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Zurück ins Dunkel

Die Kinostarts der Woche im Überblick

Zwei Männer auf Rennrädern fahren vor einem roten Auto Größeres Bild

»Tenet« beflügelt: Im Schatten des neuen Films von Christopher Nolan, auf dem nicht weniger als die Hoffnung einer ganzen Branche ruht, wagen sich erstaunlich viele sehenswerte Filmstarts in die Programmkinos.

Die herrliche Buddy-Comedy »The Climb«, Bettina Böhlers bewegender Dokumentarfilm über »Schlingensief«, das spannende Kinoexperiment »Die Rüden« oder die spanische Groteske »Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden« – sie alle sollen helfen, die Hemmschwelle zu überwinden und anregen endlich mal wieder ins Kino zu gehen. Die Gründe sind zahlreich und verdammt gut.

Film der Woche:
Mike und Kyle sind beste Freunde. Gemeinsam erklimmen sie die französischen Alpen auf ihren Rennrädern. Der sportliche Mike radelt voran, Kyle strampelt schweißgebadet hinterher. Als Mike seinem Kumpel allerdings beichtet, dass er mit dessen Verlobter Ava eine Affäre hatte, sich kurz darauf mit einem 2CV-Fahrer anlegt und im Krankenhaus landet, wo ihn Ava in seine Arme schließt – ist die Stimmung im Keller. Trotzdem verbindet Mike und Kyle ein seltsames Band, das so ein Ereignis nicht aus dem Tritt bringen kann. Das liegt zum einen an der gutmütigen Naivität Kyles, andererseits an Mikes Beharrlichkeit, wenn er etwa plötzlich bei der Hochzeit seines besten Freundes auftaucht, um ihn von der Ehe mit Marissa abzubringen. Basierend auf seinem Kurzfilm von 2018 erzählt der US-amerikanische Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Michael Angelo Covino von einer Männerfreundschaft, die durch Höhen und sehr, sehr viele Tiefen geht – und trotzdem überlebt. Dass »The Climb« so ehrlich und entlarvend ist, liegt dabei auch an der echten Freundschaft zwischen Covino und seinem Leinwandpartner Kyle Marvin, mit dem er auch das Drehbuch verfasste. So entstand eine Indie-Perle, die bekannte Motive der vertrauten Buddy-Comedy nimmt und mit frischen Ideen versieht. Ein herrlich trockener, mal tragischer, meist aber urkomischer Film, der beim Filmfestival in Cannes den »Coup de Coer« – den Preis der Herzen – in der wichtigen Nebensektion »Un Certain Regard« gewann.

»The Climb«: ab 20.8., Passage Kinos

Er fehlt. Das macht uns Bettina Böhlers Film einmal mehr bewusst. Vielfach arbeitete die Cutterin mit Christoph Schlingensief zusammen, dem Film- und Theaterregisseur, Autor und Aktionskünstler, der es auf einzigartige, manchmal schmerzhafte, aber immer ehrliche und engagierte Art und Weise vermochte, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Viel zu früh starb er mit 49 Jahren an Krebs. Nun ist er – oder zumindest seine sterbliche Hülle, wie er es selbst formulierte – bereits seit zehn Jahren fort und Böhler erinnert in ihrem ersten eigenen Film daran, welche Spuren er hinterließ. Sie erzählt die Vita des philanthropischen Tausendsassas mit dem Medium, das ihr vertraut ist: Dem Film. Angefangen von den ersten Heimvideos vor der elterlichen Garage, über Werke wie »Egomania«, »100 Jahre Hitler« oder »Das deutsche Kettensägenmassaker«, bis hin zu seiner Aktionskunst im Fernsehen, bei den Bayreuther Festpielen und im Herzen von Wien. Aus einem riesigen Fundus von Aufzeichnungen und Privataufnahmen montiert sie entlang seiner Filmographie. Dazwischen spricht Schlingensief offen und direkt über seine Kindheit, aber auch über die Vergänglichkeit. Was bleibt, ist ein bemerkenswertes Gesamtwerk, das Christoph Schlingensief hinterließ und Bettina Böhlers Dokumentarfilm uns noch einmal vor Augen führt. Und die Erkenntnis, dass die Gesellschaft kaum schlauer geworden ist, was den Schmerz seines Verlustes umso größer macht.

»Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien«: ab 20.8., Passage Kinos

Eine abgelegene Strafanstalt. Vier Straftäter. Drei Hunde. Die Männer: gewalttätige Kriminelle, weggesperrt von der Gesellschaft. Die Hunde: sozialgestörte, bisswütige Tiere, die eingeschläfert werden sollen. Gemeinsam mit Regisseurin Connie Walther (»Wie Feuer und Flamme«) hat die Tiertrainerin Nadin Matthews diese Versuchsanordnung geschaffen – und zwar in zweierlei Hinsicht: Für den Film und in der Realität. »Die Rüden« ist ein Spielfilm und doch werden die Insassen von echten Inhaftierten gespielt. Matthews übernimmt die Rolle der Lu Feuerbach, die Hund und Mensch einander näher bringt. Überwacht werden sie von zwei Aufsehern. Sie blicken von oben herab auf die betongraue Arena, die unsicher agierenden Häftlinge und die angsteinflößenden Tiere, die Birgit Gudjonsdottir in kunstvollen Zeitlupenaufnahmen einfängt. Nicht nur sie sind fasziniert von der Annäherung, von dem, was der Umgang mit den Hunden in den Männern bewirkt. Aus der Maßnahme, an denen sie anfänglich nur teilnehmen, um ihre Haftstrafe zu verkürzen, wird ein echter Ausweg aus der Gewaltspirale. Die Parallelen zwischen Mensch und Hund sind offensichtlich, wirken aber nie aufgesetzt. »Am Ende sind wir doch alle nur Hunde.«

»Die Rüden«: ab 20.8., Cinémathèque in der Nato, am Donnerstag, 20.8. in Anwesenheit von Cast und Crew

Der unzuverlässige Erzähler ist ein beliebtes Stilmittel in der Literatur, mit dem Spannung auf Kosten der Glaubwürdigkeit erzeugt wird. Aritz Morenos Regiedebüt ist voll von fabulierenden Figuren, die den Zuschauer immer wieder aufs Glatteis führen. Die Vorlage des spanischen Autors Antonio Orejudo Utrilla verschachtelt Geschichten in Geschichten, bis einem förmlich schwindelig wird. Die Struktur wirkt wie die eines Episodenfilms, in der Art des oscarnominierten »Wild Tales«, aber hier sind die Handlungsfäden unerwartet und geschickt miteinander verwoben. Ausgangspunkt ist eine zufällig wirkende Begegnung im Zug nach Madrid. Ein selbsterklärter Psycho-Doktor und die Frau eines Patienten treffen aufeinander. Er erzählt ihr von den Krankheitsgeschichten seiner Patienten, sie bringt ihre eigene mit, die zu diesem Punkt geführt hat und einen unerwarteten Ausgang nehmen wird. Utrillas Narration schlägt dabei zahlreiche Haken und man weiß nicht, wem man am Ende noch trauen darf. Am besten man lässt sich auf den absurden Figurenkosmos ein und genießt den Trip, der – wie man es vom spanischen Genrekino gewohnt ist – herrlich überdreht, geschmacklos und sehr sehr unterhaltsam ist. Moreno nutzt dafür alle Register des Mediums Film, zwei namhafte Hauptdarsteller – Louis Tosar (»Sleep Tight«) und Pilar Castro (»Julieta«) – und eine Vielzahl bekannter Gesichter in den Nebenrollen.

»Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden«: ab 20.8., Passage Kinos

Xhafer wurde im Kosovo geboren, lebt und arbeitet aber schon seit Jahren in Deutschland. Mit seiner Frau Nora hat er drei kleine Kinder. Nach und nach häufen sich in Xhafers Arbeitsumfeld beunruhigende Vorfälle. Er wird nicht über Raumänderungen bei Meetings informiert, muss wichtigen Unterlagen hinterherlaufen und wird immer wieder aufs Neue mit Ausgrenzung und Ablehnung konfrontiert. Das zieht irgendwann sogar Kreise bis ins Privatleben Xhafers, als eines Tages eine tote Ratte an seinem Gartenzaun baumelt und kurz darauf der Kinderwagen der Familie vor dem Haus in Flammen aufgeht.
Der ebenfalls aus dem Kosovo stammende Filmemacher Visar Morina (»Babai«) hat mit seinem zweiten Langfilm, der im Panorama der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere feierte, eine beunruhigende Sozialstudie geschaffen, die äußerst minimalistisch entwickelt ist und den Zuschauer zum genauen Beobachten einlädt. Sind es tatsächlich rassistische Hintergründe, die Xhafer das Leben schwermachen, oder liegen die Gründe für den Psychoterror ganz woanders? Sind die Ursachen für die Vorfälle am Ende vielleicht in Xhafers Charakter zu suchen, zumal sich der Mann auch selbst gerne als Opfer stilisiert? Mit einer vorzüglichen Darstellerriege ist es Visar Morina gelungen, die Befindlichkeiten und Sensibilisierungen von Migranten in Deutschland zu thematisieren und ihre Situation und Gedankenwelt mit Hilfe des Genres des Psychothrillers verständlich zu machen.

FRANK BRENNER

»Exil«: ab 20.8., Passage Kinos

Weitere Filmtermine der Woche

17. Kurzsuechtig Kurzfilmfestival
Das Kurzsuechtig zieht um, vom Frühjahr in den Sommer und von der Schaubühne in den Felsenkeller. Dort gibt es das gewohnt vielfältige Programm des mitteldeutschen Kurzfilmfestivals an fünf Tagen zu erleben. Präsentiert werden neben dem Wettbewerb Animation (19.8.), Fiktion (21.8.), Dokumentation (20.8.) und Experimentalfilm (22.8.) auch wieder den Wettbewerb für Filmmusik und Sounddesign am 22.8. im Felsenkeller. Zuvor wird der Kamerapreis im Luru verliehen (21.8.). Zum Abschluss gibt es ebendort am Sonntag noch einmal das Beste vom Kurzsuechtig 2020 zu sehen mit den Preisträgern der einzelnen Sektionen.
19.–22.8., Felsenkeller

Alfons Zitterbacke
Die DEFA-Verfilmung nach der gleichnamigen Kinderbuchreihe Gerhard Holtz-Baumerts.
20./21.8., 10 Uhr, 24./25.8., 15 Uhr, CT-Lichtspiele Taucha

Surf Film Nacht


In »Secrets of Desert Point« geht es wie so oft um die Suche nach der perfekten Welle. Mit Kurzfilm.


20.8., 20.30 Uhr, Sommerkino auf der Feinkost

World Taxi
In »World Taxi« steigt der Filmemacher Philipp Majer und mit ihm das Publikum in fünf Taxis rund um den Globus und lauscht den Geschichten der Chauffeure und ihrer Passagiere.


20.8., 20.30 Uhr, Schönauer Park

Dream Horse


Jan, eine Putzfrau und Barkeeperin, beschließt, in ihrem kleinen walisischen Dorf ein Rennpferd zu züchten. Als das Pferd heranwächst und Rennen um Rennen bestreitet, sehen sich Jan und die Leute aus dem Dorf mit der Renn-Elite konfrontiert. Feelgood-Pferdefilm. – Preview, Filmnächte Scheibenholz


21.8., 20.30 Uhr, Galopprennbahn Scheibenholz

Staßfurt – Windhoek


Der zeitgenössische Dokumentarfilm beschreibt den Abschied der namibischen DDR-Kinder von Staßfurt und ihre Ankunft und Situation in Windhoek/Namibia im Jahr 1991. – Globale
21.8., 20 Uhr, Grassi-Museum Leipzig

Zurück in die Zukunft
Im ersten Teil der überaus erfolgreichen Science-Fiction-Saga um Marty McFly und den zeitreisenden Professor Doc Brown geht es in die Vergangenheit.


