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Die Kinostarts der Woche im Überblick

Ein Mann mit Bart und weißem Hemd linst durch ein mit Zeitungspapier abgeklebtes Fenster Größeres Bild

Diese Woche schickt euch unser Autor Lars Tunçay auf die Welt des Kurzfilms beim Kurzsuechtig-Festival. Für Fans der längeren Filme findet er aber auch noch andere Empfehlungen zwischen Mieter-Drama, Romantik-Komödie und Mafiafilm.

Das Kurzsuechtig zieht um, vom Frühjahr in den Sommer und von der Schaubühne in den Felsenkeller. Dort gibt es das gewohnt vielfältige Programm des mitteldeutschen Kurzfilmfestivals an fünf Tagen zu erleben. Präsentiert werden neben dem Wettbewerb Animation (19.8.), Fiktion (21.8.), Dokumentation (20.8.) und Experimentalfilm (22.8.) auch wieder den Wettbewerb für Filmmusik und Sounddesign am 22.8. im Felsenkeller. Zuvor wird der Kamerapreis im Luru verliehen (21.8.). Zum Abschluss gibt es ebendort am Sonntag noch einmal das Beste vom Kurzsuechtig 2020 zu sehen mit den Preisträgern der einzelnen Sektionen. 

»17. Kurzsuechtig Kurzfilmfestival«: 19.–22.8., Felsenkeller


Film der Woche: Dietmar (Wolfgang Packhäuser) hat sein halbes Leben in der Mietwohnung in einer Berliner Wohngegend verbracht. Jetzt will der neue Besitzer sanieren. Die anderen Mieter sind schon ausgezogen, aber Dietmar weigert sich. Die Bauarbeiten rücken näher, Strom und Wasser werden eingeschränkt – Der schmierige Makler Franke (Moritz Heidelbach) lässt keinen Trick unversucht, um den Alten aus der Wohnung zu kriegen. Davon bekommt Dietmars Sohn Tobias (Matthias Ziesing) Wind, der selbst eine nicht unwesentliche Rolle in Franke Plänen spielt. Als die drei in der Wohnung aufeinandertreffen, eskaliert die Situation. Der Plot von Gregor Erlers Regiedebüt ist schnell umrissen und doch passiert hier wenig nach deutschen Produktionsstandards. Statt eines üblichen Betroffenheitsdramas hat Erler mit »Der letzte Mieter« einen bemerkenswerten, beinharten Genrefilm inszeniert – und das nahezu vollkommen unabhängig. »Der letzte Mieter« ist durch die Hilfe vieler Freunde und Kollegen zustande gekommen. Das kommt der Handlung zu Gute, die sich abhebt von gängigen »Tatort«-Mustern und in kein Korsett passt, mit Themen wie Verdrängung und Entmietung aber am Puls der Zeit ist. Kammerspielartig spitzt Erler die Handlung zu, hin zum imposanten, überraschenden Finale. Die Darsteller überzeugen, allen voran Seriendarsteller Matthias Ziesing (»SOKO Leipzig«) in der Rolle des in die Ecke gedrängten Protagonisten Tobias. Die Kamera von Moritz Reinecke fängt die Enge des Raums und die Textur des Abrisshauses stimmungsvoll ein. Gregor Erler, der mit seinen Kurzfilmen und Musikvideos Erfahrungen und vor allem Kontakte sammelte, inszenierte einen bemerkenswerten, packend erzählten Gentrifizierungs-Thriller aus Berlin, dem man sein schmales Budget nicht ansieht.

