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»Symbolische Sympathiebekundungen sind gefährlich«

Das Nachbarschaftsnetzwerk Solidarwest über Datenschutz, Prinzipien und Systemrelevanz

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Im Zuge der Isolation wachsen die Rufe nach nachbarschaftlicher Hilfe für die Risikogruppe. Organisiert wird diese oft über Chats, Flyer und Netzwerke wie Solidarwest. Die beiden Mitinitiatoren Tobias M. und Hanna G. möchten hier nicht mit vollem Namen genannt werden, da sie sich klar gegen Rechts positionieren und organisieren.

kreuzer: Wie haben Sie sich gegründet?

HANNA G.: Wir sind Menschen aus dem Leipziger Westen. Manche von uns kannten sich bereits, viele haben sich jedoch erst über die Vernetzung kennengelernt. Als klar wurde, dass COVID-19 sich auch in Leipzig ausbreitet, hatten viele den Wunsch, sich im Viertel zu organisieren. Wir wollen dabei zum Einen direkte gegenseitige Hilfe leisten. Zum Anderen macht uns aber das abstrakte Kommende gerade große Sorgen. Also haben wir uns zusammengesetzt und herausgekommen ist nun Solidarwest.

kreuzer: Was unterscheidet Sie von anderen Gruppen, die sich gerade auf sozialen Kanälen bilden?

TOBIAS M.: Wir haben uns aus datenschutzrechtlichen Gründen gegen Telegram, WhatsApp und Co. entschieden, um zu vermeiden, dass sensible Kontaktinformationen mit einem riesigen Pool von Menschen geteilt werden. Wir kommunizieren viel über E-Mail. Die Daten sind offline bei uns gespeichert und werden sofort gelöscht, wenn eine Anfrage erledigt ist. Natürlich kann man uns auch verschlüsselt via pgp kontaktieren. So haben im besten Fall immer nur die einzelnen Unterstützungstandems einen direkten Datenaustausch.

kreuzer: Welche langfristigen Ziele verfolgt Sie?

TOBIAS M.: Im Sinne einer Nachbarschaftshilfe und einem minimalen Risiko für Infektionsketten, wünschen wir uns eine dauerhafte Bildung von Paaren an Unterstützenden und Unterstützten, die miteinander kommunizieren, sodass das gar nicht mehr über uns laufen muss. Der Versuch, physische Distanz aufrecht zu erhalten, stellt uns vor die Herausforderung, Kommunikation, Treffen und Informationsweitergabe neu zu überdenken und digitale Alternativen zu finden. Unsere Prinzipien sind dabei: Gleichheit, Empathie, Hierarchiefreiheit, Solidarität und auch die Ablehnung eines Erwartens von Gegenwert für Grundverständlichkeiten.

kreuzer: Ihnen geht es um direkte Nachbarschaftshilfe. Die Organisation derer soll auch politisch sein – was genau meinen Sie damit?

HANNA G.: Viele reden momentan von Solidarität und Zusammenhalt der Gemeinschaft. Für uns geht das über das Einkaufen für Leute mit erhöhtem Risiko hinaus. Wir streben nach einer solidarischen Gesellschaft auch außerhalb von Krisenzeiten. Was sich jetzt so bildlich in den allseits präsenten Hamsterkäufen von Klopapier und Grundnahrungsmitteln zeigt, ist für uns Ausdruck einer Gesellschaft, in der im Alltag Konkurrenz und Leistungszwang vorherrschen. Wir möchten dem ein Miteinander entgegensetzen. Gerade die jetzige gesellschaftliche Dynamik, sich auf das Verhalten Einzelner oder symbolische Sympathiebekundungen gegenüber zum Beispiel dem Pflegepersonal zu beschränken, halten wir für extrem gefährlich. Wir finden es wichtig, klarzustellen, dass über Applaus für Einzelne nun auch politische Forderungen Raum gewinnen müssen. Darüber hinaus möchten wir auch auf die Lebenssituation der Menschen aufmerksam machen, die nicht unter die Kategorie »systemrelevant« fallen, etwa Geflüchtete, Obdachlose, Frauen und Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, Menschen in Haft oder Sexarbeitende. Nachbarschaft hat mit Solidarität zu tun, die darf dort aber nicht aufhören.

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