21.8., 19.30 Uhr, Cineplex

Zurück in die Zukunft II


Zweiter Teil der überaus erfolgreichen Science-Fiction-Saga um Marty McFly und den zeitreisenden Professor Doc Brown mit einem Ausflug in die ferne Zukunft.
22.8., 19.30 Uhr, Cineplex

Zurück in die Zukunft III


Dritter Teil der überaus erfolgreichen Science-Fiction-Saga um Marty McFly und den zeitreisenden Professor Doc Brown. Diesmal geht es in den Wilden Westen.
23.8., 19.30 Uhr, Cineplex

Gundermann
Spielfilmbiografie über den ostdeutschen Sänger und Musiker Gerhard Gundermann. – Sommerkino im Rahmen des Schönauer Parkfestes »Einfach Anders«


22.8., 20.30 Uhr, Schönauer Park

Léon – der Profi


Luc Bessons Kultfilm mit Jean Reno als schweigsamer Killer und Natalie Portman in ihrem ersten Leinwandauftritt.


22.8., 21.15 Uhr, Pittstop Freiluftkino

972 Breakdowns – Auf dem Landweg nach New York
5 Menschen. 2,5 Jahre. 43.000 Kilometer. 972 Pannen – auf Motorrädern von Halle zum Big Apple. – Preview, Filmnächte Scheibenholz
23.8., 20.30 Uhr, Galopprennbahn Scheibenholz

Jean Paul Gaultier: Freak & Chic


Montage von Proben, Interviews und Atelierbesuchen während der Entstehung von Jean Paul Gaultiers »Fashion Freak Show« im Pariser Folies Bergère 2018. Der immer freundliche Modeschöpfer spricht über das gestreifte T-Shirt, das zur Haute Couture wurde, genauso wie über den Tüten-BH, den Madonna 1990 trug – viele Jahre, nachdem Gaultier seinen (rasierten und geschminkten) Teddybären mit einem ganz ähnlichen Model anzog.


23.8., 17 Uhr, Regina Palast

Der See der wilden Gänse


Unbarmherziges, meisterhaftes Genrekino aus Neonlicht und Schatten frisch vom Filmfestival in Cannes. Preview
24.8., 21 Uhr, Passage Kinos

La La Land



Wunderschöne Liebesgeschichte und gleichermaßen berauschende Hommage an die Traumfabrik in der Gestalt eines Musicals mit genau der richtigen Dosis Song & Dance.
24.8., 19.30 Uhr, Cineplex

Girls Love Double Feature


Anime-Special mit den beiden japanischen Coming-of-Age-Filmen »Kase-San and Morning Glories« und »Fragtime«.

25.8., 19.30 Uhr, Cineplex, 20 Uhr, Cinestar

Grüne Tomaten


Eine frustrierte Frau freundet sich in einem Altersheim mit einer alten Dame an, die ihr die dramatische Geschichte der ungewöhnlichen Freundschaft zweier Frauen erzählt und damit Mut macht, ihr Leben zu ändern. Stark gespielter, liebenswert-nostalgischer Film. – Kulinarisches Kino
25.8., 20 Uhr, Annalinde Gemeinschaftsgarten

Kirschblüten und rote Bohnen


Berührende, aber auch etwas betuliche Geschichte um zwei Einzelgänger, die durch die Fürsorge einer alten Dame aufblühen. – Kulinarisches Kino
26.8., 20 Uhr, Markthalle Plagwitz

Mr. Leather (OmU)


Doku über den Wettbewerb »Mr. Leather Brazil«. – Queerblick
26.8., 20 Uhr, Passage Kinos

Shorts Attack: Fisch liebt Vogel


Kurzfilmprogramm: 12 Filme in 86 Minuten. Tiere in außergewöhnlichen Lebenslagen.


26.8., 20 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Wo der Himmel aufgeht


Der Dokumentarfilm begleitet die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano und die Hiphop-Band »Microphone Mafia« auf einer Konzertreise durch Kuba. – Globale
26.8., 20 Uhr, Clara-Zetkin-Park/Nähe Anton-Bruckner-Allee

Butenland
Auf dem Hof Butenland dürfen Rinder im Kuhaltersheim ihren Lebensabend verbringen. Eine Alternative für die Nutztierhaltung. – Globale
27.8., 20 Uhr, Annalinde Gärtnerei Ost

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