»Der letzte Mieter«: ab 13.8., Cineplex

Es ist Sommer in Rom, in einer Zeit als die Straßen noch erfüllt waren vom quirligen Chaos, wo alles hupte und die Vespas knatterten. Die ganze christliche Welt schaut zum Vatikan, denn in wenigen Tagen wird dort weißer Rauch aufsteigen und ein neuer Papst tritt in den Dienst Gottes. Damit hat der junge Fernsehreporter Gregory (Callum Turner) herzlich wenig am Hut. Schließlich hat ihn das Leben gelehrt, keine Bindungen einzugehen – weder mit Gott noch mit Menschen. Damit kommt er vermeintlich gut durchs Leben. Immerhin hat er es zum smarten Nachrichtenanchor gebracht und berichtet gemeinsam mit einer Assistentin und dem Kameramann von der Papstwahl. Gregory ist es gewohnt, sich durchs Leben zu schwindeln. Als Atheist gibt er vor, dass ihn mehr die Geschichten der Armen und Ungläubigen interessieren – für die Bettler auf der Straße hat er aber keinen Blick übrig. Dafür aber für Maria (Matilda De Angelis). Als sie auf dem Dach ihrer Mutter drehen, lernt er die junge, attraktive Römerin kennen und sie bringt ihn tatsächlich aus dem Konzept. Als sie ihm nach einem feucht-fröhlichen Abend das Versprechen abringt, sich nicht in sie zu verlieben, passt das eigentlich rundum in sein Beuteschema. Doch es kommt wie es kommen muss: Gregory hat sich Hals über Kopf in Maria verliebt, doch die ist bereits einem anderen versprochen – Gott. In drei Tagen wird sie ihr Gelübde als Nonne ablegen und in ein Kloster gehen – und der Allmächtige ist ein wahrlich eifersüchtiger Liebhaber, wie Gregory schmerzhaft feststellen muss. Das Grundkonzept der romantischen Komödie ist bekannt und bewährt: Er verliebt sich in sie, sie verliebt sich in ihn, doch sie steht kurz vor der Hochzeit und muss sich nun entscheiden. Der Aachener Regisseur Jan Schomburg (»Über uns das All«) hat allerdings alles andere als eine konventionelle Rom-Com im Sinn. Der göttliche Dreh hebt seine herrlich absurde Sommerkomödie von gängiger Fließbandware ab. Dabei hat er große Freude, mit dem Schicksal seiner Figuren zu spielen. Die durchbrechen auch schon mal unvermittelt die Vierte Wand und lesen die Untertitel mit, die den teilweise in italienisch gedrehten Film begleiten. Wenn von höchster Stelle versucht wird, die Liaison zu verhindern, scheut die turbulente Handlung auch nicht den Abstecher ins Übersinnliche. Temporeich und hemmungslos wird hier mit Klischees gespielt, was »Der göttliche Andere« zu einem überraschenden Vergnügen macht. Darüber hinaus stimmt auch ein weiterer wichtiger Faktor in der Gleichung: Die Chemie zwischen den Liebenden. Die 24-jährige Matilda De Angelis aus Bologna war European Shooting Star 2018 und steht derzeit neben Nicole Kidman und Hugh Grant in der Serie »The Undoing« von David E. Kelley (»Big Little Lies«) vor der Kamera. Ihr Leinwandpartner Callum Turner war zuletzt in der Jane Austen-Adaption »Emma« zu sehen und verkörperte den Theseus Scamander in »Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen«. In »Der göttliche Andere« haben die beiden sichtlich Spaß, der sich auf den Zuschauer überträgt. Eine unbeschwerte Sommerkomödie in der Ewigen Stadt.

»Der göttliche Andere«: ab 13.8., CineStar, Regina Palast

Das Genre des Mafiafilms ist auserzählt. Francis Ford Coppolas »Der Pate«-Trilogie hat in den Siebzigern die Blaupause gelegt, an der sich zahlreiche Filmemacher orientierten. So wirkt es auch bei Marco Bellocchios »Il Traditore« über weite Strecken so, als habe man das alles schon mal irgendwo gesehen. Dabei wurde die Geschichte von Tommaso Buscetta, dem wichtigsten Kronzeugen des Mafia-Richters Giovanni Falcone tatsächlich noch nicht für die große Leinwand adaptiert – und ist doch wie dafür gemacht. Als Buscetta Anfang der 1980er in Brasilien verhaftet wird, schließt er einen Pakt mit den Behörden: Als Kronzeuge soll er gegen die Cosa Nostra aussagen, jene Familie, der er seit früher Kindheit angehörte. Tommaso lässt sich auf den Deal ein, weil sich seine vermeintlichen Freunde gegen ihn gestellt haben. Die Aussage bringt ihn und seine Familie jedoch in Gefahr, der sie auch in den USA nicht entgehen können. Die wahren Ereignisse um den »Verräter« (ital.: Traditore) und die Aussagen seines Verhörs durch Richter Falcone wurden von Regieveteran Marco Bellocchio recht nüchtern abgefilmt. Dabei begegnet man zwangsläufig zahlreichen Mafia-Klischees und unzähligen Leichen. Im Zentrum des Films steht der charismatische Pierfrancesco Favino (»Rush«), der Buscetta über die Jahrzehnte hinweg überzeugend verkörpert. Das gelungene Zeitkolorit und die komplexe Figurenstruktur sorgen immerhin für recht unterhaltsame zweieinhalb Stunden.

»Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Mafia«: ab 13.8., Passage Kinos

Weitere Filmtermine der Woche

Cat Video Fest
Das Cat Video Fest stellt aus unzähligen Stunden eingereichter Filme, Animationen, Musikvideos und Internetfilmen eine Compilation der schönsten Katzenvideos zusammen und zeigt sie in Kinos rund um den Globus. Ein Teil der Erlöse geht an lokale Organisationen für den Schutz von Katzen und ihr Wohlergehen. Ob Katzenvideos im Kino genauso viel Spaß machen wie auf Youtube, kann man diese Woche im Open Air Kino in der Spinnerei überprüfen. Schön bescheuert wirds auf jeden Fall.
13.8., 21 Uhr, Open-Air-Kino in der Spinnerei

Der geteilte Himmel


Die Verfilmung von Christa Wolfs Roman lehnt sich formal an die französische Nouvelle Vague an und lief in der DDR zunächst sehr erfolgreich. Heute gilt der Film als eine der ambitioniertesten und zugleich kritischsten DEFA-Produktionen. – Jahrestag Mauerbau 13. August 1961


13.8., 18.30 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Leipzig stands with Hong Kong
Die Bewohner von Hongkong gehen gegen das autoritäre Regime der Kommunistischen Partei Chinas und die schleichende Erosion ihres Rechtes auf freie Meinungsäußerung auf die Straße. Die Hongkonger Filmemacher Willis Ho und Lo Chun-yip haben unterschiedliche Facetten der Protestbewegung in einer Reihe von Kurzfilmen eingefangen.


13.8., 20 Uhr, Galerie KUB

Marona’s Fantastic Tale


Nach einem Unfall erinnert sich die kleine Hündin Marona-Sara-Ana-die-Neunte an all die verschiedenen Herrchen, die sie nacheinander hatte und bedingungslos liebte. – DOK-Leipzig Sommerkino

13.8., 20 Uhr, Parkbühne im Clara-Zetkin-Park

Uta


Im Mutterleib für tot erklärt, kam Uta Pilling ganz ohne Reflexe auf die Welt. Erst mit neun Monaten war sie vollständig reaktionsfähig. Das war ihr Eintritt ins Leben. Es ist ein steiniges Leben, über das sie uns erzählt. Das Porträt einer Straßenmusikerin, die uns begreifbar macht, dass Glücklichsein kein Zustand, sondern eine Fähigkeit ist. – Premiere, Globale
13.8., 20 Uhr, Richard-Wagner-Hain

Weil Du nur einmal lebst – Die Toten Hosen auf Tour
Dokumentarfilm über die Toten Hosen auf »Laune der Natour« durch Deutschland, Österreich und die Schweiz 2017.

13.,
18.8., 20 Uhr, Cinestar

Der Wasserkrieg & Before the coup
Zwei Dokumentarfilme zur Situation in Bolivien: Wie die Bevölkerung den »Wasserkrieg« gegen den US-Investor gewann und »Before the Coup« von Diego Gonzales, der Präsident Evo Morales noch wenige Tage vor dem Putsch interviewte.– Globale
14.8., 20 Uhr, Wagenplatz Toter Arm

Die BMX-Bande


Jugendfilm aus den Achtzigern, in dem eine sehr junge Nicole Kidman coole Stunts mit dem BMX-Bike macht. – Filmnächte Scheibenholz zu Gast im Cineplex
14.8., 16 Uhr, Parkbühne im Clara-Zetkin-Park

Die traurigen Mädchen aus den Bergen


Vier Mädchen verstecken sich im fernen Bergland, drehen Pornos und zelebrieren ihre Depression als widerständigen Akt. Als ein Reporterteam auftaucht, gerät ihre feministische Mikroutopie ins Wanken. Die Mockumentary ist der Gewinner des diesjährigen Pornfilmfestivals Berlin. – Im Anschluss Gespräch mit der Regisseurin
14.8., 21 Uhr, Open-Air-Kino in der Spinnerei

World Taxi


In »World Taxi« steigt der Filmemacher Philipp Majer und mit ihm das Publikum in fünf Taxis rund um den Globus und lauscht den Geschichten der Chauffeure und ihrer Passagiere.


