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Stadtleben

»Ich bete jeden Tag, dass ich mich nicht anstecke«

Warum wohnungslose Menschen besonders unter der Corona-Krise leiden – und wer ihnen in Leipzig hilft

  »Ich bete jeden Tag, dass ich mich nicht anstecke« | Warum wohnungslose Menschen besonders unter der Corona-Krise leiden – und wer ihnen in Leipzig hilft

Wer keinen festen Wohnsitz hat, hat oft viele Probleme. Die Corona-Krise macht einige davon noch schlimmer. In Leipzig ist die Clearingstelle auf alles vorbereitet. Und hat erstaunlich wenig mit Corona zu tun.

Xenia sitzt in der Hainstraße zwischen den Eingängen vor einem Supermarkt und einem Drogeriemarkt. Hinter ihr die Wand, vor ihr ein Becher. Die 32-Jährige stammt aus Litauen und hat noch bis vor einem Monat in Chemnitz gelebt. »Jetzt bin ich in Leipzig, weil ich hier Freunde habe. Die können Russisch und ich kann bei ihnen schlafen.« Xenia spricht nur wenige Worte Deutsch.

An diesem frühlingshaften Mittwochnachmittag sind weniger Leute als sonst in der Fußgängerzone. Ein älterer Mann kommt vorbei und lässt behutsam 80 Cent in Xenias Becher fallen. Sie lässt die Münzen durch ihre Finger gleiten, während sie nachzählt. Ob sie sich genug über Corona aufgeklärt fühlt? »Ja, Conona ist für mich kein Problem.« Desinfektionsmittel oder eine Maske hat sie nicht.« Was machen Sie denn, um sich zu schützen? »Ich bete jeden Tag zu Gott, dass ich mich nicht anstecke.«

Damit sich Menschen wie Xenia nicht alleine auf ihre Gebete verlassen müssen, passen die Gruppen, die sich in Leipzig für wohnungslose Menschen einsetzen, ihre Angebote an die Krise an. So sind zum Beispiel die drei Einrichtungen zur Notübernachtung ganztags geöffnet und die Stadt hat noch eine vierte Stelle übergangsweise eingerichtet.

Der Verein »Clearingstelle und Anonymer Behandlungsschein Leipzig e.V.«, kurz Cabl empfängt seit dem 23. März keine Ratsuchenden mehr in den Räumen. Zu groß ist die Ansteckungsgefahr. Vor Corona fand die Sprechstunde zweimal pro Woche statt, in der Menschen ohne Krankenversicherung medizinische Behandlungen beantragen konnten. Aktuell können die Ratsuchenden nur telefonisch und per E-Mail Kontakt aufnehmen.

Die Sozialarbeiterin Annemarie Saß vom Verein erzählt: »Etwa 60 Prozent der Leute, die zu uns kommen, haben vermutlich keinen festen Wohnsitz in Leipzig. Ein Viertel davon ist obdachlos, hat also kein Dach über dem Kopf.«

Weil die auch oft keine Krankenversicherung haben, kommen sie zur Clearingstelle. Das gilt natürlich auch, wenn eine Person den Verdacht hat, Corona zu haben.

Annemarie Saß ist das Angebot des Vereins in der Corona-Krise besonders wichtig: »Wir sind aktuell die einzige Anlaufstelle für Leute in Leipzig, die weder eine Krankenversicherung vorweisen können noch die 120 Euro parat haben, um einen Corona-Test zu machen.« Ein Angebot, das sich zum Beispiel für obdachlose Menschen eignet. Und das funktioniert so: Wer Symptome spürt, kann bei der Clearingstelle erfahren, wie er einen Corona-Test machen kann. Zeigen die Indizien eine mögliche Infektion an, stellt Cabl einen anonymen Behandlungsschein aus und schickt ihn an eine Teststelle. Dort kann der Patient dann hingehen und den Test machen lassen. Cabl übernimmt dann die Rechnung.

Einen Corona-Test hat bisher erst eine Person gemacht und der war zum Glück negativ. Die 79 anderen Behandlungsscheine, die Cabl in diesem Jahr bisher ausgestellt hat, waren für andere Behandlungen vorgesehen. Für die Erstattung der Behandlungskosten haben Gesundheitsamt der Stadt Leipzig dem Verein ein Jahresbudget in Höhe von 70.000 Euro zur Verfügung gestellt.


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