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Editorial 10/20

Das neue Heft ist da!

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Viel wurde geschrieben über die Währungsunion vor 30 Jahren. In diesem Heft hat die Soziologin Yana Milev ein paar Thesen dazu formuliert, die es in sich haben. Was sonst noch so los war und wie es sich für Torsten Schultze anfühlt, Polizeipräsident der »Hauptstadt des linken Terrors« zu sein, erfährt man in der aktuellen Ausgabe des kreuzer.

Nach 30 Jahren kommen die Historiker, sagt man. Es ist die Zeitspanne, nach der ein großes historisches Ereignis beginnt, Geschichte zu werden, und aufgearbeitet werden kann. Am 3. Oktober jährt sich der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland zum dreißigsten Mal und na ja, dann kann es jetzt ja los gehen.

Die Währungsunion 1990 war eine neoliberale Schockstrategie, um die Wirtschaft in Westdeutschland anzukurbeln. Die sogenannte Wiedervereinigung, also der Beitritt der DDR zur BRD, ist eine neoliberale Landnahme gewesen, mithilfe der ebenso neoliberalen Taktik des »Regime Change«. Die letzte Volkskammerwahl am 18. März 1990, bei der das Ende der DDR praktisch besiegelt wurde, war völkerrechtswidrig, weil der Wahlkampf des späteren Siegers, der »Allianz für Deutschland« auf dem Gebiet der DDR aus dem Ausland (BRD) gesteuert und von dort massiv finanziert und beeinflusst wurde. Die Folgen dieser Vorgänge im Jahr 1990 hatten kriegsähnliche Auswirkungen auf die Bevölkerung der DDR: ein Ausbluten durch massive Abwanderung, Zerstörung der industriellen Infrastruktur, nahezu kompletter Austausch der Eliten in Justiz, Verwaltung, Kultur, Medien und Bildung, weitgehende Verarmung durch Arbeitslosigkeit, niedrigere Löhne, tariflose Arbeit; verbreitete Traumatisierung einer ganzen Bevölkerung, die sich in einem Geburtenschock, dauerhaft erhöhter Sterberate, stillen Selbstmorden und erhöhtem Substanzmissbrauch bis heute äußern. Das alles sind Thesen der Soziologin Yana Milev, die – in Leipzig geboren und aufgewachsen – inzwischen an der schweizerischen Universität St. Gallen zum Thema Ostdeutschland forscht. Es sind teilweise harte Worte und eine wahre Liste des Schreckens, die Milev in unserem Titeltext zum Jahr 1990 und seinen Folgen ab Seite 14 auspackt.

Aber es gibt eben auch eine Menge verrückter Geschichten zu erzählen über diese Wiedervereinigung. Man sollte neben dem Jubel und allem Schönen, das mit ihr kam, in Zukunft noch einmal neu auf das blicken, was schiefgelaufen ist, und sich auch nicht scheuen, die dafür verantwortlichen Mechanismen und Personen zu benennen. Das wird hart für die alte Bundesrepublik und ihren Mythos der »Deutschen Einheit«, aber eine schonungslose Aufarbeitung ist vielleicht eine große Chance für die Zukunft. Denn was die Macher der 89er-Revolution in der DDR vor allem umtrieb, war der Traum von einer besseren Welt. Und den muss man ja auch heute nicht unbedingt ad acta legen.

Ich jedenfalls war 1990 elf Jahre alt und habe mich tierisch darüber gefreut, endlich Haribos, Coladosen und Lustige Taschenbücher kaufen zu können. Dass es noch einen anderen Weg gab, hat mich damals wenig interessiert. Die Alternative zur Wiedervereinigung war aber nicht das Fortbestehen des Stasi- und SED-Staates DDR. Sondern es war die Idee von einem demokratischen Industrieland mit starker sozialer Grundströmung und einem hohen Anteil gemeinschaftlichen Eigentums, voller gebildeter Menschen. Und das, so war es beispielsweise der Plan des französischen Präsidenten François Mitterrand, als Musterland in die Europäische Union (damals noch EG) aufgenommen werden würde. In einem Interview in dem – übrigens sehr empfehlenswerten – Buch »Das Jahr 1990 freilegen« aus dem Leipziger Verlag Spector Books befragt der Autor Alexander Kluge den an der Organisation des Beitritts beteiligten Unternehmensberater Roland Berger zum Thema unabhängige DDR als Teil Europas. Berger: »Man hätte mit Sicherheit profitiert von Subventionen aus Brüssel, wie es auch Polen, Tschechien und Ungarn tun.« Kluge: »Man hätte wahrscheinlich sogar mehr bekommen als Vorzeigeland.« Berger: »Natürlich. Schon allein, weil die ganzen europäischen Staatsmänner froh gewesen wären, nicht mit diesem großen, wiedervereinigten Deutschland konfrontiert zu sein.« Kluge: »Da hätten sie viel dafür bezahlt.« Berger: »Da hätten sie viel für bezahlt, das ist so.«

Wenn Sie Milevs Text geschafft haben, empfehle ich einen Blick in unser Interview des Monats, wo Aiko Kempen und Edgar Lopez den Leipziger Polizeipräsidenten Torsten Schultze befragen. Und gucken Sie unbedingt auch in unsere beiden Beilagen hinein: das kreuzer-Uni-Heft u:boot und die Spezialausgabe unseres Gastro-Guides Leipzig Tag & Nacht, die beide diesem kreuzer gratis beiliegen.

Eine spannende Lektüre wünscht
ANDREAS RAABE

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