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Kennen Sie den Begriff Endometriose? Nein? Sollten Sie aber – ein Kommentar

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Es ist Zeit für einen Blick auf die Versorgungslage von Endometriose-Patientinnen in Leipzig und Sachsen

Hand aufs Herz, wie viel wissen Sie über Menstruationsbeschwerden? Ja, das haben Sie an dieser Stelle nicht erwartet, was? Aber die Frage ist ernst gemeint. Egal ob Sie als Frau selbst betroffen sind oder indirekt als Mann, der mit einer Frau zusammenlebt. Wie viel wissen Sie von den monatlichen Beschwerden Ihrer Freundinnen, Kolleginnen oder Verwandten? Reden Sie darüber? Kennen Sie den Begriff Endometriose? Nein? Sollten Sie aber, denn geschätzte fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung mit Uterus sind davon betroffen. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Daher gilt: Wer sich Wörter wie Herzklappenfehler, Adipositas oder Mammakarzinom merken kann, schafft das auch mit Endometriose. Hier finden Sie das komplizierte Wort Silbe für Silbe: En-do-me-tri-o-se. Sprechen Sie es bitte laut aus. Egal wo Sie jetzt grade sind. Sehr gut. Und wenn Ihr Nachbar in der Straßenbahn oder im Café jetzt komisch guckt, fragen Sie ihn, ob er weiß, was das ist. Sie werden ein interessantes Gespräch führen, versprochen.

Endometriose ist die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung und bezeichnet das Vorkommen von gebärmutterähnlicher Schleimhaut außerhalb der Gebärmutterhöhle. Diese sogenannten Endometrioseherde stehen unter zyklusbedingtem Hormoneinfluss und können sich verändern und bluten. Dabei kann es zu bleibenden Schäden an den befallenen Organen kommen. Darüber hinaus wird ein Zusammenhang mit ungewollter Kinderlosigkeit vermutet. Da die Erkrankung auch symptomlos verlaufen kann, in anderen Fällen aber starke Regelblutungen und heftige Schmerzen verursacht, ist sie schwer zu diagnostizieren. Obwohl sich Initiativen schon länger bemühen, die Erkrankung in der Öffentlichkeit bekannter zu machen, wissen leider oft auch Ärzte noch zu wenig über Beschwerden und Behandlungsmöglichkeiten. Zwischen dem Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnose vergehen im Schnitt drei bis neun Jahre.

Seit 2005 führt ein Zusammenschluss aus Medizinern und der Selbsthilfeorganisation Endometriose-Vereinigung Zertifizierungen von Endometriosezentren durch. Beim Blick auf die Übersicht von zertifizierten Zentren im Bundesgebiet fällt auf: In den ostdeutschen Ländern gibt es, mit Ausnahme von Berlin, vergleichsweise wenige. Stand Februar 2020 ist nur ein Zentrum in Sachsen zertifiziert – in Dresden. Ähnlich in Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Zum Vergleich: Allein in Schleswig-Holstein gibt es vier Zentren und eine Rehabilitationsklinik. Bedeutet das, dass Ärzte in Sachsen und den Nachbarländern Endometriose nicht behandeln? Nein, aber offensichtlich lassen sich weniger Kliniken und Praxen zertifizieren. Die Versorgungslage allein in Leipzig ist nicht so dünn, wie sie angesichts dieser Liste scheinen mag.

Auf kreuzer-Nachfrage hat das Leipziger Universitätsklinikum eine Zertifizierung der hauseigenen Sprechstunde für das erste Quartal des neuen Jahres in Aussicht gestellt. Auch das Klinikum St. Georg führt seine Sprechstunde nach dem Wechsel des verantwortlichen Oberarztes Francis Nauck nach Weißenfels weiter. Zudem hat die bereits erwähnte Endometriose-Vereinigung ihren Sitz in Leipzig, bietet anonyme Beratung und betreut die lokale Selbsthilfegruppe. Alles gar nicht so schlimm? Hm, jein. Das größte Problem für alle Betroffenen ist immer noch der gesellschaftlich verbreitete Glaube, dass eine Regelblutung mit (starken) Schmerzen einhergehen muss. Im Hinblick auf Endometriose schlecht ausgebildete erste Ansprechpartner – sprich Gynäkologen, aber auch Hausärzte – vermitteln betroffenen Frauen noch zu oft, dass ihre Beschwerden nicht ernst zu nehmen seien. Expertise in Form eines dichteren Netzes von zertifizierten Zentren würde da zur Orientierung beitragen.

Zum Beratungsangebot der Endometriose-Vereinigung Deutschland: www.endometriose-vereinigung.de

Petition: »Endometriose als schwertherapierbare, chronische und komplexe Erkrankung anerkennen!«

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Ein Kommentar

  1. Diana Göpfert | 6. März 2020 | um 21:26 Uhr

    Es ist ein wirklich guter Artikel. 👍 Ich habe selbst diese Krankheit und leite eine der Selbsthilfegruppen in Leipzig. Umso mehr freue ich mich, wenn immer mehr Aufklärung und Informationen über diese Krankheit durch die Presse gehen. Vielen Dank dafür.