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»Wir passen unsere Hilfe der Krise an«

Warum wohnungslose Menschen besonders unter der Corona-Krise leiden – und wer ihnen in Leipzig hilft

Zwei Menschen und ein Bollerwagen stehen vor einem Obdachlosen Größeres Bild

Wer auf der Straße lebt, hat oft viele Probleme. Die Corona-Krise macht einige davon noch schlimmer. Doch in Leipzig gibt es unterschiedliche Hilfsangebote. Der kreuzer hat zwei von ihnen besucht.

Luigi beugt sich konzentriert über eine Liste. Der ehrenamtliche Helfer trägt ganz genau ein, wie viele und welche Lebensmittel er in den Bollerwagen packt. Heute sind das unter anderem Dosen mit Hafermilch-Kaffee, Tütensuppen, Schokolade und Duschgel. Das Büro ist ein etwa zwölf Quadratmeter kleiner Raum am Dittrichring und gehört zu dem Verein Timmi To Help.

Zusammen mit seiner Kollegin Juliane bereitet Luigi heute eine Verteil-Aktion unter Wohnungslosen in der Leipziger Innenstadt vor.

Nicht alle Timmis, wie sich die ehrenamtlich Engagierten nennen, sind Mitglieder im Verein, der sich 2016 gegründet hat. Damals war das satzungsgemäße Ziel die »Förderung der Hilfe für Verfolgte und Geflüchtete«. Mittlerweile ist die Obdachlosenhilfe ein Schwerpunkt.

Juliane kommt aus der Küche zurück. Sie hat Kaffee gekocht und Wasser für Tee heiß gemacht. Sie stellt die großen Thermobehälter in ein extra Fach auf der Rückseite des Bollerwagens, dazwischen klemmen Pappbecher. Die 29-Jährige Ehrenamtlerin ist fast jeden Donnerstag gemeinsam mit Luigi unterwegs, um bedürftigen Menschen Essen, Trinken, Gutscheinkarten und Info-Flyer anzubieten.

Eine Konstante für die Wohnungslosen

Seitdem wegen der Corona-Krise der Schutz vor einer Infektion immer wichtiger ist, müssen sich auch die Helferinnen anpassen. Nicht nur, um sich selbst zu schützen, sondern auch aus Rücksicht auf die Betroffenen. Denn durch das mitunter jahrelange Leben auf der Straße haben viele Obdachlose Vorerkrankungen und gehören deshalb zur Risikogruppe. Juliane und Luigi haben Desinfektionsmittel dabei und ziehen sich Handschuhe und selbstgenähte Mundschutze an, bevor es losgeht. »Wir laufen jedes Mal fast die gleiche Route, weil die Leute wissen wann wir kommen und sich darauf einstellen«, erklärt Juliane. Normalerweise würden sie bei ihrer Tour 45 bis 50 Leute antreffen, doch aktuell seien es nur etwa 30. Der Grund ist, dass sich das Betteln in der Innenstadt wegen der wenigen Passanten nicht mehr so lohnt wie noch vor der Corona-Krise.

In Sichtweite der mit Blattgold verzierten Commerzbank-Filiale sonnt sich Olaf. Der 54-jährige Wohnungslose bekommt einen Hafermilch-Kaffee und einen 20-Euro-Gutschein, den er bei Aldi einlösen kann. Dazu gibt es einen Flyer mit Hinweisen zum Coronavirus, denn wer nur eingeschränkten Zugang zu Medien hat, kann sich nicht über die aktuellen Entwicklungen informieren. Olaf klagt über die wenigen Fußgänger in der Innenstadt. »Vorher konnten wir noch zurechtkommen, aber jetzt ist es sehr schwer.« Denn weniger Leute bedeutet weniger Spenden.

