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Expedition ins Sperrgebiet

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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Auch wenn in Leipzig die Sonne noch scheint, der Herbstanfang ist nicht mehr zu verleugnen. Das ist vielleicht auch ein Grund mal wieder ins Kino zu gehen.

Die Zone – das Sperrgebiet mit den großformatigen »Betreten verboten«-Schildern. Ein Ort der Einöde im Äußeren wie Inneren. In diesem Niemandsland tummeln sich die Filme, die die Schaubühne Lindenfels für ihre Sonderreihe im Oktober ausgesucht hat. Kein schöner Ort. Vier Filme dokumentieren die Zerstörung der Umwelt und die damit einhergehende Verödung der Innenwelt. Darunter ist auch Eduard Burtynskys Werk »Epoche des Menschen«.
Ab 1.10., Schaubühne Lindenfels

Film der Woche: »Niemals selten manchmal immer« – Das sind die Entscheidungsmöglichkeiten, die  Autumn (Sidney Flanigan) in einem Fragebogen der Abtreibungsklinik in New York geboten werden. Die Fragen sind direkt. Die Antworten entlarvend. Am Ende muss sie die Entscheidung ganz alleine treffen. Der Weg hierher aus dem ländlichen Pennsylvania war ihre erste. Die 17-jährige musste ihn nicht alleine gehen, ihre kaum ältere Cousine Skylar (Talia Ryder) hält zu ihr. Den letzten Weg muss sie jedoch mit eigener Kraft bestreiten.

Autumn ist allein. Wenn sie zu Beginn auf der Bühne ihrer Highschool steht, mit der Gitarre in der Hand bei einem Talentwettbewerb und ein Mitschüler aus der Dunkelheit des Saals heraus »Schlampe« ruft. Sie ist allein, wenn sie inmitten ihrer Familie im Diner sitzt und jeder nur mit sich selbst beschäftigt ist. So kann sie sich auch zunächst niemandem anvertrauen, als sie einen Schwangerschaftstest macht, der positiv ausfällt. Ihrer Cousine Skylar, die mit ihr an der Kasse eines Supermarkts arbeitet und die Avancen des schmierigen Chefs selbstbewusst kontert, kann sie es jedoch nicht verheimlichen.

Skylar gibt ihr Kraft und steht ihr bei, als sie sich entschließt, mit dem Bus nach New York zu reisen. Dort kann sie einen Schwangerschaftsabbruch ohne Einverständnis ihrer Eltern durchführen lassen. Die Stadt überwältigt die beiden jungen Frauen ebenso wie die Abläufe in den Schwangerschaftskliniken. Das Geld ist knapp und kaum jemand begegnet ihnen mit Freundlichkeit und Verständnis. Der Beginn einer langen Nacht, an deren Ende eine Entscheidung steht.

Ohne zu kommentieren, erklären oder zu werten begleitet Regisseurin und Drehbuchautorin Eliza Hittman (»Beach Rats«) ihre beiden Protagonistinnen. Es geht ihr nicht um die moralisch richtige Entscheidung. Sie dokumentiert mit Distanz und kommt ihren Figuren dennoch nahe – und damit auch all jenen, die jung sind, allein und missverstanden. Ihre Geschichte erzählt sie mit fein nuancierten Blicken, Gesten und Reaktionen. Eine Entdeckung ist dabei vor allem Hauptdarstellerin Sidney Flanigan, die hier zum ersten Mal vor der Kamera steht.

»Niemals selten manchmal immer« ist ein rares Juwel des Independent-Kinos. Eine ähnliche Entdeckung wie Debra Graniks »Winter‘s Bone« vor zehn Jahren. Auch Eliza Hittmans Film debütierte in Sundance und gewann den Spezialpreis der Jury und den Silbernen Bären der diesjährigen Berlinale.

»Niemals Selten Manchmal Immer«: ab 1.10., Passage Kinos

Ohne Zweifel war Rainer Werner Fassbinder einer der produktivsten und innovativsten Regisseure Deutschlands, nicht nur in der Zeit des Neuen Deutschen Films. Oskar Roehler hat ihm mit »Enfant terrible« ein etwas anderes Biopic gewidmet, das weniger den Stereotypen des Genres folgt, als vielmehr ganz in der Tradition der Filmarbeiten Fassbinders angelegt ist. In stilisierten Studiokulissen zeigt uns Roehler einen egomanischen Kreativen (sensationell verkörpert von Oliver Masucci), der in den späten 1960er Jahren im Münchener Action-Theater erstmals auf sich aufmerksam macht. Schon bald folgen erste Filme, realisiert mit seinen Theatermitstreitern, zu denen u.a. Kurt Raab und Hanna Schygulla (im Film aus rechtlichen Gründen Martha genannt) zählten, und die durch Fassbinder weltbekannt wurden. Privat litten sie jedoch häufig unter den sadistischen Anwandlungen des Autors und Regisseurs, der auch privat mit vielen Problemen zu kämpfen hatte und von etlichen Drogen abhängig war, die seinem Leben schließlich ein frühes Ende setzten. Roehler konzentriert sich hier überwiegend auf den privaten Menschen Fassbinder, was bei weniger gut informierten Fans einige Illusionen zerstören dürfte. Doch er kommt damit dem Phänomen Fassbinder und dessen sehr spezieller Arbeitsweise unglaublich nahe, was durch ein grandioses Casting weiter unterstrichen wird. Eine faszinierende Nabelschau auf das ausbeuterische Verhalten eines kreativen Genies.

