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Let‘s Dok

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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Auch nach 63 Jahren DOK Leipzig und 40 Jahen AG Dok führt der Dokumentarfilm im Osten der Republik ein Schattendasein.

Ein Grund dafür sind fehlende Strukturen. Einen ausführlichen Blick auf die Situation werfen wir im Oktoberkreuzer. Dann stellen wir die »AG DOK Ost« vor, die sich am »Let‘s Dok«-Tag offiziell formieren will. Um Aufmerksamkeit für den Dokumentarfilm zu schaffen, gibt es an diesem Tag bundesweite Aktionen. Informationen dazu unter letsdok.de

»Let‘s Dok«: 19.9., u.a. Kinobar Prager Frühling, Open Air in der Spinnerei

Film der Woche:
Die für Jean-Luc Godards „Außer Atem“ gefeierte französische Schauspielerin Jean Seberg will nach einigen Flops 1968 noch einmal ihr Glück in den USA versuchen. Dabei lernt die freigeistige Stilikone den schwarzen Aktivisten Hakim Jamal kennen. Obwohl beide verheiratet sind, beginnen sie eine Affäre miteinander, was dem FBI in die Hände spielt, das zu jener Zeit massiv gegen Funktionäre der Black-Power-Bewegung ermittelt. Seberg treiben die behördlich angeordnete Schmutzkampagne und ihre nicht ernst genommene Angst vor Bespitzelung in Sucht, Depression und Tod. Als klassisches Und-dann-und-dann-und-dann-Biopic funktioniert der Film von „Una und Ray“-Regisseur Benedict Andrews nur bedingt, von der US-Kritik wurde er deshalb trotz Kirsten Stewarts herausragender Seberg-Verkörperung seltsamerweise in der Luft zerrissen. Dabei greifen die Kollegen aber viel zu kurz, ist der erschütternde Mix aus Momentaufnahme und Psychostudie doch nicht nur das ungewöhnliche Porträt einer selbstbewussten, progressiven Frau, der ihre Berühmtheit zum Verhängnis wird, sondern auch eine höchst aktuelle Warnung vor systematischen Bürgerrechtsverletzungen durch überwachungsstaatliche Institutionen.

PETER HOCH

»Jean Seberg – Against All Enemies«: ab 17.9., Passage Kinos

Es steht schlecht um die Menschheit. Selbst Roy Andersson, Meister der Absurditäten des Lebens, kann dem Zustand der Welt immer weniger Schmunzelnswertes abgewinnen. Noch immer vermag es der schwedische Regisseur zu verblüffen und verwirren. Nach dem gut aufgelegten »Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach« sinniert er in seinem neuen Film »Über die Unendlichkeit«. Eine Reflexion über das menschliche Leben in all seiner Schönheit und Grausamkeit, seiner Pracht und Banalität. Es sind Beobachtungen der menschlichen Natur, die Andersson antreiben und ein erbarmungswürdiges Bild abgeben. Liebe, Glaube, Krieg und Verletzlichkeit, in einem Moment berührend, im nächsten irritierend und schmerzhaft. Ein Mikrokosmos der Skurrilitäten, zusammengehalten durch die Stimme einer Frau, die jeder Szene eine Überschrift gibt. Wie gewohnt inszeniert Andersson wortkarg und kulissenhaft. Die Farben sind reduziert, Grau und Beige dominieren. Das Erzähltempo ist langsam, die Szenen sind lang und ihr Sinn erschließt sich nicht immer auf Anhieb. Auch wenn hier und da Lichtstrahlen durch den aschgrauen Himmel fallen, ist Andersons Blick ein grimmiger. Aber trotzdem trifft er immer einen Punkt tief in der menschlichen Seele des Betrachters. Da wirkt es fast entschuldigend, wenn eine seiner Figuren gegen Ende in die weihnachtliche Kneipe fragt: Aber ist es nicht doch irgendwie alles fantastisch?

