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»Nicht die stärkste Lobby«

Das Wahrnehmen therapeutischer Angebote wird zur Herausforderung

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Die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen war schon vor der Corona-Krise schlecht. Jetzt tauchen neue Fälle auf, viele Therapiesitzungen sowie Selbsthilfegruppen fallen aus.

Leipzig bleibt Zuhause. Auch jene Menschen, die psychisch erkrankt sind. Viele Therapiesitzungen fallen aus. Einige Therapeutinnen bieten Online-Sitzungen, auch in Leipzig. Beispielsweise Sylvia Koschewski. Circa 30 Prozent ihrer Klientinnen nehmen das Angebot mit Online-Therapie in Anspruch. »Der Rest setzt es aus oder verschiebt es.« Bei Angst- und Zwangsstörungen komme das Angebot nicht gut an, weil bei Betroffenen die Frage auftaucht, ob das Gespräch mitgehört werde: »Manche fragen sich: Wie sicher sind die Online-Dienste, wenn selbst Frau Merkel abgehört wird?«

Wenn die Probleme der Patienten mit ihrem sozialen Umfeld zusammenhängen, sei es schwierig, sich in einem Raum mit jenen Menschen technischen Medien zuzuwenden und eine Therapiesitzung in Anspruch zu nehmen. Das heißt die Wohnsituation beeinflußt die Möglichkeit und die Qualität der Online-Therapie. »Eine Praxis ist hingegen ein sicherer Raum.« Wenn die Patienten ihre Familie während der Therapie nicht aus der Wohnung schicken können, sagen sie kurzfristig ab.

Gruppentherapien finden zurzeit aufgrund des Infektionsschutzes nicht statt. Die genehmigten Einheiten können dennoch als Einzeltherapiestunden durchgeführt werden. Allerdings gelten die Treffen von Selbsthilfegruppen nicht als Gruppentherapie und sind von dieser Regelung nicht betroffen. Die Selbsthilfegruppen stellen in der Regel Betroffene selber auf die Beine und sind für sie auch während einer Pandemie enorm wichtig.

Peter* ist einer jener Menschen, die regelmäßig an den Sitzungen einer Selbsthilfegruppe teilnehmen: »Ich habe mir im Laufe der Zeit die Skills aufgebaut, um meinem Alltag eine Struktur zu verleihen, die meine Abstinenz sichert. Die Selbsthilfegruppe ist davon ein wichtiger Bestandteil. Das fällt zurzeit komplett weg.« Seine Gruppe verlegte die Sitzungen ziemlich schnell in den virtuellen Raum, die allerdings persönliche Treffen nicht ersetze: »In diesen Räumen ist man normalerweise zusammen mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen. Ohne Vorurteile. Dort weiß man: Sie haben Lust, einander zuzuhören. Ein Blick, eine Umarmung, die Herzlichkeit, das Menschliche… Das alles fällt bei den Online-Sitzungen weg.«

Die Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen

Nicht nur Erwachsene, sondern auch psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche haben es während der Corona-Krise nicht leicht. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie und der Deutsche Kinderschutzbund fordern in einer öffentlichen Stellungnahme, dass Kitas und Schulen ihre Notbetreuung für psychisch kranke Kinder und Kinder von psychisch kranken Eltern erweitern.

Zurzeit werden bundesweit die Kapazitäten in den Kliniken für Covid-19-Patienten freigeräumt. Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Julian Schmitz von der Universität Leipzig erklärt, dass mit den Schließungen von Kitas und Schulen viele wichtige Faktoren wegfielen, welche die die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen stabilisieren. »Wir wissen, dass die psychische Gesundheit ganz stark mit der Tagesstruktur zusammenhängt. Außerdem fallen die sozialen Kontakte und die positiven Erlebnisse auch weg,« so Schmitz. Das betrifft weiterhin viele Kinder und Jugendliche. Die große Drucksituation der Eltern, die von Zuhause arbeiten oder wirtschaftliche Unsicherheiten haben, können zu einer erhöhten Gefahr für Misshandlungen in Familien führen. Auch in Leipzig ist die Anfrage bei Frauenhäusern für Frauen und ihre Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, gestiegen.

Am 20. April öffnen sächsische Schulen wieder, allerdings nur für die Abschlussklassen. Auch wenn ein Teil dieser Gruppe aus Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen bestehen dürfte, gibt es keine Bestrebungen, diese gezielt zu schützen. Es geht um Prüfungsvorbereitungen.

In Sachsen besteht zwar die Möglichkeit einer Notbetreuung, wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. »Das ist gut. Allerdings kann diese Gefahr nur durch das Jugendamt festgestellt werden. Viele Kinder mit psychischen Erkrankungen sind dem Jugendamt, das oft an seinen Grenzen arbeitet, nicht bekannt,« so Schmitz. Für eine Teilgruppe der Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen müsse der Zugang zur Notbetreuung durch die Bescheinigung eines Fachtherapeuten oder -arztes ermöglicht werden.

Die Ausgangsbeschränkungen sind einerseits notwendig, um die Infektionsketten in den Griff zu bekommen. Andererseits dominieren die wirtschaftlichen und allgemein gesundheitlichen Fragen öffentliche Debatten und Regelungen. Warum das so ist? »Psychisch kranke Menschen haben nicht die stärkste Lobby,« so Schmitz. Sie und Koschewski vertreten die Meinung, dass die aktuelle Lage den psychischen Zustand vieler Menschen verschlechtern könne. Schmitz erzählt, dass die Zahl der Menschen mit Zwangserkrankungen im Moment steigen. Infektionsängste spielen dabei eine große Rolle: »Die Versorgung war schon vorher an den Kapazitätsgrenzen, es bestanden lange Wartezeiten. Es gibt zurzeit keine Behandlungsplätze für diese Menschen.« Koschewski rät zu persönlichem Handeln und schlägt vor, die Wohnung zu verlassen: »Wer isoliert in einer Hütte lebt, wird früher oder später krank.« Peter gelinge es, sich circa drei Mal pro Woche mit Menschen für einen Spaziergang zu treffen.

*: Peter möchte seinen richtigen Namen nicht öffentlich machen. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt.

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