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»Leipzig ist eine Geisterstadt, da geht nichts mehr«

Coronakrise: Warum das Straßenmagazin Kippe seinen regulären Verkauf einstellt und wie Hilfe für Obdachlose noch möglich ist

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Zum Schutz ihrer Verkäufer und Verkäuferinnen hat das Straßenmagazin Kippe den Straßenverkauf eingestellt. An den bisher gewohnten Verkaufspunkten wären die Verkäufer ohnehin unter sich: Die Innenstadt wirkt wie eine Geisterstadt. Björn Wilda ist Projektleiter der Kippe. Wir haben mit ihm über die Situation in der Redaktion und auf der Straße gesprochen.

kreuzer: Die April-Ausgabe der Kippe erscheint in kleinerer Auflage und ohne Straßenverkauf. Arbeitet ihre Redaktion derzeit noch?
BJÖRN WILDA: Der Vertrieb ist seit dem 25. März komplett geschlossen. Bis zum sechsten April verkaufen wir erst einmal keine Hefte mehr in der Stadt. Die Redaktion arbeitet aber weiter, derzeit im Homeoffice. Sonst ist eine Person stundenweise direkt in der Redaktion. Die neue Ausgabe erscheint jetzt als PDF mit dem Themenschwerpunkt Angst – das Thema stand aber schon Ende 2019 fest. Es geht um den Umgang mit Ängsten und viele verschiedene Erfahrungen damit.

Björn Wilda, Projektleiter Kippe

kreuzer: Wie gehen die Verkäufer und Verkäuferinnen der Kippe mit der aktuellen Situation um? Vielen bricht doch jetzt ihr einziges Einkommen weg.
WILDA: Bis jetzt ist überhaupt nicht absehbar, wann es für uns wieder richtig losgeht. Ständig ändern sich die Nachrichten. Es gibt einige Verkäufer, die sich rechtzeitig mit Magazinen zum Weiterverkauf eingedeckt haben, um so über die Runden zu kommen. Üblicherweise gibt es einige feste Plätze in der Stadt, an denen man die Kippe kaufen kann, beispielsweise vor den Supermärkten an der alten Messe, am Connewitzer Kreuz oder am Lindenauer Markt. Der Weiterverkauf bleibt jetzt aber Glückssache. Leipzig ist eine Geisterstadt, vor allem im Zentrum. Da geht nichts mehr.

kreuzer: Wie kann Wohnungslosen derzeit noch geholfen werden?
WILDA: Wir werden die April-Ausgabe auf unserer Website zur Verfügung stellen – mit der Option den üblichen Preis zu spenden. Der Erlös kommt dann unseren Verkäufern und Verkäuferinnen zugute. Außerdem halten wir Kontakt zu ihnen und vermitteln sie bei Bedarf an Hilfsangebote. Wobei gesagt werden muss, dass auch hier aus Vorsichtsgründen Einrichtungen geschlossen wurden, etwa der Teekeller Quelle am Nordplatz. Das Büro des Tagestreffs beim Suchtzentrum in Lindenau ist nach wie vor geöffnet. Dort gibt es nach wie vor Sozialberatung, Terminabsprachen mit Behörden und Weitervermittlung. Ebenso ist der Hilfebus weiterhin am Hauptbahnhof zu finden.

kreuzer: Wie hat sich der Alltag auf der Straße durch das Coronavirus verändert?
WILDA: Viele Kippe-Verkäufer und -Verkäuferinnen haben sich zurückgezogen. Nicht wenige, die familiäre Bindungen nach Rumänien haben, sind vorerst in die Heimat zurückgekehrt. Für die meisten bricht das Einkommen mit dem öffentlichen Leben weg. Wir können im Zweifel an das Suchtzentrum verweisen. Dort hat der Tagestreff geöffnet, es gibt Essensgutscheine und eine Einzelfallberatung. Jetzt ist es noch schwerer als Betroffener mit Bürokratie umzugehen, wenn nicht klar ist, welche Behörde überhaupt noch geöffnet hat.

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