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»Ohne Freiheit kann sich weder Kunst noch Wissenschaft entfalten«

Aslı Erdoğan schrieb übers Gefängnis und kam ins Gefängnis – ein Interview

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Im Zuge einer Verhaftungswelle nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 wurde die mehrfach ausgezeichnete türkische Autorin Aslı Erdoğan festgenommen. Bis zu ihrer Entlassung im Dezember 2019 verbrachte sie 132 Tage im Gefängnis. Als das Ausreiseverbot gegen sie aufgehoben wurde, verließ sie die Türkei. Zur Zeit unseres Gesprächs forderte die türkische Staatsanwaltschaft neun Jahre Haft für die Autorin, der Vorwurf lautete »Störung der nationalen Einheit«, die Beweisstücke dienten ihre Kolumnen für die oppositionelle Zeitung »Özgür Gündem«. Am 14. Februar 2020 wurde sie freigesprochen.

kreuzer: Wie ist es, in der Türkei eine oppositionelle Autorin zu sein?

Aslı Erdoğan: Frau zu sein, oppositionell zu sein oder zu schreiben, ist schon schwierig. Wenn sich die drei überschneiden, wird es noch schwieriger. Wenn ich auch noch Kurdin wäre, hätten sie mich wahrscheinlich im Knast sterben lassen.

kreuzer: Stimmt es, dass sich Ihr gesundheitlicher Zustand aufgrund der Diffamierungskampagne gegen Sie verschlechtert hat?

Erdoğan: Ich wurde nach dem Gefängnis krank. Niemand kennt die Ursache meiner Krankheit, aber mein Arzt schätzt sie als posttraumatisch ein und zieht eine Verbindung zu meiner Zeit im Gefängnis.

kreuzer: Mozarts Oper »Entführung aus dem Serail« wurde mit Ihrem ersten Buch »Der wundersame Mandarin« neu adaptiert und im Januar in Genf aufgeführt. Wie kam es dazu?

Erdoğan: Die Genfer Oper kontaktierte mich vor zwei Jahren mit dem Anliegen, das orientalistische Stück neu interpretieren zu wollen. Die Adaptation erfolgte mit dem revolutionären Blick des Regisseurs Luk Perceval. Die Ich-Erzählerin meines Romans ist eine Frau mit einem Auge, die sich vorstellt, ihr jüngeres Ich zu treffen, zu dem sie aber nichts zu sagen hat. Perceval duplizierte die Protagonist*innen. Die Jüngeren sangen die Arien auf Deutsch, während die Älteren französische Übersetzungen meiner Texte vorlasen.

kreuzer: Wie kam es beim Publikum an?

Erdoğan: Auf der Gala buhte eine Gruppe heftig, aber die Mehrheit war begeistert. Der Direktor fand das normal, nach meiner Wahrnehmung war das Buhen geplant. Das Gebäude verließ ich unter Polizeischutz, der schon seit meiner Lesung am Vortag da war. Am selben Abend diskutierten einige Genfer*innen mit Türkeibezug auf Social Media darüber, dass ich dem Ruf der Türkei schade.

kreuzer: Wird auf Social Media viel über Sie geredet?

Erdoğan: Ich lese das alles nicht, weil die Sprache der Gewalt ansteckend ist. Aber nach der Diffamierungskampagne gegen mich erhielt alleine meine Mutter rund 400 Morddrohungen. Wie viele ich selbst bekam, habe ich nicht gezählt. Unsere Adressen wurden veröffentlicht. Sie nennen meine 75-jährige Mutter und mich »Nutte«. Wegen meiner Krankheit wiege inzwischen nur noch 44 Kilo – ich wäre selbst bereit, für Sex zu bezahlen. (lacht)

kreuzer: In der Türkei wird für Sie neun Jahre Freiheitsstrafe gefordert, während ein anderes Land Ihren Roman als Oper inszeniert. Verletzt Sie das?

Erdoğan: Ich bin vor allem verwirrt. Während mich die türkische Presse nie im Zusammenhang mit meiner Arbeit erwähnt, werde ich in Europa mit Kafka verglichen. In der Türkei herrscht eine große Literaturfeindlichkeit. Seit ihrer Entstehung verhaftete die Türkische Republik 170 Autor*innen. Dieses Land schneidet sich die eigene Zunge ab.

kreuzer: Seit 2017 leben Sie in Deutschland. Schreiben Sie hier weiter?

Erdoğan: Jedes Mal, wenn ich anfange, kommt ein neuer Schlag.

kreuzer: Was bräuchten Sie, um in Ruhe schreiben zu können?

Erdoğan: Wenn ich das wüsste … Ich schreibe zurzeit übers Gefängnis, aber es fällt mir schwer. Als ich anfing, verschlechterte sich mein gesundheitlicher Zustand. Einer meiner Ärzte ist dennoch der Meinung, dass es mich heilen könnte.

kreuzer: Wie schätzen Sie die Lage der Presse- und Kunstfreiheit in der Türkei ein?

Erdoğan: Für ein totalitäres Regime ist die Presse immer die größte Bedrohung, sie war auch in der Türkei das erste Ziel. Inzwischen sind alle zur Zielscheibe gemacht worden: Autor*innen, Schauspieler*innen, Kurator*innen … Man kann weder von Presse- noch von Kunstfreiheit sprechen.

kreuzer: Die türkische Diaspora in Deutschland wächst andauernd. Wie sehen Sie es, dass die Intellektuellen aus der Türkei verschwinden?

Erdoğan: Die intellektuelle Dürre in der Türkei liegt nicht nur daran, dass die Bildungselite verschwindet. Auch jene, die bleiben, werden ausgetrocknet durch Angst und Hunger. Von 2000 bis 2010 genoss die Türkei die demokratischsten Jahre ihrer Geschichte, Kunst und Wissenschaft blühten von Istanbul bis Diyarbakır. Diese Welt trocknet heute schnell und endgültig aus. Das Regime versucht zwar, seine eigenen Intellektuellen auszubilden, aber ohne Freiheit kann sich weder die Kunst noch die Wissenschaft entfalten.

kreuzer: Sie wurden für Ihre Sprache in Ihrem Roman »Das Haus aus Stein« kritisiert –

Erdoğan: Die Kritik lautete, dass man über Themen wie Folter oder innere Zerschmetterung nicht poetisch schreiben dürfe. Als würde man aus dem Leid anderer eine literarische Show machen. Wenn ich im Gefängnis eines gelernt habe, dann ist es, dass da nichts dran ist. Die Sprache des Traumas mag zwar nicht poetisch sein, aber kryptisch ist sie.

kreuzer: Jahre nach »Das Haus aus Stein« sind Sie im Gefängnis gelandet – ein Zufall?

Erdoğan: Ich komme aus einer politisierten Familie, viele meiner Freund*innen sind im Knast gelandet und wurden gefoltert. Für mich war klar, dass auch ich irgendwann dort landen würde. Wenn ein Mensch in einer gefährlichen Umgebung lebt, entwickeln sich seine Sinne wie die eines wilden Tieres.

> Aslı Erdoğan: Das Haus aus Stein. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Penguin 2019. 118 S., 15 €

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