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Das Elend des Lokaljournalismus

Die LVZ mag keine Vorverurteilung – wenn es um den Ministerpräsidenten und die Polizei geht. Ein Kommentar

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Für vorsichtige Berichterstattung ist die Leipziger Volkszeitung (LVZ) nicht bekannt. Meinungsstark ist da auch die angeblich pure Berichterstattung, wenn es den Autorinnen ins Bild passt. Tritt der sächsische Ministerpräsident mit einer offenkundigen Lüge an die Öffentlichkeit, gibt sie das Lokalblatt ungefiltert und ohne Einordnung wieder. Das sei das Gebot der Neutralität.

Dass sich Michael Kretschmer auch bei heikelsten Angelegenheiten schützend vor die sächsische Polizei stellt, ist nicht neu. Als Polizisten vor gut zwei Jahren in Dresden ein Kamerateam 45 Minuten festsetzten und von der Arbeit abhielten – Stichwort Pegizei und Hutbürger –, konnte er nur »seriöse« Beamte am Werk erkennen. Wenn nun ein Polizist in Dresden Demonstranten mit Schusswaffeneinsatz droht und die Hand bereits zur Pistole greift, erfüllt der Mann für Kretschmer auch nur seine Pflicht. Er sei umzingelt worden, darum konnte der Polizist gar nicht anders, erklärte Kretschmer. Dass zahlreiches Foto- und Videomaterial von der Szene diese Beschreibung als falsch offenbaren, muss den Ministerpräsidenten nicht stören. Wir sind in Sachsen, da stolpert man nicht über solche Lappalien wie dem Belügen der Öffentlichkeit.

Umso mehr wären die Medien in der Pflicht, als vierte Gewalt besonders genau hinzuschauen und den Regierenden – wenn nötig – auf die Finger zu hauen. Aber einmal mehr erfüllt die LVZ diese Rolle nicht. In einem Artikel mit der unfreiwillig komischen Überschrift »Polizist bedroht Demonstranten: MP Kretschmer verteidigt Beamten, die Antifa widerspricht« gibt sie Kretschmers Position wieder, ohne diese einzuordnen. Das wäre mit Verweis auf das Bildmaterial mühelos möglich gewesen: Man sieht den Polizisten vor Demonstranten, die in einer Reihe stehen und ihn eben nicht umringen. So steht die Stimme des Ministerpräsidenten gleichberechtigt neben jenen, die ihn für die Falschdarstellung kritisieren. Nach Kritik von Leserinnen versucht sich die LVZ hinter dem Strohmannargument des Neutralitätsgebots zu verstecken. Kritik an der Position Kretschmers sei »Meinung«, die in einem »sachlichen Beitrag« nichts zu suchen habe, so kommentiert die Zeitung auf Twitter. Ganz so, als ob der journalistische Auftrag darin besteht, ein Mosaik aus Pressemitteilungen zu puzzeln. Dass im besagten Artikel die Aussagen der Polizei gerade mit Bezug auf das Bildmaterial relativiert wird, ficht sie dabei nicht an. Den Unterschied zwischen der Einordnung von Tatsachen (»Polizei sagt ›A‹, Bilder zeigen ›B‹ – da ist ein Widerspruch«) und der Kommentierung (»ein Skandal, dass das Videomaterial nicht der Polizeipressemitteilung entspricht«) unterschlägt die LVZ einfach. Dabei ist Einordnung die ureigenste Aufgabe von Journalismus.

Besonders aufschlussreich ist der Hinweis der LVZ, Bewertungen nur nach abgeschlossenen Gerichtsverfahren treffen zu können: »denn um jemanden der Lüge überführen zu können, müsste eine übergeordnete Instanz dies feststellen. Ein Richter ist hier aber bisher nicht zum Einsatz gekommen, also bleibt es bei der Vermutung.« Das ist übrigens das Medium, das immer mal wieder ungefiltert die AfD zu Wort kommen lässt, oder ohne Faktencheck eine Unternehmerin über Hartz-IV-Empfänger Vorurteile verbreiten lässt und sich bei bestimmten Delikten wie dem Brand von Baukränen ganz sicher ist, wer die Täter waren. Neutralität und Sachlichkeit sind bei der LVZ offensichtlich auch nur eine Frage der Meinung.

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