»Über die Unendlichkeit«: ab 17.9., Passage Kinos, Schauburg, Kinobar Prager Frühling

Der Kampf der USA gegen die Taliban in Afghanistan ist einer der blutigsten und längsten Kriege der jüngeren Geschichte. Kein Wunder, dass es so wenige filmische Adaptionen des Konflikts gibt, eignet er sich doch nicht für die sonst übliche Heldenverehrung des US-Kinos. Filme wie »Operation: 12 Strong« und »Lone Survivor« sind dann auch eher Zeugnisse von misslungenen Operationen, aus denen es gilt, irgendwie lebend heraus zu kommen.

Auch der auf wahren Begebenheiten beruhende »The Outpost« basiert auf Fehlentscheidungen der Heeresführung. Die hielt es für eine clevere Idee, den Außenposten Camp Keating im Norden Afghanistans zu halten. Die US-Soldaten sollten dort Kontakt zu den Zivilisten herstellen, um gemeinsam mit ihnen die Taliban zu bekämpfen. Doch die Kommunikation mit dem Ältestenrat ist schwierig und immer wieder schließen sich Bewohner des Dorfes dem Feind an, spionieren das Camp aus oder liefern sich Schlachten mit der Einheit. So steht das Platoon ständig unter Beschuss und nie ist wirklich klar, wem man trauen kann.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Basis mitten in einem Tal des Hindukusch liegt. Zu allen Seiten erstrecken sich Berghänge. Die Soldaten sind am Boden des Kessels gefangen, ohne Hoffnung auf Verstärkung. Eine Katastrophe mit Ansage. So ist es kein Wunder, dass die dort stationierten Soldaten sehnsüchtig darauf warten, dass das Camp aufgelöst wird und sie nach Hause zurückkehren können. Stattdessen kommt immer wieder Nachschub für die Gefallenen. Als Ty Carter (Caleb Landry Jones) und seine Einheit von Frischlingen im Tal landen, geht es ihm wie jedem, der zum ersten Mal das Tal betritt: Die Augen weit aufgerissen, den Kopf im Nacken, wandert der Blick ungläubig den Hang hinauf bis zu den hoch oben liegenden Serpentinen, von denen der Feind kommen wird.

Die Tage sind erfüllt mit Mannbarkeitsriten und Gesprächen über die Heimat – alles, was die Einheit aufrecht hält. Zwischendrin immer wieder die unvermittelten Angriffe, die immer wieder Opfer fordern. So herrscht auch auf der Führungsebene ein Kommen und Gehen und die Frage nach dem Sinn der Mission wird immer lauter, geht jedoch meist im Lärm des Kugelhagels unter. Regisseur Rod Lurie („Die letzte Festung“) zeichnet ein ernüchterndes Bild einer Himmelfahrtsmission. Seine Absicht ist es, den gefallenen Soldaten eine letzte Ehre zu erweisen. So sind ihre Namen zu lesen, wenn sie das erste Mal ins Bild treten, und auch noch der Abspann wird bemüht, ihre Geschichte möglichst authentisch wiederzugeben.

Die Übersicht bei der Vielzahl an Figuren, von denen man nicht weiß, ob sie die nächste Szene überleben, zu behalten, ist jedoch eine Herausforderung, die man relativ schnell ruhen lässt. Zwischenmenschliches geht im Kugelhagel unter, zumal die Dialoge meist rudimentär sind. Kameramann Lorenzo Senatore („Hellboy – Call of Darkness“) sorgt mit langen Kamerafahrten für intensive Eindrücke in der letzten Schlacht. Wirklich im Gedächtnis bleiben nur Scott Eastwood als zweifelnder Offizier und Caleb Landry Jones („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) als Frischling, durch dessen Augen der Wahnsinn des Krieges spürbar wird.

