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Der alte Mann und nichts mehr

Mit Gustav Mahler auf dem Sonnendeck: Robert Seethalers neuer Roman »Der letzte Satz«

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal liest Micklitz’ derzeitiger Vertreter Benjamin Heine »Der letzte Satz« – und hätte nichts gegen ein paar Sätze mehr.

Sigmund Freud…? Sigmund Freud…? Wer war doch gleich dieser Sigmu – ah, genau, richtig! Diesen Freud, den die Hauptfigur in Robert Seethalers neuem Roman besucht, kennt man bereits von anderswoher: nämlich aus einem von Seethalers früheren Romanen, aus dem später auch verfilmten »Der Trafikant«, in dem dieser Freud sogar eine deutlich größere Rolle spielt. In »Der letzte Satz« taucht er nur so kurz auf, dass er nicht mal zur Nebenfigur taugt – wie es überhaupt kaum eine andere als die Hauptfigur schafft, der Blässe des Statistendaseins zu entsteigen. Was an der übergroßen Hauptfigur liegen mag, die Gustav Mahler heißt. Ja, richtig, den kennt man auch von anderswoher.

Wir sitzen in diesem kleinen Roman nun aber nicht im Konzertsaal und lauschen und bewundern einen der berühmtesten Komponisten, Dirigenten und Operndirektoren der Welt. Nein, wir stehen mit ihm auf dem Sonnendeck eines riesigen Schiffes, das von New York nach Europa fährt. Auf dem Sonnendeck sind aber nicht Badehose, Cocktails und Sonnenschirm angesagt, sondern eisiger Wind, in den der todkranke und gekränkte Mahler seine blasse Nase hält. Die Stimmung ist also nur so mittel: »Doch hier gab es keine fliegenden Fische und auch keine Möwen. Es gab nur das Wasser und vierzigtausend Tonnen Stahl.«

Mahler versucht sich auf den Beinen zu halten und weil da nichts ist, denkt er an seine Arbeit, seine geliebte Frau und seine geliebten Töchter, an Wien und New York, an München und Paris: »Die Schwebeteilchen seiner Erinnerung wirbelten durcheinander«, aber Robert Seethaler gerät dabei nicht ins große Erzählen. Das Modellsitzen Mahlers bei Auguste Rodin (den Sie vielleicht auch von anderswoher kennen) oder Walter Gropius’ (dito) Liebesbrief an Mahlers Frau Alma, den er versehentlich an Gustav adressierte – Seethaler reißt nur an, womit man viele Seiten hätte füllen können.

Insbesondere in zwei Erinnerungen an Mahlers Töchter ist er aber ganz präsent, der so warmherzige Seethaler-Ton, der manchmal an Erich Kästner erinnert. Da erklärt Tochter Anna ihrem Vater, dass ihre Puppen ins Bett müssten, weil sie einen anstrengenden Tag hatten, einen anstrengenderen als er, der Komponist: »›Du bist nämlich ein durch und durch fauler und liederlicher Mann.‹« Und als Mahler im Spaß androht, noch liederlicher werden zu können, erwidert die Tochter: »›Ich weiß‹, sagte sie. ›Aber erst nach dem Essen.‹«

Mit der älteren Tochter Maria schwimmt Mahler einmal weit raus auf einem See: »Sie klebte wie ein Frosch an seinem Rücken, die Arme um seine Brust geschlungen, ihre Wange an seinen Nacken geschmiegt … und es kam ihm so vor, als wären sie beide die einzigen Menschen auf der Welt.« Ein Moment intensivsten Glücks auf dem See – und einer größter Sorge bei Mutter Alma am Ufer, zudem einer, der rückblickend nicht mehr ohne Marias Geburt (»Als hätte sie zur Begrüßung mit ihren winzigen Zehen gewinkt.«) und den Tod des Mädchens an Diphtherie erinnert werden kann. Das ganze Leben der eigenen Tochter auf nur drei Buchseiten.

Als Mahler nach der Uraufführung seiner 8. Sinfonie in München zwischen all den jubelnden Menschen Almas Gesicht nicht findet, schreibt Seethaler kurz und knapp: »Er war alleine mit dem ganzen Glück.« Hier oben auf dem eisigen Sonnendeck in »Der letzte Satz« ist er wieder alleine, keine Alma, keine fliegenden Fische, keine Möwen. Nur wir sind hier, aber das nützt dem Mann natürlich nichts.

> Robert Seethaler: Der letzte Satz. München: Hanser Berlin 2020. 126 S., 19 €

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