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Immer noch verdächtig gute Jobs

2,2 Überstunden pro Jahr – tatsächliche Mehrarbeit bei der Polizei Leipzig auch 2019 gering

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Sachsens Polizisten leisteten 2019 mehr Überstunden als im Vorjahr. In Leipzig hat sich die Menge der neuen Überstunden sogar verdreifacht. Dramatisch scheint die Situation dennoch nur bedingt.

Leipziger Polizisten sammelten 2019 im Schnitt fast dreimal so viele Überstunden an wie im Vorjahr: Laut aktuellen Zahlen aus dem sächsischen Innenministerium hatten die rund 2.500 Beamten der Polizeidirektion Leipzig zum Jahreswechsel rund 5.400 Überstunden mehr auf dem Konto als im Januar 2018. Durchschnittlich haben Leipziger Polizisten also innerhalb von zwölf Monaten exakt zwei Stunden und zwölf Minuten reale Mehrarbeit geleistet. 2018 lag dieser Wert noch bei rund 40 Minuten tatsächlicher Mehrarbeit pro Kopf – im gesamten Jahr.

Auch bei dem Rest der sächsischen Polizei hielt sich die tatsächliche Überstundenbelastung im Jahr 2019 im Rahmen. In Dresden und Görlitz hatten Polizisten zum Jahresende im Schnitt 24 Minuten zusätzlich auf ihrem Überstundenkonto. Beamte der Polizeidirektion Chemnitz und des Landeskriminalamts konnten 2019 Überstunden abbauen. Die meisten neuen Überstunden sammelten Beamte der Bereitschaftspolizei an, die über das Jahr hinweg im Schnitt siebeneinhalb Stunden Mehrarbeit leisteten.

Polizeigewerkschaften wiesen in den vergangenen Jahren regelmäßig auf eine dramatische Überstundensituation bei der Polizei hin und forderten eine bessere personelle und finanzielle Ausstattung. »Die Belastung der Beamten ist ausgesprochen hoch, die Kollegen sind überbelastet«, sagte Hagen Husgen, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Sachsen im März 2019. Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) erklärte mit Verweis auf Überstundenzahlen, »der Staat wäre gut beraten, kräftig in die Polizei zu investieren«. 

Meldung über »22 Millionen Überstunden« blieb 2020 aus

In den Jahren 2019, 2018 und 2017 machten jeweils im Januar verlässlich Meldungen über »22 Millionen Überstunden bei der Polizei« bundesweit Schlagzeilen. Unerwähnt blieb bei diesen Meldungen, die auf einer Schätzung der GdP basierten, dass es sich nicht nur um Mehrarbeit handelt, die im jeweiligen Jahr geleistet wurde, sondern um über Jahre hinweg aufgelaufene Überstunden, die sich zudem auf rund 260.000 Polizeibeamte verteilen. Durchschnittlich hat ein Polizist demnach knapp 85 Überstunden auf seinem Zeitkonto angesammelt. Die GdP selbst hält eine Pro-Kopf-Berechnung für »wenig sinnvoll«, weil die Last unter den Kollegen unterschiedlich verteilt sei.

2020 blieb eine entsprechende Gewerkschaftsmeldung samt alarmierender Schlagzeilen erstmals aus. Im Frühjahr 2019 wiesen kreuzer und taz darauf hin, dass sich diese Gesamtzahlen offenkundig nicht sichtbar verändern und die tatsächliche Mehrbelastung bei der Polizei nicht den dramatischen Meldungen entspricht. Zuvor hatte MDR-Reporter Tobias Wilke berichtet, dass Sachsens Polizisten 2018 nur rund anderthalb Stunden Mehrarbeit leisteten, die nicht durch Freizeitausgleich abgegolten wurden. 

Aktuell haben sächsische Polizisten im Schnitt knapp 15 Überstunden angesammelt, die bisher nicht wieder abgegolten werden konnten. Laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) leisten Arbeitnehmer in Deutschland durchschnittlich rund vier Überstunden pro Woche, also mehr als 200 Überstunden pro Jahr.

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