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Nicht allein

Das »Löwenmütter«-Projekt schafft neue Perspektiven

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Ein geregelter Tagesablauf und die Erfahrung, jeden Tag pünktlich irgendwohin kommen zu müssen – das »Löwenmütter« unterstützt Alleinerziehende beim Einstieg ins Berufsleben oder in eine weiterführende Schule.

Ein kastenförmiger Bau am Rand von Leipzig, kurz vor Markkleeberg. Hinter dem Haus erstreckt sich Rasen, mitsamt Schaukel, Sandkasten und einem kleinen Hochbeet. Drinnen empfängt 
Susanne Weltzien. Die Sozialpädagogin leitet das »Löwenmütter«-Projekt, das von der Leipziger Jariko-GmbH betrieben wird. Das Projekt unterstützt Alleinerziehende zwischen 18 und 27 Jahren beim Einstieg ins Berufsleben oder in eine weiterführende Schule. »Die Mütter und Väter, die zu uns kommen, haben in der Regel noch keine Ausbildung gemacht, dafür haben sie aber bereits Kinder, um die sie sich kümmern müssen. Oft brauchen sie erst einmal einen geregelten Tagesablauf, die Erfahrung, jeden Tag pünktlich irgendwohin kommen zu müssen«, erläutert Weltzien.

Gleich gegenüber von ihrem Büro befindet sich die Kreativwerkstatt. Carolin Gohlke ist hier die Anleiterin. Die gelernte Ergotherapeutin führt den Journalisten durch die Werkstatt. Nähmaschinen stehen nebeneinander. In einem Regal stapeln sich Stoffe. Bis zu achtzehn Monate können junge Menschen bei den »Löwenmüttern« bleiben. In dieser Zeit erhalten sie die Gelegenheit, in verschiedenen Arbeitsbereichen aktiv zu werden, Strukturen zu erlernen und herauszufinden, welche Richtung sie in Zukunft einschlagen möchten. Die Nähwerkstatt sei bei vielen Frauen beliebt, erzählt Gohlke. »Meistens stellen sie Produkte für ihre Kleinen her, die sie dann gegen einen geringen Materialpreis mit nach Hause nehmen dürfen. Sie nähen dann mal eine Babymütze oder was für den Kinderwagen«, ergänzt Weltzien.

Eine Holzwerkstatt in der ersten Etage rundet das kreativ-praktische Angebot ab. Daneben können die Alleinerziehenden aber auch in der Büroarbeit aktiv werden oder sich in der Küche ausprobieren. Die Wege zwischen den einzelnen Bereichen sind kurz. »Wir unterstützen uns hier alle gegenseitig«, sagt Gohlke. Offene Fragen werden gemeinsam diskutiert, gerne auch draußen im Garten.

Das Besondere an den »Löwenmüttern« ist, dass die Alleinerziehenden ihren Nachwuchs ins Projekt mitbringen können. Zwei Tagespflegerinnen, die im Erdgeschoss des Hauses arbeiten, gewährleisten die Versorgung. Das vorrangige Ziel des Teams ist es, ihre Klienten in Ausbildungen zu vermitteln. Entsprechend wird der Mittwoch für Unterricht freigehalten. Drei Unterrichtsblöcke gibt es. Deutsch und Mathe sind fest gesetzt. Externe Dozenten führen die Einheiten durch und klären in einem dritten Block über eher grundlegende Themen auf. So werden Kurse zur Ersten Hilfe am Kind oder zu gesunder 
Ernährung angeboten. Auch Vorbereitungen auf Bewerbungsgespräche stehen auf dem Lehrplan.

Gefördert wird das alles vom Europäischen Sozialfonds. Die Alleinerziehenden kommen aus der ganzen Stadt. »Größtenteils werden sie vom Jobcenter an uns vermittelt«, erklärt Weltzien. Doch auch über Beratungsstellen oder Vater/Mutter-Kind-WGs finden zunehmend junge Eltern in das Projekt. »Oft kennen die Frauen sich untereinander und tragen das weiter, wenn sie sich hier wohlfühlen«, sagt die Leiterin.

Ihre Aufgabe besteht vor allem in der sozialpädagogischen Betreuung der jungen Erwachsenen. »Viele kommen wirklich mit einem Berg von Problemen zu uns«, erzählt Weltzien. Als eines der drängendsten Themen für ihre Klientinnen macht die Mittdreißigerin die Wohnungslage aus. »Wohnungen zu finden, die vom Jobcenter finanziert werden, wird in Leipzig immer schwieriger«, sagt sie. Die amtlichen Vorgaben, die festlegen, wie viel eine Wohnung kosten oder wie groß sie sein darf, müssten dringend an die Wohnungssituation in der Stadt angepasst werden, findet Weltzien. Auch Betreuungsplätze, gerade für den Krippenbereich, zu finden, bleibt eine Herausforderung. Doch ohne dass die Betreuung ihrer Kinder gewährleistet ist, können die Alleinerziehenden sich nicht weiterbilden. Möglichkeiten wie bei den »Löwenmüttern« bekommen sie in der Stadt selten. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum einige auch nach ihrer Zeit im Projekt vorbeischauen. Hier finden sie ein offenes Ohr und Unterstützung bei Gängen zum Amt, Gesprächen mit dem Vermieter oder anderen Dingen, die den Alltag als Alleinerziehende in Deutschland oft so schwer machen.

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