Obdachlose Frauen finden keinen Platz, um sich zu pflegen

Zwei Menschen an einem Tisch mit Lebensmitteln

Foto: Milan Schnieder

Luigi zieht den Wagen weiter, Juliane läuft mit einem Stofftasche nebenher. Im Lennépark begrüßt eine ältere Dame die beiden. Sie strahlt über das ganze Gesicht und meint, dass nicht ein Mundschutz, sondern regelmäßiges Naseputzen gegen Corona helfen. Als Obdachlose leidet sie unter den Einschränkungen im öffentlichen Leben. »Wo können Frauen sich pflegen? Wo soll ich mir die Hände waschen? Die meisten Toiletten sind gesperrt. Das ist ein unmöglicher Zustand für Leute, die nichts haben.« Vielleicht hat der vorbeilaufende Mann von den Problemen der Wohnungslosen gehört. Auf jeden Fall hält er ihr einen Zehn-Euro-Schein hin. »Ist doch selbstverständlich«, sagt er. Sie lehnt dankend ab, aber Juliane nimmt das Geld gerne für die Vereinskasse an.

In der Nähe des Augustusplatzes gibt es ein kleines Lager, das vom Regen geschützt ist. Unter einem Schlafsack bewegen sich zwei Menschen. Juliane ruft: »Hallo, will irgendwer Kaffee« und unter dem Schlafsack kommt ein Paar hervor. Beide fühlen sich offenbar gestört, doch einer steht auf und geht auf den Bollerwagen zu. Er heißt Sven und wünscht sich Feuchttücher, von denen noch genügend im Bollerwagen sind. Was das Schlimmste ist, dass ihm während der Corona-Krise passiert ist? »Leute haben so getan, als ob sie uns anhusten, so nach dem Motto ›Ihr habt es doch eh‹.« Seine Partnerin bestätigt, dass so etwas öfter passiert sei.

Die Polizei verjagt Wohnungslose

Foto: Milan Schnieder

Weiter geht es zum Willi-Brandt-Platz. Neben dem Eingang zum Citytunnel auf der Innenseite des Rings sitzen neun Männer und eine Frau auf einer Steinbank, die Gesichter in Richtung der Sonne. Als sich die Timmis nähern, bildet sich schnell eine kleine Traube um den Bollerwagen. Tobi ist einer der Männer und erzählt, dass er kein Verständnis für die »Panikmache« um Covid-19 hat. »Bild-Zeitung, Fernsehen, Radio. Alles Corona. Ich kann es nicht mehr hören.« Er vertraut darauf, dass die Menschheit das Virus bewältigen kann. »BSE, Vogelgrippe, da kriegen wir das auch noch weg.« Er hatte sich vorher mit seiner Gruppe bei den Baracken hinter dem Hauptbahnhof aufgehalten, doch dort mussten sie weggehen, erzählt er. »Hier ist der einzige Ort, wo sie uns noch nicht verjagt haben« und meint damit Polizei und Polizeibehörde. Die Regeln während der Corona-Krise verbieten von Gruppen mit mehr als fünf Personen in der Öffentlichkeit.

Auf dem Weg zum Hauptbahnhof machen Juliane und Luigi einen kleinen Schlenker, der von ihrer üblichen Route abweicht. Auf einem der Straßenbahngleise haben sie eine Gruppe gesehen, die auch zu ihrer »Stammkundschaft« gehört. Vier Männer und zwei Frauen sitzen hier auf der Bank in einem Wartehäuschen. Horst, ein Mann Mitte 40, sagt, dass er normalerweise Sonntags bei der Nikolaikirche bettelt und dort über den Tag 70 Euro bekommt. Jetzt seien es am selben Ort im gleichen Zeitraum nur noch zwei bis drei Euro. Weil Gottesdienste nicht stattfinden und ein Besuch sowieso verboten wäre, kommt dort Sonntags kaum jemand vorbei.

Obdachlose helfen Obdachlosen

Nach weiteren Halten entlang der Eingänge des Hauptbahnhofs ziehen Luigi und Juliane wieder zurück in Richtung Büro. Luigi erzählt aus seinem Leben. Er wohne selbst nicht in einer bürgerlichen Wohnung mit Meldeadresse, es gäbe da dieses Haus hinter dem Hauptbahnhof, wo er zusammen mit anderen lebe und wo die Punkwerxxkammer ihren Sitz habe. Die Punkwerxxkammer ist ein Verein, der sich unter dem Motto »von Obdachlosen für Obdachlose« zusammengetan hat. Hier hat Luigi auch einen Schlafplatz. Einige der ehrenamtlichen Helfer seien auch »von der Straße« und dadurch gut vernetzt mit den Betroffenen. Juliane berichtet stolz, dass die Timmis sogar den Streetworkern des in Leipzig schon länger etablierten Suchtzentrums Hinweise geben.

