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Revolutionäre Ästhetik

Das russische Duo Icepeak begehrt gegen Autoritäten auf und sieht dabei ziemlich cool aus

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Was wissen wir über aktuelle Populärmusik aus Osteuropa? Nach wie vor nicht sonderlich viel. Post-Punk-Retro-Kapellen wie Molchat Doma, die ihre Sache ganz hervorragend machen, feiern zwar auch vermehrt bei uns Erfolge, aber mit einem Sound, der sich seit dem Jahr 1983 nur unwesentlich verändert hat.

Icepeak aus Moskau haben mit wohliger Ostalgie und Achtziger-Plattenbau-Romantik nichts zu schaffen. Ihr Abrissbirnensound bricht altersschwachen Beton, bringt Tieftöner zum Schmelzen und lässt russische Sittenwächter panisch werden: Seit Herbst 2018 hat das Duo immer wieder damit zu kämpfen, dass die Behörden seine Inlandskonzerte kurzerhand absagen, Putin selbst ordnete von modernem Rap beeinflusste Musik, wie sie Icepeak machen, als »sozial gefährlich« ein. Was er damit meint? »Ich begieße meine Augen mit Kerosin. Alles soll brennen. Ganz Russland schaut mir zu. Alles soll brennen«, lautet eine übersetzte Icepeak-Zeile, im Video zum entsprechenden Song posieren Anastasia Kreslina und Nikolai Kostylev, totenbleich geschminkt, vor dem Kreml, der Geheimdienstzentrale des FSB und weiteren Wahrzeichen altimperialer Macht. Kostylev lässt im Video an einer Stelle ein Streichholz fallen.

Das verstehen die Autoritäten vermutlich schon richtig, wenn sie darin eine Kampfansage sehen, die Kampfansage einer jungen Generation, politisch entmündigt, deren Waffen Bass, Beats und solche Bilder sind. Die strenge Ästhetik der Videos, ihr internationaler, von amerikanischem Trap beeinflusster Sound feiern gerade internationale Erfolge, ihre Clips erreichen bis zu knapp 34 Millionen Aufrufe. Kreslinas Vocals, mal schneidend, mal peitschend gesungen, mal kreischend gerappt, funktionieren auch ganz ohne Kenntnisse des Russischen, die düsteren, mit spärlichen melodischen Elementen verzierten Basskaskaden passen wie angegossen in eine Industrie-Chic-Location wie das IfZ. An diesem Abend wird es aber eben nicht nur um Style und Coolness gehen, sondern vor allem um zwei, die sich ausdrücken, gegen jeden Widerstand.

Das ursprünglich für den 19. April geplante Konzert im IfZ wurde verlegt und findet nun am 26. November statt.
https://http://www.ticketmaster.de/event/ic3peak-tickets/364887

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