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Schluss mit Standard

»You don't own me« hinterfragt Geschlechterrollen im Paartanz

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Am Lofft beschäftigt sich das Performancekollektiv CHICKS* mit dem Paartanz und den darin eingeschriebenen Vorstellungen von Gesellschaft. In ihrer Performance »You don’t own me« nehmen sie Geschlechterrollen auseinander und suchen nach Konsens in der Begegnung im Tanz – eine willkommene Gelegenheit, die Perfomance aus zwei verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Rollen(dis)tanz

Der Raum ist dunkel. Ein kleiner Kronleuchter spendet diffuses Licht. An den Wänden ranken sich Lichterketten, während eine Melodie leise, doch eingängig, spielt. Ein junges Paar bewegt sich langsam kreisend. Hände auf Hüften, Arme auf Schultern. Eng umschlungen tanzen sie, für sich, für sie, für einander. »Herzlich willkommen, zu unserem Ich-werde-dir-nicht-gefallen-Abend, zum Tanzen-auf-Distanz-Ball. But this is not another teenage movie!«

In den folgenden 70 Minuten führen Franziska Heitkötter, Simone Ehlen und Thordis M. Meyer als Teil von CHICKS* Freies Performancekollektiv durch den Abend. »You don’t own me« ist ein Suchen und Finden von Hetero-Codes, Geschlechterklischees, Stereotypen. Bist du der oder die Schöne? Das Biest? Führst du oder möchtest du lieber geführt werden?

Was folgt sind Passagen, die allen Zuschauerinnen wohlbekannt vorkommen. Da sind kleine Mädchen in pinken Tutus. Sie tanzen an einer Stange, haben die Haare streng nach oben gebunden, während sie unentwegt lächeln. »I love to being lovely.« Kleine Prinzessinnen, Schätzchen. »So cute.«

In einer Fingerübung werden die Besucherinnen schließlich selbst zu Teilnehmerinnen: Foxtrott, Standardtanz. Eins, zwei, tap. Eins, zwei, tap. Eins, zwei, tap. Erinnerungen an Tanzstunden kommen hoch. Kontakt, Körperlichkeit, Aktion und Reaktion. Anspannung, Aufregung, Verdrängung? »Ich soll so sein, wie du dir es von mir vorstellst. Elegant, sexy, klug, erfolgreich, redegewandt, selbstbewusst. Doch ich lasse mich nicht von dir dominieren. No, I stay.«

Es sind jene Brüche, die den Tanz durch Klischees wiederkehrend kontrastieren. Es gibt nicht jenes oder dieses Bild, nicht Schwarz oder Weiß, sondern das Dazwischen. Farbenfroh, lustig, elegant und sexy zugleich. Die CHICKS* sind der Inbegriff dessen. Nicht Mann, nicht Frau, keiner Rolle und keinem Klischee verhaftet. Tanz ist bei »You don’t own me« eine Projektion. Also arbeiten wir daran, ihr eine andere Fläche zu geben. Wollen wir tanzen?

PHILIPP KÖHLER

Das Politische in der Bewegung

Man stelle sich folgende Szene in der Tanzschule vor: Der Abschlussball steht bevor und heute soll der Foxtrott gelernt werden. Die Tanzlehrerin setzt sich vor versammelter Runde auf eine Hollywood-Schaukel, bittet die Teilnehmenden, es sich auf ihren Stühlen bequem zu machen und die Hände auf den Oberschenkeln zu platzieren. Man stelle sich nun auch vor: Wenn man Zeige- und Mittelfinger auftstellt, bilden sie einen Tänzer – und los geht die Tanzstunde: Eins, zwei, tap!

Willkommen zum Ball, den so wohl niemand hatte: Dem »Heute-übernehme-ich-die-Leitung-Ball«, dem »Schaut-her-ich-bin-hier-Ball« oder dem »Ich-benutze-kein-Pronomen-nenn-mich-beim-Vornamen-Ball« – der chickitistische Tanztee des freien Performance-Kollektivs CHICKS* macht es möglich. In verschiedenen Szenen lassen die drei Performerinnen die Zuschauenden an ihren eigenen Paartanzerfahrungen teilhaben und rechnen dabei auch gleichzeitig mit den damit verbundenen Rollenzuschreibungen ab, die sie so hart erlernt haben: Eine Cinderella mit Ballkleid und hochhackigen Schuhen zu sein, umringt von Disney-Pferden und Leuchtstäben.

Wenn Simone beispielsweise alleine auf der Bühne steht und anfängt, die Hüften langsam kreisen zu lassen, die Arme in die Luft bewegt, wie damals beim Tanzen am Wochenende mit den Freunden, da scheint alles so harmlos, so schön – verkehrt sich jedoch schnell ins Gegenteil als Sebastian den Tanz übernimmt: »Du drehst und rüttelst mich herum. Mir wird schwindelig. Du willst mich lenken und die Richtung bestimmen. Ich soll mich deiner Führung hingegeben.« Was damals schon komisch war, aber irgendwie normal schien, wird nun zu dem, was es eigentlich schon immer gewesen ist – etwas Politischem. In jedem Schritt und in jeder Bewegung des Tanzes lassen sich die Machtverhältnisse ablesen.

Ist der Abschlussball alternativlos? Von wegen! CHICKS* brechen in jedem Detail mit den klischeehaften Geschlechtervorstellungen, tragen kurze Haare, lange Haare, Bärte, Westen, Röcke, Hosen, Glitzer und Pomp – in einer Person. Wer richtig Lust zu tanzen hat, darf das tun – aber warum nicht mal nachfragen, ob man den Unterarm berühren darf, die Wangen aneinander legen oder aneinander schnuppern darf? Es wird Zeit für einen neuen Abschlussball.

ANNA HOFFMEISTER

»You don't own me«: 26.09., 20 Uhr & 27.09., 18 Uhr, Lofft

http://www.lofft.de
http://www.chicksperformance.de

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