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Ein Institut mit kolonialem Namen

Warum das Orientalische Institut der Universität Leipzig umbenannt werden sollte

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Wer von »dem Orient« spricht, reduziert eine ganze Weltregion zu der Kulisse eines westlichen Märchens. Doch noch immer befindet sich mitten in Leipzig das Orientalische Institut. Ein Kommentar

»Herzlich willkommen am Institut westlicher Deutungshoheit.« So könnte eine ehrliche Begrüßung des Instituts lauten. Denn der Begriff Orientalismus dient dem globalen Norden seit einigen Jahrhunderten als Projektionsfläche für alles »exotische«. Ein märchenhafter Ort, an dem sexuelle Fantasien ausgelebt werden können. In seiner Sinnlichkeit gilt er als rückständig. Hermann Hesse, Johann Wolfgang von Goethe, Karl May – sie alle schrieben sich die Finger wund, bei dem Versuch, den Orient zu romantisieren.

Der erste Schritt zur Abwertung einer Gruppe ist die angeblich unpolitische Konstruktion dieser Gruppe. In der Kolonialherrschaft wurde der Begriff des Orients gefestigt und mit rassistischer Wissenschaft unterfüttert. Welche Region mit »dem Orient« dabei genau gemeint ist, wandelt sich. Die einzige Grenzziehung, die bleibt, ist die zwischen dem vermeintlich zivilisierten Europa und dem vermeintlich barbarischem Anderen. Dabei werden historisch der Orient und der Islam zusammengedacht. Das Gegenstück zum Orient, dem Morgenland, ist der Okzident, das Abendland. Ein verstaubter Begriff, der sein Comeback durch Pegida feierte. Ein Haufen Rechtsextremistinnen, die sich das Etikett Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes aufgeklebt haben.

Spätestens seit den siebziger Jahren, in denen der Wissenschaftler Edward Said mit seinem Buch »Orientalismus« die Debatte um den Begriff aufleben ließ, muss klar sein: Der Westen attestierte sich seine kulturelle Überlegenheit, indem er das Bild des Orients heraufbeschwor. Die AfD-Fraktion Berlin twitterte 2019 etwa: »Orientalische Hochzeit blockiert Berufsverkehr / Wilder Orient auf Spandaus Straßen.«

Man kann sich fragen: Wenn der Begriff des Orients an der Eingangstür steht, was findet sich dann erst dahinter? Dabei ist die Universität Leipzig das Zuhause vieler kritischer Studierender und Wissenschaftlerinnen. Am Institut können Studiengänge wie Arabistik, Islamwissenschaft und Konferenzdolmetschen studiert werden – wie wär es mit »Institut für Arabistik und Islamwissenschaft«? Es ist unbegreiflich, warum das universitäre Geschehen noch immer an einem Ort stattfindet, der 1934 so benannt wurde, und zwar von Nazis.

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3 Kommentare

  1. Christoph Böwing | 17. Oktober 2020 | um 22:13 Uhr

    Doch Max, das ist das Traurige daran: Das Leute wie Frau Ziem einen solchen „wirren Quatsch“ (Kommentar Vinzenz Schmidt) ernst meinen. Sie halten ein solches Elaborat auf dem Niveau eines typischen Asta-Flugblatts oder eines schlechten Studierenden-Essays auch noch für ein veröffentlichungswürdiges Stück kritischen (Qualitäts-)Journalismus. Damit hat diese „Text-Collage“ in ihrer selbstgerechten Subjektivität und ihrer selektiven (d.h. entweder aus Unwissenheit oder mit Absicht völlig aus dem historisch-kulturellen Zusammenhang gerissenen) Argumentation rein gar nichts zu tun. Und dann noch die komische Zeichnung (Karikatur?), die den Artikel illustriert: Soll das ein „böser Nazi“ sein, der am „Orientalischen Institut“ als autoritärer Hausmeister bzw. als strammer Blockwart sein „braunes Unwesen“ treibt bzw. getrieben hat?