In der Innenstadt kommt der Bollerwagen an einem kleinen Lager in einer Hausecke vorbei: Auf einer Fläche von etwa vier Quadratmetern ist ein Sichtschutz aufgespannt. Juliane ist schon öfters hier vorbeigekommen und freut sich, dieses Mal jemanden anzutreffen. Christian sitzt auf einem Kissen vor dem Sichtschutz und erzählt, dass er hier seit etwa zwei Monaten gemeinsam mit seiner Freundin lagert. Wie sich die Corona-Krise für ihn bemerkbar macht? Er deutet auf die Straße hinter ihm: »Am Wochenende waren hier morgens immer Pfandflaschen von den Partys. Jetzt gibt es kaum noch welche zum Sammeln. Wenn das Partyvolk nicht mehr vorglüht, hat das also auch Auswirkungen auf diejenigen, die von den Überresten einen Teil ihres Lebens finanzieren.« Neben seinem Sitzkissen steht ein Mülleimer, daneben eine Sprühflasche mit Desinfektionsmittel.

Alte Handys werden zu Hilfslieferungen

Foto: Milan Schnieder

Die zweite Vorsitzende von Timmi To Help, Saskia Fuchs, erzählt: »Als die Krise anfing, mussten die anderen Hilfsorganisationen in Leipzig ihre Angebote anpassen. Die Obdachlosen konnten sich jetzt nicht mehr in den Tagestreffs aufhalten. Manche waren nur noch telefonisch erreichbar.« Deshalb habe man sich eine Soforthilfemaßnahme ausgedacht. Die Leute sollten Smartphones spenden. »Unsere Ehrenamtlichen checken die dann durch, speichern die wichtigsten Nummern der Hilfsorganisationen ein und desinfizieren die Geräte. Von Geldspenden kaufen wir SIM-Karten und laden sie mit Guthaben auf.« Für ein Problem habe man noch keine Lösung gefunden: Die Aktivierung der SIM-Karte erfordert, dass die Wohnungslosen sich mit einer Adresse identifizieren.

Deswegen hat der Verein einige der Handys an das Suchtzentrum Leipzig weitergegeben. Dort habe man noch Bedarf, erzählen die Timmis.

http://www.suchtzentrum.de/
http://www.timmitohelp.de/

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Ein Kommentar

  1. Norbert K | 17. April 2020 | um 23:04 Uhr

    Die Wohnungslosen!
    Ob selbst der Kreuzer mit seiner Berichterstattung kürzlich über die fehlende Seife in einem Flüchtlingsheim die Unverhältnismäßigkeit erkennt, gegenüber der Situation der Obdachlosen in Leipzig?
    Ob sich ein Leipziger Wohnungsloser auch mit Randale in der Unterkunft beschweren würde, während der unentgeltlichen Verfügbarkeit einer Bleibe, gesicherter Verpflegung und medizinischer Versorgung (das solidarische Prinzip = Flüchtlingen medizinische Leistungen unentgeltlich im System zu Verfügung stellen, während die Soloselbständigen in die private KV müssen!), wenn nach dem Infektionsschutzgesetz Quarantäne angeordnet wird oder Seife selbst zu organisieren ist.
    Warum wird mit unterschiedlich maß gemessen? Flüchtlinge kommen an in Unterkünften, die 24h am Tag bewohnt werden können, Sanitärräume werden städtisch gereinigt und Beschwerde bei mangelnder Seife eingereicht (!) und Obdachlose werden vernachlässigt bzw. ungleich behandelt.
    Es ist eine Diskriminierung der einheimischen Wohnungslosen, weil deren Identität seit Jahren bekannt ist, im Gegensatz zu Flüchtlingen, die zumindest bei der Unterbringung einen Sonderstatus genießen ?

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