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Komponieren im Gruppenchat

Corona macht alles kaputt. Alles? Ein paar Musiker wehren sich und erleben in der Krise neue Kollaborationen

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Der Osten Leipzigs ist bekannt für seine aktive Underground-Musikkultur. In Hausprojekten, Kulturkollektiven und Kneipen gibt sich die Subkultur zwischen Eisenbahnstraße und Wurzener Straße regelmäßig die Klinke in die Hand. Neuerdings bleibt man mit gründlich gewaschenen Händen daheim. Welche Strategien entwickeln Musiker und Veranstalter, um mit der Situation umzugehen?

Die Szenemusiker des Leipziger Ostens nutzen die Vorteile des digitalen Zeitalters für sich. In der jüngst gegründeten Facebook-Gruppe strange music from anywhere but together teilen Musiker ihre Songideen und laden andere Gruppenmitglieder ein, weitere Instrumente und Gesang hinzuzufügen, oder Musikvideos zu den so produzierten Songs zu drehen. Dadurch entstehen Kollaborationen, die es vor der Krise in dieser Form nicht gegeben hätte. Musiker André Kalnassy berichtet, dass Leute teilweise sogar per Videochat miteinander proben und aufnehmen würden, was aber »etwas tricky« sei wegen der Signalverzögerung. So müsse man stets ein paar Takte zeitversetzt spielen.

Kohle sammeln statt Konzerte machen

Trotz der digitalen Möglichkeiten überwiegen laut Kalnassy, der als Veranstalter beim Pracht e.V. regelmäßig Live-Shows organisiert, vor allem die Geldsorgen der kleinen Läden. Bei den geplanten Konzerten wäre das nötige Geld eingenommen worden, um die Miete zu bezahlen: »Für größere Clubs und Läden gibt es ja das LiveKomm-Soli-Ticket. Für kleine DIY-Läden kommt das aber eher nicht infrage. Stattdessen bildet man informelle Support-Netzwerke. Hier macht die Not irgendwie kreativ«. Wie Labelbetreiberin und Vereinsmitglied beim Treffpunkt e.V. Katharina Gerhardt alias Kacktuss berichtet, wird sogar überlegt, die kleinen Läden mit dem privaten Vermögen der Vereinsmitglieder aus dem Finanzloch zu retten. Subkultur funktioniere eben nicht nach marktwirtschaftlichen Gesetzen und dies käme in der Krise noch viel deutlicher zum Vorschein.

Kooperieren für den Live-Stream

Auch wenn Streaming-Formate die Gruppendynamik und gemeinschaftliches Getanze nicht ersetzen können, so werden doch bemerkenswerte Gemeinschaftsprojekte erdacht: Achim Kolba hat im Zuge der Krise den »Hitness Club TV« gegründet: einen kollaborativen Underground-TV-Sender, der Musikerinnen, Videokünstlerinnen und Theatermacherinnen eine Online-Plattform bietet. »Beim Hitness Club sind alle willkommen, neuartige Formate zu entwickeln und zu streamen«, erzählt er. Das Projekt geht nun auch eine Kooperation The Show Must Go On-line des Sphere Radio und des Pöge-Haus ein. Momentan suche man Personen, die Lust haben, auf Sendung zu gehen. Ob mit einem Wohnzimmer-Konzert oder einem Koch-Tutorial – vielfältiger Input ist erwünscht. Auch und gerade in der Krise scheint es die Stärke der Subkulturszene zu sein, bereits bestehende Verbindungen weiter zu festigen und gleichzeitig Anknüpfungspunkte für neuartige Bündnisse zu schaffen.

Andi Klinger alias Tboo schmerzen die Absagen von Konzert- und Festivalauftitten, die er für den Frühsommer geplant hatte: »Das wären super Erfahrungen und tolle Vernetzungsmöglichkeiten gewesen.« Er denkt jedoch bereits jetzt an die Zeit nach der Krise: »Ich freue mich schon sehr auf meine Bewegungsfreiheit! Konzerte muss man gemeinsam fühlen, sehen und riechen. Ich will den Leuten wieder beim Schwitzen und Lachen zuschauen können.« Am Besten versöhnt es sich mit den manchmal widrigen und prekären Umständen eben doch durch das kollektive Feiern von Kunst und Leben in den Offspaces der Szene.

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