weiter. Sophie Lutz ermuntert: »Schauspielen ist quälen.«

> »Morning«: 21.2., 20 Uhr (Premiere), Diskothek/Schauspielhaus

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