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Ein schöner Strauß Flamingos

»Hackes Tierleben« eröffnet dem Menschen einfühlsam das Innere der Tiere

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal liest und betrachtet Micklitz’ derzeitiger Vertreter Benjamin Heine »Hackes Tierleben« – und erfreut sich gleichermaßen an Axel Hackes skurril-warmen Texten und Michael Sowas schwermütig-heiteren Bildern.

»Don’t judge a book by its cover« – von wegen. Da lachen ja die Hühner! Das vor 25 Jahren erstmals erschienene Buch »Hackes Tierleben« widerlegt die englische Redewendung auf den ersten genauen Blick. Noch bevor wir es aufschlagen, nimmt es uns ganz ein, für das gemeinsame Leben der Tiere und der Menschen im Einklang mit der Natur: Da sitzt einer am Ufer eines – sagen wir mal – deutschen Durchschnittssees, liest in einem Buch und streichelt der Giraffe, die neben ihm im Gras liegt, den Hals. Zu den beiden schaut vom See ein Vorbeirudernder herüber, auch neben ihm im Boot sitzt eine Giraffe, die den Hals zu den beiden am Ufer dreht. Alles ganz normal, ganz ruhig und selbstverständlich. Wer sich in dieses Bild von Michael Sowa, der übrigens dieser Tage seinen 75. Geburtstag feiert, nicht verliebt, ist selbst schuld. Und wer »Hackes Tierleben« aufschlägt, anliest und aus dem Blättern nicht rauskommt, wird feststellen, dass das Urteil über das Buch kein anderes sein wird als das über dessen Cover: hinreißend dämlich! Oder mit anderen Worten: große Kunst!

Von B wie Bär bis E wie Elefant enthält »Hackes Tierleben« Einträge zu insgesamt 26 Tieren und auch wenn die Zahl es vermuten lassen könnte, löst sich Hacke von alphabetischer Strenge, sodass zwischen Bär und Elefant allerlei passt: Wilde wie Krokodil und Hyäne, Zahme wie Wellensittich und Goldhamster, Große wie Elefant und Wal, Kleine wie Regenwurm und Maikäfer, Lockige wie Schaf und Pudel… Und damit Sie ein Gefühl für die alles andere als lexikonartigen Texte bekommen, lesen wir hier den Beginn über den Bären: »Die meisten von uns wachsen mit einem kleinen, stummen Bären auf, essen von einem Tellerchen mit ihm und schlafen im selben Bettchen, und wenn er frech wird, hauen wir ihm in die Schnauze. Aber dann küssen wir ihn wieder saftig und herzlich und haben ihn lieb, und wenn es dunkel wird, muss Bärchen weich sein und uns beschützen.«

An anderen Stellen erfahren wir die wahre Geschichte der Entdeckung der Wellensittiche und dass Pottwale einen Menschen verschlucken können »ohne ihn zu verletzen, denn Pottwale kauen ihre Nahrung nicht, sondern schlingen sie im Ganzen hinunter. Möchte hingegen ein Mensch einen Pottwal essen, so muss er ihn kleinschneiden.« Wieder anderswo sehen wir eine schöne Vase mit vier hübschen Flamingos darin und am Meeresgrund in wundervoll grünblauem Licht einen Rollmops, äh Hering schwimmen. Vom allgemein bekannten Bonmot »Über den Hasen sprechen heißt vom Rammeln reden« führt uns Axel Hacke streng logisch Schritt für Schritt (und ohne Haken zu schlagen) zur Erkenntnis, dass Schokoladenhasen im Kühlschrank nicht neben der Wurst liegen sollten. Kurzum: »Hackes Tierleben« ist »eine Tierkunde voller Einfühlsamkeit«, die uns das Leben unserer Mittiere ein wenig entschlüsselt.

Axel Hacke: Hackes Tierleben. Mit Bildern von Michael Sowa. München: Kunstmann 1995 (Neuausgabe 2018). 86 S., 16 €

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