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Trillern und schreien

Natascha Sadr Haghighian in der GfZK

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Die iranisch-deutsche Installationskünstlerin Natascha Sadr Haghighian zeigt ihre Biennale-Arbeiten in Leipzig

Als »Natascha Süder Happelmann« bespielte sie mit dem Projekt »Ankersentrum« den Deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale 2019 in Venedig. Ihr eingedeutschter iranischer Name, ein großer Stein aus Pappmaché auf dem Kopf und absolutes Schweigen waren dabei essenziell für die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian. Nicht sie selbst als Person sollte im Vordergrund stehen, sondern der Inhalt: Migration, Identität, Kollaboration, Gemeinschaft; umgesetzt in Videos und Fotos im Vorfeld sowie in Beton-Objekten, Skulpturen, einer Soundinstallation und Kooperationen mit Musikern und anderen Künstlern während der Biennale.

In der Ausstellung finden Elemente aus dem Pavillon und andere Arbeiten des Projekts zueinander. Eine Installation aus Styropor, Beton, Latex und Mineralien holt den Stein als Objekt in den Ausstellungsraum. Aufeinandergestapelte Boxen mit Gerüststangen warten auf die nächste Tomatensaison. Großformatige Grafiken dokumentieren eine charmante Konsequenz des Nicht-Sprechens, denn Presseanfragen wurden per Zeichnung beantwortet. Hinzu kommen Fotos und Videos ihrer Observationen »ruinöser Räume« von Deutschland bis Italien: bayrische Ankerzentren; eine italienische Tomatenplantage mit sklavenartigen Arbeitsbedingungen für Asylsuchende; ein konfisziertes Rettungsschiff, das unantastbar im Zollhafen liegt. Das Thema Migration ist an allen Orten spürbar. Wie arbeitet Sadr Haghighian und wie findet sie diese Räume? »Ich denke in Kollektivität, in Solidarität. Die Themen kommen zu mir, sie schreien zu mir«, sagt sie.

Etwas verloren fühlt man sich an manchen Stellen der Ausstellung. Was diese aber akustisch zusammenhält, ist die Klanginstallation »tribute to whistle«. Hier konzentriert sich auch gleichzeitig der Kern des künstlerischen Werks: Sechs Musiker erarbeiteten sechs Kompositionen für Trillerpfeife – laut Künstlerin ein »Protestinstrument«, was wieder den Bogen zu den Plantagenarbeitern spannt, die mit Trillerpfeifen für bessere Arbeitsverhältnisse demonstrieren. Ohne zentrale Synchronisierung, ohne Wiederholung ertönen die Arrangements, das Gemeinschaftsgefühl ist dennoch spürbar.

> »Natascha Sadr Haghighian: Im Rücken die alte Ordnung (he she they walked)«: bis zum 15.3., Galerie für Zeitgenössische Kunst

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