14.8., 19 Uhr, Kinosommer im Felsenkeller

The Cleaners
Wer kontrolliert die Kontrolleure? Moritz Riesewieck und Hans Block gehen der Zensur in sozialen Netzwerken auf den Grund und fördern Erschreckendes zutage. – Globale


15.8., 20 Uhr, Sportplatz Teichstraße

The Nightingale
Eine junge Irin landet im 19. Jahrhundert in einer britischen Strafkolonie im heutigen Tasmanien. Nachdem ihr dort übel mitgespielt wird, beginnt sie einen Rachefeldzug…

15.8., 21 Uhr, Open-Air-Kino in der Spinnerei

Die unendliche Geschichte
Ein Junge gerät bei der Lektüre eines Fantasy-Abenteuers in die Handlung und soll das Land Phantasien vor dem alles verschlingenden »Nichts« retten. Aufwendige Verfilmung des Romans von Michael Ende.


16.8., 16 Uhr, Parkbühne im Clara-Zetkin-Park

Shorts Attack: Fisch liebt Vogel
Kurzfilmprogramm: 12 Filme in 86 Minuten. Tiere in außergewöhnlichen Lebenslagen.
16.8., 20.30 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Inception


Den meisterlichen Science-Fiction-Thriller um eine Gruppe von Spezialisten, die Industriespionage betreiben, indem sie in die Träume ihrer Opfer eindringen, muss einfach jeder Genre-Fan kennen.
14.8., 19 Uhr, Cinestar, 20 Uhr, Cineplex, Passage Kinos, Regina Palast, 17.8., 20 Uhr, Regina Palast (OF)

Little Women
Greta Gerwig adaptierte den Klassiker »Betty und ihre Schwestern« von Louisa May Alcott als kitschfreies Kostümdrama.
17.8., 17 Uhr, Cineplex

Alfons Zitterbacke
Die DEFA-Verfilmung nach der gleichnamigen Kinderbuchreihe Gerhard Holtz-Baumerts.
18.8., 16 Uhr, Parkbühne im Clara-Zetkin-Park

Toni Erdmann


Außergewöhnliche Mischung aus Komödie und Drama um die Beziehung einer Tochter zu ihrem Vater. Starkes Schauspielerkino. – Sommerkino im Rahmen des Schönauer Parkfestes »Einfach Anders«
18.8., 20.30 Uhr, Schönauer Park

17. Kurzsuechtig Kurzfilmfestival – Eröffnung: Wettbewerb Animation
Das Kurzsuechtig zieht um, vom Frühjahr in den Sommer und von der Schaubühne in den Felsenkeller. Dort gibt es das gewohnt vielfältige Programm des mitteldeutschen Kurzfilmfestivals an fünf Tagen zu erleben. Präsentiert werden neben dem Wettbewerb Animation (19.8.), Fiktion (21.8.), Dokumentation (20.8.) und Experimentalfilm (22.8.) auch wieder den Wettbewerb für Filmmusik und Sounddesign am 22.8. im Felsenkeller. Zuvor wird der Kamerapreis im Luru verliehen (21.8.). Zum Abschluss gibt es ebendort am Sonntag noch einmal das Beste vom Kurzsuechtig 2020 zu sehen mit den Preisträgern der einzelnen Sektionen.


19.8., 19.30 Uhr, Felsenkeller

Die Kraft der Schwachen


Jorgito aus Camagüey kommt mit einer schweren Körperbehinderung zur Welt. Von Geburt an erfährt er die Unterstützung des kubanischen Bildungs- und Gesundheitssystems, mit bemerkenswerten Resultaten. – Globale
19.8., 20 Uhr, Richard-Wagner-Hain

Immenhof – Die Abenteuer eines Sommers


Die 16-jährige Lou lebt mit ihren Schwestern, der jüngeren Emmie und der älteren Charly auf dem Immenhof, um den sie sich seit dem Tod ihres Vaters gemeinsam kümmern. – Familien-Kino-Sommerfest
19.8., 16 Uhr, Parkbühne im Clara-Zetkin-Park

The Big Lebowski


Ein Spät-Hippie und Bowling-Freak gerät durch eine Verwechslung in eine haarsträubende Entführungsaffäre. Kultfilm der Coen-Brüder.


19.8., 20.30 Uhr, Sommerkino auf der Feinkost (OmU)

Victoria


Eine atemlose Nacht in Berlin, gedreht in einem Take. Vielfach ausgezeichnetes Bravourstück des deutschen Kinos. – Sommerkino im Rahmen des Schönauer Parkfestes »Einfach Anders«


19.8., 20.30 Uhr, Schönauer Park

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