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Die doppelte Sorge

Covid-19 in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung

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Risikogruppen leiden unter der Corona-Krise besonders. In Einrichtungen für behinderte Menschen, kann sich das Virus unter Bewohnerinnen und Mitarbeitern schnell verbreiten, denn oft fehlt es an Schutzausrüstung. Wer zuhause gepflegt wird, holt sich mit der Hilfe auch immer ein bisschen Gefahr in die eigene Wohnung.

Ein Anruf beim Caritasverband Leipzig. Wie ist die Lage in Leipzig? Der Verband habe ein Kontingent an Schutzkleidung und -masken, mit dem man eine kurze Zeit überbrücken könne. Zurzeit trage das Personal aber keine Schutzkleidung, obwohl zwei Drittel der Bewohner in den Wohnheimen für behinderte Menschen Risikogruppe seien. Warum? »Wir haben in der Diakonie Leipzig keinen einzigen diagnostizierten Covid-19-Fall«, so eine Sprecherin. Ob und wie viele vom Personal bisher getestet worden sind, wisse sie nicht: »Wahrscheinlich keine.«

Bundesweit fehlt es an Schutzkleidung für medizinisches Personal und darüber hinaus. Die Preise für Schutzkleidung und Desinfektionsmittel haben sich seit Beginn der Corona-Krise drastisch erhöht. Besonders dramatisch ist es bei Atemschutzmasken, deren Preise um bis zu 3000 Prozent gestiegen ist.

Fehlende Schutzkleidung ist zurzeit aber nicht die einzige Sorge behinderter Menschen. »Die Pflegedienste schicken immer unterschiedliche Pflegerinnen zu den Menschen,« so Gunter Jähnig, der Geschäftsführer vom Behindertenverband Leipzig e.V.. Das erhöhe die Ansteckungsgefahr.

Für ambulant betreute Menschen sei das fatal, sagt Sophia Goldhammer, Leiterin des Inklusiven Nachbarschaftszentrums in Lindenau. Aber auch wenn krankheitsbedingte Umstellungen dazu gehörten: »Die Pflegekräfte kommen nicht nur in die private Wohnung der Menschen, sondern kommen auch mit dem Körper und sogar Intimbereich in Kontakt. Das verlangt großes Vertrauen, welches Fremden gegenüber schwerer aufzubringen ist.« Andererseits sei das System, das sie pflegt, vollkommen unterbesetzt und gebe ihnen das Gefühl, dass sie froh sein müssten, wenn überhaupt jemand vorbei komme. »Viele trauen sich nicht zu kritisieren, dass unterschiedliche Betreuerinnen kommen«, so Goldhammer.

Für Menschen mit Behinderung ist Corona eine große Gefahr

Wegen der Pandemie herrsche zurzeit große Angst bei Menschen mit Behinderung, die einer Erkrankung deutlich risikoreicher machen würde. Menschen mit Muskelerkrankungen fehlt dann beispielsweise die Kraft zum Husten. »Eine Ansteckung wäre für viele ein Todesurteil«, erklärt Goldhammer. Wer auf Assistenz angewiesen sei, habe die doppelte Sorge, dass sich entweder die Assistentinnen anstecken und ausfallen oder das Virus von außen mitbringen könnten.

Gunter Jähnig vom Behindertenverband betont, dass die Corona-Krise sich auf behinderte Menschen sehr unterschiedlich auswirke. Deswegen müssten die Schutzmaßnahmen so verschieden sein wie ihr Zustand sein: »Denen, die zum Beispiel dement sind, muss besonders erklärt werden, warum sie bestimmte Sachen, die sie immer machen konnten, auf einmal nicht mehr machen können.« Dabei lief die Vermittlung lebenswichtiger Informationen um das Coronavirus und Covid-19 am Anfang schleppend, habe sich aber inzwischen verbessert, so Goldhammer: »Es dauerte ein paar Tage, bis Informationen in Gebärdensprache oder leichter Sprache und in leichten Bildern verfügbar wurden.« In den Einrichtungen der Diakonie gebe es aber Aushänge in Leichter Sprache mit wichtigen Informationen. Außerdem habe man in Werkstätten früh mit Hygieneschulungen angefangen.

Inzwischen haben viele Orte für Menschen mit Behinderung geschlossen. So sind Werkstätte sowie das Inklusive Nachbarschaftszentrum jetzt auf unbestimmte Zeit geschlossen. Der Caritasverband Leipzig verbot Besucher von außen. Sophia Goldhammer sagt, dass viele Betroffene, die alleine wohnen, jetzt sehr isoliert seien. Normalerweise besuchten viele das Inklusive Nachbarschaftszentrum täglich, »weil ihnen alleine Zuhause die Decke auf den Kopf fällt.« Vielen fehle es an anderen Netzwerken in ihrer Nachbarschaft. »Es wäre gut, wenn jeder diese Krise auch als Chance nutzt und schaut, ob Menschen mit Behinderung in der eigenen Nachbarschaft leben und sie unterstützt. Inklusion erreichen wir durch Zuhören und Austausch, das gilt jetzt und immer.«

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