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Alles ganz normal

Kolumne: Eine Saison mit Rasenballsport Leipzig

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Red Bull vs. Corona: Im achten Teil ihrer Kolumne betrachtet das Blogkollektiv Zwangsbeglückt, wie der Brausekosmos die derzeitige Krise bewältigt

Da hat sich diese Kolumne eine wirklich bemerkenswerte Saison rausgesucht. Die Bundesliga steht still, jedenfalls vorerst. Doch das gilt nur für den Spielbetrieb, der Rest dreht sich umso wilder weiter. Wurden vor wenigen Wochen noch profane Dinge wie Meisterschaften oder Muttersöhne diskutiert, geht es jetzt ums Ganze: ums Geld. Und wer nun meint, das würde unser Leipziger Fußball-Startup nicht betreffen, der wird dieser Tage eines Besseren belehrt. Doch dazu gleich. Schauen wir erstmal kurz zurück, denn wie so oft, sind Krisensituationen gut dazu geeignet, die Dinge umso klarer zu sehen. Und da entsteht, gelinde gesagt, kein sonderlich neues oder sympathischeres Bild von RB.

Erst wird Anfang März beim Spiel gegen Leverkusen eine Gruppe von japanischen Besucher:innen gegen ihren Willen aus dem Stadion eskortiert. Zwar wird sich nach diesem offenkundig rassistischen Durchgreifen schnell entschuldigt und dem Sicherheitsdienst »falsches Handeln« attestiert. Recherchen zufolge war das Ganze aber keineswegs ein Alleingang des Sicherheitsdienstes, sondern erfolgte auf Anweisung von RB. Egal, schönes Foto mit allen Beteiligten, weiter geht’s.

Dann, es häufen sich schon die Spielabsagen und Corona-Warnungen, findet noch am 10. März das Spiel gegen Tottenham statt. Vor 42.000 Leuten, schön eng beieinander sitzend. Die gern in Anspruch genommene Vorbild-Wirkung wird einmal mehr ignoriert, stattdessen von Chefarzt Mintzlaff gute Laune verbreitet: »Die Gesundheit hat natürlich Vorrang. Aber schöner ist es, so ein Achtelfinale mit vollem Haus zu haben«. Ja, genau. Zwei Wochen später kann das bei Bedarf aktualisiert werden zu »Die Gesundheit hat natürlich Vorrang. Aber schöner ist es, draußen in großen Gruppen im Park zu sitzen.« Egal, eine Runde weiter, Eintrittsgelder kassiert, alles spitze.

Schließlich wird der Ernst der Lage auch am Cottaweg erkannt – und die Mitgliederversammlung abgesagt. Doch auch hier gelingt es RB, eine besondere Pointe zu setzen. Denn Mintzlaff habe, so bewundernd die Yellow Press, »einen Großteil« der Mitglieder selbst angerufen! Selten wurde subtiler auf den Witz der RB-Mitgliedschaft hingewiesen. Freuen Sie sich demnächst auf Meldungen wie »Mintzlaff kann sich an einen Großteil der Jahre seit RB-Gründung erinnern«.

Aber gut, Selbstverständlichkeiten und RB, das ist eine besondere Beziehung. So wies Vorstandschef Mintzlaff erst in dieser Woche darauf hin, dass auch RB unter Einnahmeausfällen zu leiden habe. »Wer noch immer glaubt, dass Red Bull jedes Loch stopfen kann, hat unseren Weg immer noch nicht verstanden«. Was macht man mit solchen Sätzen? Einen Solidaritätsfond auflegen? Eine Palette Taurin kaufen? Dass in Fuschl am See in der Tat schnell mal der Geldhahn zugedreht wird, hat Mateschitz schon früh mit seiner »Ich werde niemanden zwangsbeglücken!«-Drohung klargemacht. Ist also alles ganz anders, als von uns gedacht?

Vermutlich handelt es sich aber um einen weiteren Fall der ganz eigenen Normalität im Brausekosmos. Diese dokumentierte sich zuletzt auch in der Bemerkung von Julian Nagelsmann, er fahre immer mal mit dem elektrischen Skateboard durch die Stadt. Die Leute würden das mögen: »Sie merken, dass ich ein ganz normales Leben führe.«

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