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Nicht über den Brenner

Eine grandiose Spielerei: Wolf Haas’ erster Nicht-Krimi »Das Wetter vor 15 Jahren«

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal liest Micklitz’ derzeitiger Vertreter Benjamin Heine »Das Wetter vor 15 Jahren« – und möchte Wolf Haas dafür am liebsten die Goldene Luftmatratze für den besten Urlaubsroman aller Zeiten verleihen.

Ein Leben ohne Wolf Haas’ Romane ist möglich. Heißt es. Aber erwiesen ist es nicht und, ehrlich gesagt, riskieren würde ich es an deiner Stelle nicht, weil, pass auf: Wer schreibt markanter, witziger, spielerischer? Wer kann mit den Halbsätzen besser und überhaupt mit der Sprache? Wer spricht dich immerzu an? Eben. Praktisch Alleinstellungsmerkmal, wo du schon sagen musst: der Haas, also ja.

Für die meisten diente einer der acht Krimis um Simon Brenner als Haas-Einstiegsdroge, für mich war es vor 14 Jahren »Das Wetter vor 15 Jahren«. Keine Ahnung, wie damals das Wetter war. Aber dieses Buch mit der gelben Luftmatratze vorne drauf vergesse ich nie. Der Verlag Hoffmann und Campe veröffentlicht es im Herbst neu (leider ohne Luftmatratze), vermutlich, weil Haas im Dezember sechzig wird.

Aber hinein in diesen bemerkenswerten Roman: Vittorio Kowalski (dieser Name schon!) tritt bei »Wetten, dass..?« auf – für die jüngeren unter uns und die älteren mit Erinnerungslücken: »Wetten, dass..?« war eine Fernsehshow, in der »ganz normale Leute« sich und ihre völlig absurden Spleens vorführten, was sich dann zehn Millionen andere »ganz normale Leute« am Samstagabend zuhause ansahen. Hundert Fliegen mit dem Mund fangen, einen LKW auf vier leere Biergläser stellen. Was man halt so macht. Zwischendurch schrie Michael Jackson ein Lied und Veronica Ferres redete über ihren neuen Film. Und Haas’ Hauptfigur Vittorio Kowalski also kann nun das Wetter für jeden einzelnen Tag der letzten 15 Jahre eines österreichischen Bergdorfes aufsagen. Aber interessant: sowas lernst du natürlich nur, wenn du einen Grund hast. Und Vittorio hat einen Grund. Er war dort nämlich früher immer im Urlaub mit seinen Eltern – und verliebt in die Anni. Nachdem aber eines Sommers Annis Vater starb, fuhren die Kowalskis nie mehr nach Österreich. Und nun, nach Vittorios Fernsehauftritt 15 Jahre später, erhält er eine Postkarte von der Anni! Uiuiui.

Die Geschichte ist haastypisch unspektakulär mit spektakulären Wendungen – vor allem aber ist sie aufregend erzählt, nämlich in Form eines Interviews. Richtig gelesen, dieser Roman ist ein 224-seitiges Interview einer deutschen Journalistin (»Literaturbeilage«) mit dem österreichischen Autor (»Wolf Haas«) über dessen Buch »Das Wetter vor 15 Jahren«. Also ein fiktiver Roman, der genauso heißt wie der, den wir vor uns haben, geschrieben von einem fiktiven Autor, der genauso heißt, wie der, der diesen fiktionalen Roman verfasst hat, der in Interview-Form über den gleichnamigen Roman diskutiert, den es ja eigentlich gar nicht gibt. Was für ein herrliches Schwindelgefühl! Und was für eine Meisterleistung vom echten Wolf Haas, diese Geschichte, ihre Wendungen und Spannungsbögen sowie die Entwicklung ihrer Figuren uns in einem nie langweiligen Interview so zu verpacken, dass wir das Gefühl haben, dieses Buch, über das da 224 Seiten lang gesprochen wird, tatsächlich gelesen zu haben.

> Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren. Hamburg: Hoffmann und Campe 2006. 224 S., 14 € (Taschenbuch ab 7.10.)

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