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Pop im Gehirn

Am Max-Planck-Institut beschäftigt man sich mit der Frage, wieso der Hit ein Hit ist

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»Was ist so besonders an Musik?« fragte sich Neuro-Wissenschaftler Vincent Cheung und untersuchte daraufhin 80.000 Akkorde, entnommen aus Songs aus über 50 Jahren US-Billboard-Charts.

Wenn wir mal ganz genau sind, ist Musik auch nur vibrierende Luft. Schon komisch, dass um so was immer so ein Aufhebens gemacht wird. Andererseits, kennen Sie »Like A Prayer« von Madonna? Wie sich am Anfang diese sakral anmutende Spannung aufbaut, und dann – zack! – dieses Monster von einem Refrain reinkommt und es sich anfühlt, als würde das Herz einen kurzen überraschten Sprung tun? Das ist schon allerhand, das müsste die Wissenschaft doch eigentlich interessieren.

Tut sie auch: »Was ist so besonders an Musik? Wie können organisierte Klangmuster solche starken emotionalen Effekte hervorrufen?«, das fragten sich laut Vincent Cheung er selbst und einige seiner Kollegen vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Um dieser Frage mit den Mitteln ihres Fachs zu Leibe zu rücken, entwarfen sie für ihre Studie eine Versuchsreihe, welche das Thema vom Phänomen des Popsongs westlicher Prägung her denkt.

Das Ausgangsmaterial bestand aus 80.000 Akkorden, entnommen aus Songs aus über 50 Jahren US-Billboard-Charts. Aus diesem berechnete ein Computerprogramm zunächst die Wahrscheinlichkeit von Akkordfolgen und wies davon ausgehend jedem Akkord zwei Werte zu: einerseits, wie stark der Akkord Schlüsse über den weiteren Verlauf der Folge zulässt – handelt es sich beispielsweise in Relation zum Grundton des Stücks um die Tonika, erwartet man in einem Popsong als Nächstes die Subdominante und dann die Dominante, man kennt das. Andererseits, inwieweit der jeweilige Akkord im Kontext der Folge erwartbar oder überraschend ist.

Die Wissenschaftler ließen die Probanden, deren Hirnaktivität dabei gemessen wurde, dann nur die Akkordfolgen der Hits anhören, ohne das Drumherum von Rhythmus, Melodien und Effekten. Dieses Vorgehen war wichtig, um zu verhindern, dass die Probanden Songs erkennen und dem Ganzen sozusagen schon vorfühlen. Cheung und Team ließen bei jedem gehörten Akkord bewerten, als wie angenehm beziehungsweise befriedigend dieser empfunden wurde. Diese Bewertung glichen sie anschließend mit den beiden anderen vom Computer zuvor berechneten Akkordwerten – das Potenzial, ein Gefühl erwartender Spannung zu erzeugen, versus das Potenzial für einen Überraschungseffekt – ab.

Die Songs, die wir alle kennen und lieben, auch wenns einige bornierte Musikredakteure nicht zugeben würden (Vincent Cheung, bestimmt: »Ich würde sagen, dass Taylor Swift sehr gute Songs schreibt«), funktionieren laut der gewonnenen Daten so: Besonders gut schnitten zum einen überraschungsarme Akkorde ab, welche dafür in besonders hohem Maße suggerierten, wie es weitergeht. Zum anderen mochten die Leute die knalligen Überraschungsbonbons, welche dafür wenig Schlüsse auf die weitere Akkordfolge zulassen. Die Hirnscans aus der Studie zeigen, dass nicht nur der Auditive Cortex dazu hochaktiv wird, sondern auch Amygdala und Hippocampus.

Erwartung und Überraschung erzeugt Pop im Gehirn. Dieser Befund verdeutlicht einen Mechanismus westlicher Popkultur auch über die reine Musik hinaus. Über die Jahrzehnte kleisterten die Labels die Städte monatelang im Voraus mit deren Konterfeis zu, wenn das Album eines Stars anstand, bis Beyoncé ihr selbstbetiteltes Album 2013 mal eben ohne Ankündigung ins Netz stellte – und selbiges explodierte. Man denkt auch an Lady Gaga und ihren Auftritt auf einer Gala im Fleischkleid – mit irgendwas hatte man ja gerechnet, aber damit bestimmt nicht.

»Die Frage ist, ob die Mechanismen von Spannung und Überraschung Konstanten über die westliche Popmusik hinaus sind«, denkt Cheung im Gespräch die Ergebnisse weiter. Eine weitere Frage stellt sich, jetzt, da man weiß, wie man rechnen muss: Kann das der Computer nicht eigentlich besser als wir? »Ich sehe definitiv großes Potenzial, was die Rolle von Künstlicher Intelligenz in der Musikindustrie angeht«, sagt Cheung dazu. Wie sieht es denn aus mit der Formel für den perfekten Song? Er schränkt ein: »Die könnte es womöglich gar nicht geben.« Man bleibt gespannt.

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