»The Outpost«: ab 17.9., Cineplex, Regina Palast

 

Weitere Filmtermine der Woche

Kurzfilmwanderung »natürlich«
Kurze Filme an der frischen Luft: Los geht es am 17.9. in der Frauenkultur und am 13.9. im im Theater-Biergarten »PandeManfred« am Neuen Schauspiel. – 17.9., 21.15 Uhr, Frauenkultur

Rote Räte
Im Jahr 1918 wurde in Deutschland der Ruf nach einer besseren Gesellschaft unüberhörbar laut. 60 Jahre später hat der Regisseur Augenzeugen der Münchener Räterepublik nach ihren Erlebnissen und Einschätzungen befragt. – Globale – 17.9., 20 Uhr, Felsenkeller

Chichinette
Wie ich zufällig Spionin wurde – die bisher unbekannte Geschichte einer französisch-jüdischen Spionin, Marthe Cohn – alias Chichinette. Am 18.9. in Anwesenheit der Regisseurin Nicola Alice Hens. – 18.9., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Uta
Im Mutterleib für tot erklärt, kam Uta Pilling ganz ohne Reflexe auf die Welt. Erst mit neun Monaten war sie vollständig reaktionsfähig. Das war ihr Eintritt ins Leben. Es ist ein steiniges Leben, über das sie uns erzählt. Das Porträt einer Straßenmusikerin, die uns begreifbar macht, dass Glücklichsein kein Zustand, sondern eine Fähigkeit ist. – 19.9., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling, 20Uhr, Open-Air-Kino in der Spinnerei

Kurzfilmprogramm zum Internationalen Tag gegen Rassismus
Sechs Kurzfilme u. a. aus Deutschland, Schweden und Dänemark, die sich auf unterschiedliche Weise mit Alltagsrassismus auseinandersetzen. – 20.9., 20 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Eine Nacht im Louvre
Dokumentarische Privatführung durch die Leonardo-da-Vinci-Ausstellung im Louvre.
 –
 22.9., 20 Uhr, Cinestar

I am not your negro
Ein aufrüttelndes, oscarnominiertes dokumentarisches Essay über die Situation von Afroamerikanern in den USA, von der Zeit der Sklaverei bis zu den Unruhen in Ferguson 2014. – Flimmergarten – 23.9., 19 Uhr, Grassi-Museum für Völkerkunde

Ji bo Azadiyê – The End will be spectacular
Nach dem Tod ihres Bruders durch die ISIS kehrt Zilan zurück in ihre Heimatstadt, bereit, sich gegen das Terrorregime zur Wehr zu setzen. – 23.9., 21 Uhr, Ost-Passage Theater (OmU)

River Blue
Die Dokumentation zeigt Ursachen und Auswirkungen der Zerstörung der Flüsse und macht gleichzeitig auf mögliche Lösungen aufmerksam. Kann die Modeindustrie sich ändern? – Globale im Rahmen der Fairen Modewoche – 23.9., 20 Uhr, Neues Schauspiel Leipzig (OmeU)

Sarita
Sarita ist 13 Jahre alt und wurde im nepalesischen Flüchtlingscamp Khudunabari geboren. Mittlerweile leben dort mehr als 100.000 Flüchtlinge aus Bhutan. Nun sollen sie umgesiedelt werden. – zum Internationalen Tag gegen Rassismus 

23.9., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Unzertrennlich
Geschwisterkinder haben eine ganz besondere Beziehung zueinander. Doch was ist, wenn ein Bruder oder eine Schwester lebensbedrohlich erkrankt oder eine Behinderung hat, die vielleicht kein langes Leben in Aussicht stellt? – Filme vom Abschied

 23.9., 18.30 Uhr, Passage Kinos

Zero
Science-Fiction-Trash-Groteske mit Udo Kier: Wir befinden uns im Jahr 2018 und erleben die Geschichte eines Imkers, der zum Terroristen wird, weil seine Bienenkolonie durch verschiedene schädliche Umwelteinflüsse dahingerafft wird. – Globale – 24.9., 20 Uhr, Heizhaus

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