FRANK BRENNER

Auch weiße Schafe können schwarze Lämmer kriegen – Ines‘ Frage nach ihrer Hautfarbe wird einfach abgetan. Sie wächst in den Sechzigern in einer weißen Familie in der DDR heran, ohne zu erfahren, wo sie herkommt. Erst viele Jahre später findet sie zufällig heraus, dass ihr Vater ein Student aus Westafrika war. Ihre Mutter hatte eine Affäre. Ihr Mann war abwesend, leistete den Dienst an der Waffe. Als er zurückkehrte war sie schwanger. Der Antrag auf eine Abtreibung wurde abgelehnt, also schickte man Ines ins Heim. Für ein Jahr, dann kehrte sie in die Familie zurück und niemand sprach ein Wort über das Vergangene. Doch tief im Inneren hat Ines diese Zeit geprägt. Das Wissen, anders zu sein, ohne dafür eine Erklärung zu haben, verwirrte sie. Hinzu kam alltäglicher Rassismus, mit dem sich auch viele andere konfrontiert sahen, die wie sie anders waren. In ihren Zwanzigern begab sich Iris auf Spurensuche und fand ihren Vater. Nun, Jahre später, verfolgt sie diesen Weg und dokumentiert ihn. Sie stellt ihren Ziehvater zur Rede, reist in die Heimat ihres biologischen Vaters. Vieles ist jetzt, mit dem Abstand der Jahre, leichter auszusprechen. Für den Betrachter wirkt es dadurch aber auch weniger dringlich. Die erneute Reise und der Film, der dabei entstand, sind eher Teil einer Verarbeitung, die im Inneren der Filmemacherin stattfindet. Einige Gespräche wirken unwichtig oder unzugänglich, der Blick beengt.

»Becoming Black«: ab 1.10., Cinémathèque in der Nato, am 4.10. im Anschluss Regiegespräch

 

Weitere Filmtermine der Woche

Ich war neunzehn
Konrad Wolfs eigenes Kriegstagebuch bildete die Grundlage für diesen Film, der viele Gespräche auslöste. Die historische und biografische Dimension des Jahres 1945 und seiner Vorgeschichte wurde für manchen erstmals wieder real aussprechbar, für viele junge Menschen erstmals erfassbar. – (Globale)
2.10., 20 Uhr, Heilandskirche Plagwitz

Kurzfilmprogramm zum Internationalen Tag der Gewaltlosigkeit


Mit »New Neighbors« (USA 2017), »Mthunzi« (2019), »The Rabbit Hunt« (USA 2017), »Emergency« (USA 2017), »Zoo« (CND 2020), »Black America Again« (USA 2017, Dok).
2.10., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling

After Shangria La


Im April 2015 ereignete sich in Nepal das schwerste Erdbeben seit über 80 Jahren. Der Film begleitet 5 junge Nepalesen beim Wiederaufbau in ihrem Land. Im Anschluss Gespräch mit dem Filmteam.
3.10., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Das andere Leben – Demokratie und Zusammenleben in der DDR


(D 2020) – Premiere mit Podium im Anschluss – (Globale)
3.10., 18 Uhr, Felsenkeller

Mein Nachbar Totoro


Das Mädchen Mei, ihre Schwester und ihr Vater sind in ein Haus auf dem Land gezogen. Schon bald lernt Mei ihren neuen Nachbarn Totoro kennen: ein freundlicher Waldgeist, der nur von Kindern gesehen werden und nicht sprechen kann. Miyazakis schönster Film.
3.10., 14.30 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Fonja


Jugendliche, die in einem Jugendgefängnis auf Madagaskar einsitzen, berichten von ihrem Leben…
4.10., 17 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Mit starker Stimme


Dokumentarfilm über die Sängerinnen eines Berliner Mädchenchors. – anschl. Gespräch mit den Filmemachern
4.10., 16 Uhr, Budde-Haus

Truth Makes Free


Rückschau eines Priesters auf seine Biografie. – Polnisches Kino in OmeU
4.10., 20 Uhr, Cineplex

Wild Plants


Eine filmische Forschungsreise, begleitet von Fragen über das Verhältnis von Mensch und Natur. – Globale
4.10., 20 Uhr, Goase

Das Wunder von Leipzig


Doku über den Herbst 1989 in Leipzig. – Herbstkino am Matthäikirchhof
5.10., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

Wenn wir erst tanzen


Ein Dokumentarfilm über ein Tanzprojekt in der Stadt Hoyerswerda im Rahmen der 8. Leipziger Tanztheaterwochen.
6.10., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Das andere Leben – Arbeit und Wirtschaft in der DDR


(D 2020) – Premiere mit Podium im Anschluss – (Globale)
7.10., 18 Uhr, Felsenkeller

Der große Navigator. Gott ist auch nur ein Mensch
Der schwäbische Missionar Jakob Walter hat 22 Jahre lang in Papua-Neuguinea die »Kannibalen« bekehrt. Nun wird er zur Mission in die Neuen Bundesländer entsandt: Er soll im »heidnischen« Mecklenburg-Vorpommern sein christliches Werk fortsetzen. Ein unglaublicher Film über eine unmögliche Mission. – Screening Religion, Diskussion im Anschluss
7.10., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Sea Watch 3


Die deutsche Kapitänin Carola Rackete hat die »Sea-Watch 3« mit Geflüchteten an Bord ohne Erlaubnis in den italienischen Hafen gesteuert und wird vorläufig festgenommen. Die Filmemacher Nadia Kailouli und Jonas Schreijäg haben all das dokumentiert. 21 Tage lang waren sie an Bord der »Sea-Watch 3«. Vom Auslaufen bis zur Verhaftung.– im Anschluss Gespräch mit dem Filmteam
7.10., 19 Uhr, OFT Völkerfreundschaft

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