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»Die beste Versicherung gegen Erwerbslosigkeit«

Arbeitspsychologe Hannes Zacher über den Übergang vom Studium ins Berufsleben

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Hannes Zacher ist nach seinem Studium an der Hochschule geblieben, er ist Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Leipzig. Ein Gespräch darüber, ob das Bachelor- und Master-System wirklich aufs Berufsleben vorbereitet, weshalb Netzwerken sinnvoll ist und was man macht, wenn es damit nicht klappt.

kreuzer: Wie war Ihr Übergang vom Studium in die Berufswelt?
Hannes Zacher: Für mich war das relativ leicht, weil ich während des Studiums Pflichtpraktika absolvieren musste. Ich habe zum Beispiel Praktika in der Personalabteilung eines großen deutschen Automobilherstellers gemacht. Da merkte ich schnell, dass mir das wissenschaftliche Arbeiten besser gefällt. Außerdem habe ich in einer Jugendberatungsstelle gearbeitet, als verteiltes Praktikum über mehrere Jahre. Dabei stellte ich fest, dass der klinische Bereich auch nichts für mich ist, und begann dann direkt nach dem Studium mit meiner wissenschaftlichen Laufbahn. Ich hatte viel Glück.

kreuzer: Wie schätzen Sie grundsätzlich den Weg vom Studium ins Berufsleben ein?
Zacher: Das ist häufig gar nicht einfach. Man muss sich sehr gut informieren und viele Erfahrungen sammeln, um eine solide Entscheidung treffen zu können. Zum einen sollte man überlegen, was die eigenen Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnisse sind. Zum anderen: Was gibt es auf dem Arbeitsmarkt? Was wird nachgefragt? Und ist man vielleicht bereit, etwas ganz anderes zu machen? Es gibt Berufsfelder, wie die Psychologie oder die Chemie, da arbeiten die meisten Abgehenden in dem Gebiet, das sie im Studium erlernt haben. In anderen Bereichen, wie den Geisteswissenschaften, ist das nicht selbstverständlich. Da muss man sich in ein Thema komplett neu einarbeiten, viele Informationen sammeln und sich die Kultur der neuen Organisation aneignen.

kreuzer: Worin unterscheidet sich das Leben während des Studiums am meisten vom Berufsleben?
Zacher: Traditionell wurde das Studium viel flexibler wahrgenommen. Das hat sich durch Bachelor und Master aber geändert, weil man viel stärker seinen Alltag strukturieren muss. Studium und Arbeitswelt haben sich angeglichen. Ich habe noch das alte Diplom gemacht und da gab es durchaus mehr Freiheiten. Trotzdem ist das Studium nach wie vor eine wissenschaftliche Ausbildung, in der man Dinge hinterfragen kann und in der man Freiheiten hat, bestimmte Schwerpunkte zu setzen und sich auf Themen zu fokussieren. Das ist im Arbeitsleben für die meisten Menschen nicht so. Da muss man zu festen Arbeitszeiten erscheinen, es gibt mehr Routinen und es ist nicht immer erwünscht, die Dinge zu hinterfragen.

kreuzer: Hat das Bachelor/Master-System an den Universitäten dann also den Übergang ins Berufsleben vereinfacht?
Zacher: Ja und nein. Das Bachelor/Master-System hat auf die Verwertbarkeit des Studiums einen größeren Fokus gelegt. Der ursprüngliche Gedanke eines Studiums ist ein anderer: dass man wissenschaftliches Arbeiten und kritisches Denken lernt, dass man sein Wissen erweitert. Seit der Bologna-Reform wird stärker betont, dass es um eine Berufsqualifikation geht. Das hat dazu geführt, dass (angehende) Studierende mehr in die Richtung denken: »Was will ich damit mal machen?« Sie fordern auch zunehmend ein, dass wir sie während des Studiums über das Berufsleben informieren.

kreuzer: Im Zusammenhang mit dem Berufsstart – wie auch dem weiteren Berufsleben – ist immer wieder auch die Rede vom »Netzwerken«.
Zacher: Ja, es wird auch Vitamin B genannt. Bei Praktika kann man sich zum Beispiel gut vernetzen. Es spielt eine Rolle, ob man Kontakte anrufen kann, um nach Jobangeboten zu fragen. Wir wissen, dass Menschen unterschiedlich gut im Netzwerken sind. Generell zeigen Studien, dass Personen, die besser netzwerken, einen besseren Berufseinstieg hinlegen. Auch weil sie meist ein privates Netzwerk haben, das nicht nur berufliche Unterstützung bietet, sondern auch soziale und emotionale.

kreuzer: Wenn ich nach dem Studium aber kein Netzwerk haben sollte und nicht direkt den Anschluss finde – was dann?
Zacher: Dann geht die Welt nicht unter. Die Gesellschaft verändert sich sehr stark, zum Beispiel im Rahmen des demografischen Wandels. Es ist nun viel stärker so, dass sich Organisationen um die Bewerberinnen und Bewerber bemühen und nicht mehr andersherum. Wenn man eine gute Ausbildung oder ein Studium hat, dann ist das immer noch die beste Versicherung gegen Erwerbslosigkeit. Man muss kein guter Netzwerker sein. Man muss zeigen, dass man motiviert und zuverlässig ist, bestimmte Kenntnisse und Fertigkeiten für eine Tätigkeit hat und sich neues Wissen schnell aneignen kann.

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