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Preis der Leipziger Buchmesse: Ein Blick auf die fünf nominierten Titel im Bereich Belletristik

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Die Leipziger Buchmesse fällt aus, den Preis der Leipziger Buchmesse gibt es trotzdem. Ein Blick auf die Nominierten Titel im Bereich Belletristik

Die Leipziger Buchmesse 2020 fällt aus. Trotzdem wird dieses Jahr zum 15. Mal der Preis der Leipziger Buchmesse an drei Schriftsteller und Schriftstellerinnen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung vergeben. Wie immer hat sich die Jury erfolgreich um Vielfalt in Form und Inhalt der Bücher bemüht und tatsächlich scheint alles, was im vergangenen Jahr Debatte im Feuilleton gewesen ist, literarisch verarbeitet worden zu sein.

Ein Blick auf die fünf nominierten Titel im Bereich Belletristik

Autor Leif Randt setzt in »Allegro Pastell« aufs Zeitgemäße: Die Millenials Jerome und Tanja führen eine Fernbeziehung zwischen der Hauptstadt und ländlicher Idylle in Maintal. Der Webdesigner und die Autorin sind total hip – achtsames Drogen nehmen, undogmatisches Meditieren, andauernde, aber stilvolle Selbstdarstellung im Netz. Alles in allem klingt der Inhalt von »Allegro Pastell« erstmal so, wie das Cover gestaltet ist: Unspektakulär, blass. Gerade darin liegt aber die Stärke des Textes, denn er erzählt nicht mit großen Gesten von den Dramen dieser Welt. Er widmet sich mit Sensibilität einer Generation Y, die mit ihren kleinen Kämpfen oft nicht ernst genommen wird. Randt, selbst Jahrgang 83, schreibt so nah am Zeitgeist, dass sich Leser gleichen Alters ertappt fühlen könnten. Dabei gelingt es ihm, seine Figuren nie lächerlich aussehen zu lassen.

Leif Randt: Allegro Pastell. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020. 288 S., 22 €

Ingo Schulze wurde bereits 2007 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Mit seinem neuen Roman »Die rechtschaffenen Mörder« versucht er sich an den ganz großen Themen der letzten Jahre. Der Dresdener Antiquar Norbert Paulini leidet wie alle in der Buchbranche unter zunehmendem Onlinebuchhandel und ausbleibender Kundschaft.
Der Intellektuelle wird zum Wutbürger und Rassisten. Dabei beginnt das Leben Paulinis märchenhaft, da werden Bücher abgöttisch geliebt und dienen sogar als Unterlage für die Matratze. Doch der Vielleser ist nicht gefeit vor rechtem Gedankengut und Verschwörungstheorien. Bis jetzt wurde der Preis nie zweimal an den gleichen Autor vergeben. Das könnte sich dieses Jahr ändern, so ambitioniert ist Schulzes Versuch, die neue Rechte zu erklären. Allerdings liegt darin auch seine Fallhöhe – so wie im letzten Jahr Feridun Zaimoglu versuchte, »die Frauen« der Weltgeschichte sprechen zu lassen, und dabei stilistisch, nicht aber inhaltlich überzeugte.

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. Frankfurt: S. Fischer 2020. 320 S., 21 €

Die 1984 geborene Lyrikerin Maren Kames ist die jüngste Nominierte und präsentiert mit »Luna Luna« ein ambitioniertes »genre- und grenzüberschreitendes Gesamtkunstwerk« (so die Jury). Da treffen Songtexte auf Literatur, Pop auf Klassik, Seide auf Diskokugel. Das Langgedicht inklusive Playlist ist eine wilde Reise durch die Nacht, ein eindringlicher Monolog des zweifelnden Ichs, Gedankenrausch, weiß auf schwarzem Papier. In seiner ungewöhnlichen Form zieht sich eine Art Erzählung durch die Verse, die es zu enträtseln gilt, immer und immer wieder. Durch die Bezüge zu altbekannten Lyrikern und Motiven der Dichtung reiht sich der Text in diese ein und braucht sich hinter ihnen nicht verstecken. Es ist die erste Nominierung für den Verlag Secession – ihm und der Autorin wünscht man die Auszeichnung von Herzen.

Maren Kames: Luna Luna. Zürich: Secession 2019. 108 S., 35 €

Die wohl ungewöhnlichste Story liefert Verena Güntner in ihrem Roman »Power«: Der gleichnamige Hund verschwindet, die Kinder des Dorfes machen sich auf die Suche nach ihm. Mehr und mehr leben sie selbst wie Hunde, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Während die Kinder nach und nach verschwinden und beginnen, als Rudel im Wald zu leben, zerbröselt die Dorfgemeinschaft den Erwachsenen quasi zwischen den Fingern. Die Hundebesitzerin, die immer noch auf Nachricht von den Kindern wartet, gerät als Sündenbock in eine moderne Hexenverfolgung. Gerade die Sprache der Kinder entfaltet ihre Wirkung in existentieller Schlichtheit. Die Parabel selbst bleibt trotz des begrenzten und sparsam bevölkerten Settings etwas unscharf und die Psychologisierung hetzender Dorfbewohner gelingt nicht immer ganz überzeugend.

Verena Güntner: Power. Köln: DuMont 2020. 254 S., 22 €

Klassisch wird es wieder in Lutz Seilers über 500 Seiten starken, zweiten Roman »Stern 111«, schließlich hat er das Thema schlechthin gewählt: Die Wende. Eine Familie zerreisst, bevor sie wieder zueinanderfinden kann. Während die Eltern immer weiter Richtung Westen machen, landet der Sohn in der Ostberliner Hausbesetzerszene. Alle müssen sich neu orientieren, zurechtkommen, ankommen. Dabei fährt Seiler ein breites Panorama an Figuren auf, die sich auf ganz eigene Weise in der neuen Ordnung zurechtfinden müssen – die dabei gewählten Perspektiven machen die Nachwendezeit ganz neu erlebbar und es gelingt dem Autor den bestehenden Texten zum Thema einen nicht minder relevanten hinzuzufügen: » Literarische Geschichtsschreibung zwischen Traumwandeln und Hausbesetzen«, schreibt die Jury.

Lutz Seiler: Stern 111. Berlin: Suhrkamp 2020. 528 S., 24 € 

Die Preisvergabe lässt sich ganz risikofrei miterleben: Am Donnerstag den 12.3. um 9.05 Uhr begründet die Jury ihre Entscheidung live bei Deutschlandfunkkultur in der Sendung »Lesart. Das Literaturmagazin.« Und wenn die Absage der Buchmesse ein Gutes hat, dann doch die Tatsache, dass diesmal wirklich jeder Zeit hat, sämtliche nominierte Bücher zu lesen.

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