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Warum sie den Löffel abgeben

In der Gastro-Branche herrscht trotz nahem Wiedereröffnungstermin Weltuntergangsstimmung

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Gastronomen, Hoteliers und Veranstalter dürfen ab Mitte Mai wieder öffnen. Unter den derzeitigen Bedingungen müssen sie jedoch weiter ums Überleben kämpfen. Mit ihrer bundesweiten Aktion auf dem Augustusplatz in Leipzig machten die betroffenen Unternehmen jetzt noch mal Druck.

»Wir haben es satt!« Mit roter Schrift auf weißem Banner signalisierten die Mitarbeiter von Leipziger Kneipen, Restaurants und Hotels, dass sie nicht mehr wissen, wie sie künftig ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Ihr Auftritt am Freitag auf dem Augustusplatz war an Dramatik nicht zu toppen: Unter den Klängen von »Spiel mit das Lied vom Tod« trugen sechs Männer symbolisch in einem hellen Holzsarg die Leipziger Gastronomie zu Grabe. Stellvertretend für eine ganze Branche gaben sie »den Löffel ab«, in dem sie eben diesen in einen grünen Container warfen. Zu viel Symbolik? Die Restaurants dürfen doch Mitte Mai wieder öffnen! Es ist ein Hilferuf der Köche, Rezeptionisten, Kellner, Barkeeper, Wirte und Haustechniker von mehr als 70 Unternehmen des Leipziger Hotel- und Gastgewerbes.

Seit Mitte März ist das Gastgewerbe mit seinen deutschlandweit 2,4 Millionen Arbeitsplätzen, Zulieferindustrie nicht mitgezählt, geschlossen. In der Branche herrscht derzeit pure Existenzangst. »Wir dürfen wieder öffnen, ja. Aber bei den vorgegebenen Bedingungen können wir uns da selbst beim Sterben zusehen«, sagt André Münster , erfolgreicher Gastwirt vom Restaurant Münsters in Gohlis. Sein Argument: Bei 100 Prozent Kosten können die Betriebe nur maximal 50 Prozent Umsatz machen, vorausgesetzt, es kommen genügend Gäste. Um alle Corona bedingten Hygieneauflagen zu erfüllen, wird jedoch zusätzliches Personal gebraucht. »Wir schaffen das nicht allein!«, stand auf einem zweiten Transparent.

Das Leipziger Hotel- und Gastgewerbe gibt symbolisch den Löffel ab; Foto: Petra Mewes

Deutschlandweit wissen rund 100.000 Betriebe derzeit nicht, wie sie ohne eine wirtschaftliche Innen- und Außengastronomie überleben sollen. Laufende Kosten wie Mieten, Kredite und Versicherungen sind in voller Höhe weiter zu zahlen. Die künftige Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes von sieben Prozent auf Speisen halten sie für eine Farce. Gitta Niemann arbeitet bei der Dreiturmspringer GmbH, die das Killiwilly, Volkshaus, Kaiserbad und das Café Luise in Leipzig betreibt. Sie stellt für alle heraus: »Wir brauchen einen Rettungsfonds für die Gastronomie, die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes für unsere Mitarbeiter ab sofort auf 80 Prozent, nachhaltige Wiedereröffnungsbedingungen und den niedrigeren Mehrwertsteuersatz ab sofort und das dauerhaft.« Ums »reich werden« gehe es dabei schon lange nicht mehr. Selbst Münster kämpft ums Überleben: »Unsere acht Mitarbeiter sind meist schon jahrelang dabei. Da trägt man auch Verantwortung für sie und ihre Familien.« Die deutschlandweit gesammelten Löffel werden am 15. Mai 2020 an Vertreter der Bundesregierung am Bundeskanzleramt in Berlin übergeben.

 

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Ein Kommentar

  1. Norbert K. | 11. Mai 2020 | um 19:59 Uhr

    Der mdr Rundfunkrat hat just die Fortsetzung für „In aller Freubdschaft“ genehmigt. Die Produktion einer Folge kostet 400.000 Euro (in 2018!).
    Beim mdr ist niemand auf Kurzarbeit und Investitionen werden fröhlich frei von einem Club an Alten des Rundfunkrates entschieden.

    Die Gastro sollte zusehen, dass sie auch über eine monatliche Gebühr von allen Bewohnern der Stadt finanziert wird, egal ob man essen geht oder nicht und unabhängig vom guten Geschmack!
    Dann könnte jeden Abend in unzähligen Menü-Optionen gekocht werden, für den Fall jemand hat Hunger und kommt vorbei.
    Die unterbezahlten ServiceKräfte können sich derzeit bei Kurzarbeit die Folgen der o.g. ErfolgsSerie anschauen, von zuhause brauchen sie nicht mal einen Mundschutz, der allerdings im Film zu sehen und verfügbar ist und angeblich an den Schulen fehlt ?
    zumindest sind die Folgen in der Mediathek zu finden, Digitalisierung im ÖRR läuft! An Schulen leider gar nicht.

    Ein Missstand, der kaum zu überbieten ist, aber wen interessierts?
    Ist „In aller Freundschaft“ auch schon Kultur oder geht die Frage nicht an Frau Dr. Jennicke, die wahrscheinlich hier keinen Zusammenhang erkennen kann. Herr Jung als ausgebildeter Deutschlehrer wird diese mathematische Ungleichung auch nur schwer erkennen können.

    Ob bei „In aller Freundschaft“ die Pflegekräfte auch unterbezahlt sind? Als MDR-Angestellte und Schauspieler in Serienfunktion wahrscheinlich eher überbezahlt mit eigenen Privilegien und Pensionen.

    Armes Leipzig!!!